Kiel – 15.-18.Mai 2014, Festival des Europäischen Debütromans


Reisebericht an das BMUKK

Der Tag startet hervorragend, mit Windböen und einer herzlichen Umarmung, denn die Autorin hat bei ihrer Freundin in Wien übernachtet, um am Morgen rechtzeitig am Flughafen zu sein. Graz als Wohnort hat seine Vorteile ( bzw Nachteile…)

Die Cantinetta der Freundin blubbert um 6:25. Fünf Minuten noch, dann muss ich los. Aber was, sagt die Freundin, du brauchst doch keine dreiviertel Stunde bis Landstraße. Nein, natürlich nicht. Aber ich gehöre zu den nervösen Reisenden, Flüge gehören da ganz besonders dazu. Man stelle sich vor, die U-Bahn bleibt stecken, die S-Bahn hat einen Oberleitungsschaden (Man kennt das ja aus meinem Roman, der nun nach Kiel reisen soll)… Die Angst, überallhin zu spät zu kommen, habe ich von der Großmutter in die Wiege (oder besser: ins Abteil) gelegt bekommen, warum wird man im nächsten Roman erfahren. Hoffentlich. Der zweite Roman schreibt sich bekanntlich nicht ganz angstfrei.

Mit dem Lift hinunter zur U3. Der Zug zeigt gerade sein Hinterteil, aber das macht nichts, und wenn der nächste erst in 20 Minuten käme, ginge es sich immer noch locker aus. Wie gesagt. Aber auf der Anzeige wird bloß eine Minute Wartezeit vorhergesagt.

Leider kommt kein Zug. Stattdessen eine Durchsage: Kein regelmäßiger U3-Verkehr…

Gerade noch rechtzeitig am Flughafen – nach einer Odyssee – der teure Cat musste genommen werden, das ÖBB Ticket verfiel (die Autorin denkt an den schrumpfenden Fördertopf und die Rechnung für Flugtickets und ÜbersetzerInnen, die demnächst eintrudeln wird – in unbekannter Euro-Höhe…)

Zusammentreffen von Autorin und Lektorin am Gate..

Angekommen in Hamburg geht es gleich weiter mit dem Shuttle-Taxi nach Kiel. Alles bestens organisiert, von Anfang an. Wir erreichen das Hotel, werden freundlich begrüßt und bekommen unsere Mappen mit dem Zeitplan für die nächsten Tage sowie die Broschüre mit den übersetzten Textteilen. Interessant für mich zu sehen : während die französische Übersetzung mein Mindestgefühl an Rhythmus befriedigt, stelle ich fest, dass die englische Übersetzung eine Wort-für-Wort Übertragung ist. Mit einer einzigen Ausnahme: Das Wort Welt wurde völlig sinnloserweise durch das Wort Tag ersetzt. Da bemüht man sich 7 Jahre um Sprache und Rhythmus – nun … auch daran werde ich mich wohl gewöhnen müssen, es ist ja nur ein „Werkzeug“ wie es heißt, um einen ersten Eindruck zu gewinnen.

Einen ersten (sehr kleinen) Eindruck der Romane gewinnen wir auch beim Lesefest im Literaturhaus. Nach einem exzellenten Abendessen in einem sehr entzückenden Ambiente am Meer (samt Erstbeschnupperung der anderen AutorInnen und LektorInnen sowie der Verantwortlichen) machen wir uns auf zum alten Botanischen Garten, dessen ehemaliges Gartenhaus nun die Funktion eines Literaturhauses erfüllt. Ein wunderschöner Platz für ein Debütfestival – oder Hochzeitsfotos. Wie wir am letzten Tag erfahren werden, haben sich manche KielerInnen vor 20 Jahren sehr für den Erhalt des Botanischen Gartens einsetzen müssen, damit die Fläche nicht verbaut wurde.

Der Abend ist kühl, wir schlüpfen gegen Mitternacht ins bestellte Großraumtaxi, auf das wir lange warten mussten. In Kiel gibt es nicht viele Taxis – und Donnerstag ist hier der Tag, an dem die StudentInnen üblicherweise ausgehen, da Freitag keine Vorlesungen stattfinden. Andere Länder, andere Sitten, denke ich und muss mich an den Londoner Brauch erinnern, die Wochenmitte zu betrinken.

Das Hotel ist ein Traum, von dem wir nicht viel mitbekommen. Nach der Ankunft hatte ich noch ein wenig die Nachmittagssonne genießen können – der Gedanke, für ein Hotel mit Meerblick aufzuzahlen, hatte mich noch kurz beschlichen, aber mittlerweile kenne ich die Romanfestivals gut genug, um zu ahnen, dass man sowieso nicht viel vom Meerblick sieht.

Was sich schon am nächsten Tag als Tatsache herausstellt. Das Festival ist gut geplant, jede Minute vorherbestimmt. Gemeinsam spazieren wir um 9h morgens los – im Botanischen Garten wird ein Gruppenfoto geschossen. Dann sind wir auch schon dran – Mittelstadtrauschen ist die erste von insgesamt 10 Präsentationen. In Englisch. Über sein eigenes Buch zu sprechen und die vielen Handlungssträngen kurz zu erklären ist schwer genug – aber in einer Fremdsprache erscheint es fast unmöglich. Diese Angst ist aber auch nur eine Form des sprachlichen Perfektionismus, die man hier ablegen muss – wir arbeiten hier mit schlechtem Werkzeug, die Übersetzerinnen ölen unsere Sätze notdürftig, indem sie uns schnell die erfragten Vokabel zuwerfen.

