Loftbezug - 5.4.2013


Wenn Tage um 4:30 beginnen, hat man um 14:00 das Gefühl, schon unheimlich viel geschafft zu haben. Die Autorin dieses Blogs klopft sich normalerweise auf die Schulter, wenn sie sich um 9:00 mit einer Tasse Kaffee vor ihr MacBook setzt. Muss sie auch, denn wie die meisten lebt sie nicht vom Schreiben allein. Das ist so ein Irrglaube: Du schreibst einen Roman, ein Verlag findet ihn gut und schon ist das Häuschen am Meer samt mechanischer Schreibmaschine nicht weit. Weit gefehlt, wie die meisten „freien“ SchriftstellerInnen erkämpfe ich mir meine Schreibzeit zwischen Bürozeiten, ehrenamtlicher Tätigkeit und selbständiger Tätigkeit.

Aufenthaltsstipendien und Bürozeiten mögen sich bekanntlich nicht.

Dass ich auch gerne mal nach Sylt würde, habe ich meinem Chef vor einem Jahr verraten. „Warum bewerben Sie sich nicht?“, hat er mich aufgefordert. „Wenn Sie mir 3 Monate freigeben, mach ich´s sofort!“, war meine Antwort, aber die hat ihm dann natürlich nicht gefallen.

Man muss dazu sagen: Mein Chef ist alles andere als bösartig, aber unsere Tätigkeiten sind nun mal so gelagert, dass wir beide voneinander abhängig sind. Ich von ihm finanziell, er von mir, weil ich seine Termine koordiniere und ihm den Rücken freihalte. Denn die Schreiberin dieses Blogs ist nicht Universitätsprofessorin für Germanistik oder Sprachwissenschaft, schon gar nicht ist sie Quantenphysikerin. Sie ist Sprechstundenhilfe in einer HNO-Ordination. Was natürlich auch heißt: Sie wird die nächsten 3 Monate pendeln müssen. Als Autorin hat man die Möglichkeit, im Zug seinen Laptop aufzuklappen. Auf der Stecke Wien-Villach gibt es W-Lan, die ÖBB-Sitze verfügen über integrierte Steckdosen. Das Arbeiten im Zug ist ein intensiveres als das am Schreibtisch, denn man rennt dazwischen nicht in die Küche, um den Abwasch zu erledigen.

In Judenburg hat man die Möglichkeit, in den Wald zu springen und den Kopf frei zu bekommen. Das Zirbenland ist schon was anderes als der Wiener Wald oder gar der Grüne Prater. Danach setzt man sich an den Tisch im Atelier oder an den Tisch in der Küche mit Blick aufs Stahlwerk, später im Jahr wird es der Tisch auf der Terrasse sein. Bei mir wird alles ein wenig komprimierter ablaufen. Die Zeit rennt mir schon jetzt davon. Die Spaziergänge werden Spaziergänge bleiben, die Zirben möchte ich im Sommer dennoch riechen. Schicke ich halt meine Protagonistin in den Wald, dann nennt man das Recherche.

Das Loft ist wunderbar – nur ein wenig kalt ist es noch. Ich bin verwöhnte Wienerin, Neubau, starke Heizkörper, 24 Grad. Heute sitze ich mit 2 dicken Westen am Laptop und überlege, mir die Daunenjacke auch noch anzuziehen. Die anderen sind noch nicht da, kommen erst. Keiner klopft an die Verbindungstür. Vom Atelier zieht es kalt herauf. Es ist ruhig. Jetzt hat der Regen nachgelassen. Tag Eins. Morgen kommen meine KollegInnen von GRAUKO. Gemeinsam werden wir einen Baum aussuchen. Werden die Literaturbaum-Lesung, die wir nicht Maibaumlesung nennen wollen (das könnte hier zu Verwirrungen führen), planen. Ein öffentlicher Baum sollte es sein, sagte Sibylle zu mir. Aus ihrer Rede hörte ich heraus, dass man die öffentlichen Straßen und die privaten nicht so leicht wird voneinander unterscheiden können. Wir werden uns sicherheitshalber 2-3 Bäume aussuchen. Und hoffen, dass wir einen von ihnen in einem Monat beschmücken dürfen. Mit Literatur. Die dann hoffentlich nicht der Regen weg wäscht.