Sarajevo 2013 - Zu Gast in Belmas Haus


Sarajevo liebt bei Nacht und weint bei Tag


Der erste Abend. Sitze in der Bascarcija und laufe durch das Viertel. Esse Cevapi, denn das muss man in Sarajevo. Überlege, wie ich es anstellen könnte, mit Leuten ins Gespräch zu kommen – immerhin bin ich hier, um etwas über das Leben in Sarajevo zu erfahren. Ich habe keine Ahnung. Meine Gastfamilie zieht KM (Konvertmark) dem Euro vor – Ich mache mich auf die Suche nach einem Bankomat. Viele Hunde vor den Mülltonnen. Ich erinnere mich an die Berichte und Dokumentationen. Dass die Haustiere während der Belagerung oft ausgesetzt werden mussten. Die Menschen hatten nichts zu essen. Nicht für sich, erst recht nicht für ihre Tiere. Frage mich, ob nicht auch die vielen Straßenhunde eine Folge des Krieges sind.Sarajevo. Im Abendlicht, bei Nacht. Sarajevo am Morgen. Der erste Kaffee in der Bascarsija. Ich spaziere zwischen den Häuserzeilen hinauf. Keinen Tag bin ich hier und habe mich Hals über Kopf in die Stadt verliebt. Sarajevo – das erinnert mich ein bisschen an Graz (Die Hügel rundherum). Sarajevo – die Kinder, die Bälle gegen Hauswände prellen. Die Vorgärten. Die kleinen Häuschen, die du zwischen den Wohnblöcken findest. Die alte Frau beim Greißler. Die Männer, die in stiller Übereinkunft Kaffee trinken. Die hübsch gekleideten Frauen. Die Minarette und die Kirchtürme. Nein – das allein war es nicht. Sarajevo – entweder es passiert Ihnen dasselbe wie mir und Sie verfallen der Stadt, oder eben nicht. Ich erzähle Murat, meinem Gastgeber, von meinen Empfindungen. Du hast noch nicht alles gesehen, sagt er. Schau dir Sarajevo im Nachmittagslicht an, geh die Miljacka entlang. Nicht alles in schön in Sarajevo, man sieht der Stadt ihre traurige Vergangenheit an jeder Ecke an. Ja, ich gehe die Miljacka entlang. Murat hat recht. Die Stadt liebt am Abend und weint bei Tag. So viele Gefühle überfallen mich hier. Natürlich – ich bin nicht unbefangen. Seit einem Jahr lese ich alles über Sarajevo und seine Bewohner. Ich habe Dokumentationen gesehen, ich habe Romane gelesen. Und plötzlich bin ich wirklich hier – und alles ist so anders, als ich es mir vorstellte und doch genau so, wie ich es fühlte.


Am Abend sitze ich das erste Mal auf Belmas Bank. Pölster im Rücken, schwarzer, süßer Kaffee. Murat klemmt einen Melassewürfel zwischen die Zähne. Du musst den ersten Schluck durchziehen, sagt er. Ich mache es ihm nach – ich habe jedoch noch nie gerne Zuckerwürfel zerbissen. Einen Würfel in der kleinen Schale zergehen lassen, das gefällt mir. Ich mag süßen Kaffee und das erste Mal schmeckt mir der Kaffee schwarz. Er ist sämig, sanft. Wir schenken uns immer wieder nach. Worüber haben wir gesprochen in der ersten Nacht? Wir haben uns so oft und lange unterhalten, Belma und ich. Ins Bett gingen wir nie vor 2, manchmal wurde es gar 4 Uhr morgens. Belma erzählte von ihrer Zeit in Deutschland. Das war nach den Jahren, die sie in diesem Kessel eingesperrt gewesen ist. Ich muss sie nicht fragen, sie erzählt von ganz alleine. Ich werde Belmas Geschichte hier nicht erzählen – es ist ihre Geschichte. Die drei Jahre, die sie täglich Wasser holte oder Feuerholz sammelte. Der Weg, den sie fast täglich zurücklegte, um ihre Mutter zu versorgen. Als die ersten Granaten die Stadt trafen, war Belma Anfang 20 und hatte gerade zu studieren begonnen. Sie zeigt auf die Glasscheibe in meinem Rücken. Hier herein hat man gut zielen können von den Bergen aus, sagt sie. Ihre Schwiegereltern und sie siedelten ins Untergeschoss – es ist der Teil, den sie heute an Touristen vermieten. Ich muss Belma nichts fragen. Ich hätte auch gar nicht gewusst wie. Ich habe Glück. Es ist, als ob jemand dort oben (Gott? Das Schicksal? Oder meine Großmutter?) darauf achtet, dass mir alles in den Schoß fällt. Belma, ihr Mann, ihre Tochter, diese Bank, auf der ich 4 Nächte lang sitzen, zuhören und diskutieren werde. Belma erzählt aus ihrem Leben. Lässt mich an ihrer Welt teilhaben. Belma erzählt von ihrer Kindheit, als Tito noch lebte. Belmas Sichtweise ist eine, die mich überrascht. Haben wir nicht vom scheußlichen Diktator gelernt? Habe ich nicht von Goli otok gelesen? Die Tito-Nostalgie lebt hoch in Bosnien, davon habe ich schon gehört. Belma erklärt mir warum. Unsere Eltern haben sich keine Sorgen machen müssen, wie sie die Bildung ihrer Kinder finanzieren – und ob sie danach einen Job bekommen. Belma erzählt von ihrem Sohn, der in Deutschland geboren wurde. Der auch nach Deutschland ging, nach dem Gymnasium, weil es dort Arbeit gab. Der wieder zurückkam, weil er das Leben in Deutschland genauso wenig aushielt wie seine Mutter. Ihr westliche Frauen, ihr wisst doch gar nicht mehr, was wichtig ist, sagt Belma. Ihr springt vom Pyjama ins Arbeitsgewand und kommt spätabends ausgelaugt und müde nach Hause. Eure Kinder verbringen den ganzen Tag im Kindergarten und eure Ehen gehen in die Brüche, weil beide Partner gestresst und todmüde sind und nur mehr vor dem Fernseher hängen.Belma hatte in Deutschland eine gute Stelle in einer Notariatskanzlei. Ihr Mann verdiente ebenfalls gut – besser als hier in Sarajevo. Dennoch entschieden sich die beiden, in ihre Heimatstadt zurückzukehren. Oder besser: Belma entschied. Sie traf die Entscheidung als sie das zweite Mal schwanger wurde, weil ihr Sohn sie jedes Mal mit verweinten Augen im Kindergarten erwartet hatte. Belma und Murat kamen also zurück. Heute wachsen in ihrem Garten Tomaten, Zucchini, Gurken, Kartoffeln, Minze und andere Kräuter. Belma setzt Melissen-Ingwer-Saft an, den sie in Colaflaschen einfriert. Das Leben in Sarajevo mag für uns Österreicher billig sein – Belma muss das Geld zusammenhalten. Murat verdient regelmäßig, das ist hier schon viel wert. Und trotzdem bitten mich die beiden an ihren Tisch, um mit ihnen zu essen.