Sarajevo 2013 – Zu Gast in Belmas Haus


Religion und Touristenpfade


Vier Nächte lang unterhalte ich mich mit Belma. Wir sind zu Freundinnen geworden. Weißt du, was das einzig Positive an diesem verdammten Krieg war?, fragt Belma. Früher habe ich vor so vielen kleinen Dingen Angst gehabt und habe mir ständig Sorgen gemacht. Im Krieg kommst du drauf, wie unwichtig solche Dinge sind. Heute weiß ich, was im Leben wichtig ist.“ Belma ist Muslima. Wenn sie beten geht, lässt sie mich für 10 Minuten allein, um in einen Nebenraum zu gehen. Sie hält sich nicht strikt an die Zeiten wie Murat. Dass sie zu ihrer Religion im Krieg gefunden hätte, erzählt sie. Der Glaube gab vielen Kraft, sagt sie, viele haben im Krieg zu beten angefangen. Wir sprechen über den Koran. So, wie mir Belma mir ihre Religion erklärt, trägt sie zu Frieden und Verständigung und auch Nächstenliebe bei. Der Mann ist der Beschützer der Frau, klärt mich Belma auf, aber er hat sie gut zu behandeln. Mit Respekt. Ich weiß, in der westlichen Welt zitiert man gerne jene Stellen, die anders klingen. Ich habe den Koran nie gelesen. Aber ich habe keine Angst vor dem Islam, ich habe Angst vor jenen,


die die Religionen instrumentalisieren. Gehen Sie an einem Abend durch Sarajevo und lauschen sie. In der Stille findet ein unendlich schönes Aufeinandertreffen der Religionen statt. Und in der Bascarcija trinken nicht nur Muslime ihren Kaffee aus den kleinen Schälchen. Der Krieg hat das Zusammenleben zerstört, das gibt auch Belma zu. Heute sind viele misstrauischer als vor dem Krieg. Dennoch: Viele, die heute als Bosniaken bezeichnet werden, haben serbische und kroatische Freunde. Im Winter feiern wir 3 Feste, sagt Belma. Wir sind an Weihnachten genauso eingeladen wie unsere Freunde an Bayram. Eine Woche bin ich in Sarajevo – davon einen Tag in Mostar. Mein Zimmernachbar – ein Engländer, der Klo und Bad jedes Mal in einem entsetzlichen Zustand hinterlässt – fragt mich, ob ich diese und jene Kirche gesehen hätte. Ob ich durch den Tunnel gekrochen wäre. Und ob ich wisse, dass Sarajevo die Stadt sei, die die längste moderne Belagerung erlebt hätte. Ich erzähle ihm von meinen Abenden auf Belmas Bank. Wieso ich so viel bei dem Ehepaar hocke, ich würde doch gar nichts von der Stadt sehen, bekam ich zur Antwort. Und ob ich von seinem Käse haben wolle? Ob ich mir die Rodelbahn der Olympischen Spiele schon angesehen hätte? Was hätte ich darauf antworten sollen? Beim Trebevic denke ich an die serbischen Schützen, die auf das Fenster in Belmas Obergeschoss zielten. Ich kann Ihnen nicht viel über die Sehenswürdigkeiten Sarajevos erzählen – wann welche Kirche wann erbaut wurde und wann welche Moschee. Ich habe die wichtigsten Gebäude wohl gesehen – auf meinen Streifgängen durch die Stadt. Ich habe Danijels Wohnung gesucht und gefunden und Belmas Erzählungen nachwirken lassen. Nach einer Woche stieg ich in den Bus und fuhr zurück nach Wien. Ich habe Belma mein Buch geschickt, ich habe ihr geschrieben, aber ich habe sie nie angerufen. Ich habe noch immer kein Skype auf meinem Laptop installiert. Ich bin schlecht in diesen Dingen – hoffe, dass sie sich bei meinem nächsten Sarajevo-Besuch trotzdem über ein Wiedersehen freuen wird…