Die Altenkrankheit


(Auszug)

Dass die Allinger verrückt sei, erzählt man sich. Alzheimer. Das fängt immer so an, zuerst bekommen sie seltsame Ideen, und bald darauf erzählen sie das Blaue vom Himmel. Dass man sie einsperre und verhungern ließe. Dabei soll ihr der junge Allinger noch gut zugeredet haben. Dass das ein Blödsinn sei, in ihrem Alter, wie sie sich das denn vorstelle, das ganze Dorf werde sich lustig machen über sie, und auf ihn werde man mit dem Finger zeigen, dass er seine Mutter nicht mehr im Griff habe.

„Nein“, soll er gesagt haben, „nein, das lass ich nicht zu!“

Edith saß auf der harten Küchenbank, verschränkte die Arme vor der Brust und schob die Unterlippe vor. „Ich lass mir doch von dir nichts vorschreiben!“, sagte sie. Ganz ruhig blieb sie dabei, aber der Allinger schlug trotzdem mit der Hand auf den Tisch. „Fix noch einmal, mit dir is´ auch nimmer reden!“. Dann polterte er mit seinen schweren Arbeitsstiefeln über die Dielenbretter und schlug die Tür hinter sich zu.

Zwei Stunden später ist er bei uns am Tisch gesessen und hat uns vom Streit mit seiner Mutter erzählt. Wenn der wüsste, was ich weiß, habe ich mir gedacht und in meine Stopfarbeit gegrinst. Edith hatte sich ja schon längst für den Kurs angemeldet. Und am Informationsabend war sie auch gewesen, heimlich, ihrem Sohn hatte sie gesagt, sie fahre zum Arzt. Und recht hat sie! Ihr ganzes Leben lang hat sie zurückgesteckt, für den Hof, für die Familie, auch wenn sie damals freiwillig mit dem Franz in unser Dorf gekommen ist. Dass sie arbeitsscheu gewesen ist, kann man ihr wirklich nicht vorwerfen. Tut auch keiner, obwohl sie damals alle gesagt haben: Eine aus der Stadt, das tut nicht gut.


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