Am ersten Vormittag finden die Romanpräsentationen statt. Ich sitze in 2 Decken eingehüllt und friere. Ob ich krank sei, werde ich gefragt – von Menschen, die in kurzen Ärmeln herum gehen. Nein, ich bin erfrorene Österreicherin. Außerdem unterstellt man mir gerne eine kroatische Seele – da darf ich ruhig ein bisschen schneller frieren als andere. (Warum allerdings die Spanierin weniger leidet als ich, kann ich nicht sagen, vielleicht, weil sie Galizierin ist. Ich kann mich erinnern, dass es dort ganz schön kühl werden kann. Das kann es allerdings in Wien auch. Aber ich bin ja nach Graz gezogen. Und deswegen käme nie auf die Idee, den Kielern nach dem Frühstück ins Meer nachzuspringen. Ich sehe lieber vom Fenster aus zu…)

Am Nachmittag dann die Schifffahrt nach Laboe. Davor noch: Essen. Herrliches Essen, gutes Essen (im Moment sitze ich gerade mit geöffnetem Hosenknopf im Flugzeug nach Wien. Langsam habe ich eine Vermutung. Man schickt uns DebütantInnen zu Festivals, damit wir endlich wieder ein bisschen zunehmen… Als neue Selbständige sind unsere Kühlschranke leer, und das mit dem Tagesrhythmus beherrschen wir auch noch nicht so richtig …)

Das Schiff ist gut geheizt. Martina Schmidt und ich sitzen bei Tee, während die anderen an Deck frieren. Das ist das Schöne an so einem Festival: Man hat endlich Zeit, die eigene Lektorin kennen zu lernen. Eine Seltenheit. Wie wir (europäischen DebütantInnen) übrigens alle feststellen (in der AutorInnengesprächsrunde am 3. Tag.) Ob wir mit unseren Verlagen zufrieden seien, fragt man uns – jetzt hätten wir die Möglichkeit, über Missstände zu schimpfen, denn die ProgrammleiterInnen säßen bei geschlossener Tür im Oberstock. Wie sich herausstellt, gibt es keine Missstände. Nur mangelnde Zeit … In einem Verlag bleibt nicht viel Raum für persönliche Betreuung, auch wenn sich unsere LektorInnen alle sehr bemühen.

Ab wann ist man AutorIn? Und wie fühlt es sich an, wenn sich ein Lebenstraum erfüllt? Wenn man sich plötzlich fragt: Ist das wirklich das Leben, das ich will – jetzt, da das Schreiben kein „Hobby“ mehr ist, für das man Zeit rausschindet, sondern – wie in meinem Fall – Beruf? Wenn man nüchtern bemerkt: Es wird immer eine offene Baustelle geben. Kaum ist der eine Roman geschrieben, befasst man sich auch schon mit dem nächsten. Das hört nie auf. (Natürlich könnte es, wenn man wollte. Aber ich will ja nicht. )

Plötzlich sind Verkaufszahlen wichtig. Jeder, der es zum Debütfestival geschafft hat und sagt: Mich stört es nicht, wenn das nächste ein Flop wird, lügt. Hier sitzen jene DebütantInnen, die ungewohnt viel Aufmerksamkeit erhalten haben. Das ist doch etwas Schönes, aber auch etwas, das die Erwartungen steigert.

„Aber man muss doch schreiben, was einem am Herzen liegt.“ – Ein Satz, der in unserer Runde oft fällt. Also jetzt erst recht. Keinen Leser im Kopf. Wieder zu dem finden, was man beim ersten Mal spürte. Den Drang, dieses eine Ding schreiben zu müssen – nichts anderes zählt.

Während oben über Amazon und den eBook-Markt geredet wird, teilen wir im Erdgeschoss unsere Ängste. Der / die eine hat sie mehr, der/ die andere weniger. Aber sie sind da…

Schreib einfach, leg die Angst ab, sagt mir Susan Bindermann, die meinen Roman sehr lobt und als Literaturagentin arbeitet. Genau, bestätigt der holländische Lektor, Verkaufszahlen sind nicht das wichtigste. Schreiben kannst du ja.

Kann ich es? Woher wollen die beiden das wissen? Und was heißt: Leg deine Angst ab. Ist die Angst ein Mantel?

Stell dir vor, du hast Höhenangst, sage ich. Ich zwinge dich auf den Eiffelturm … und jetzt schau hinunter, dort siehst du Paris, wie du es nirgendwo sonst siehst… Ist doch ganz leicht, leg deine Angst ab, es passiert nichts, tausende Menschen stehen täglich dort oben.

Ich merke: VerlegerInnen haben keine Ahnung. Sie wollen uns mit ihren Sätzen beruhigen, sie bestärken uns. Sie sind ein bisschen wie Mutter und Vater. Wir sind ihre Nesthäkchen – sie haben uns adoptiert. Natürlich wollen wir, dass sie weiterhin stolz auf uns sind.

Vielleicht, so beschleicht mich die Vermutung, schreiben wir den 2. Roman vor allem für unsere Adoptiveltern. Meine Frage ist viel zu oft: Wird der neue Text meiner Lektorin gefallen?

Mein Schweizer Kollege sagt: Ein Satz, für den ich nicht eine Stunde denke, ist nicht gut. Zu leicht dürfe es nicht gehen. Ich denke: Ein Satz, an dem ich zu lange feilen muss, sollte lieber ganz gestrichen werden.

Schreib so, wie es für dich gut ist, lass dich nicht verunsichern, sagt mir Martina, als ich ihr davon erzähle. Als ich sie frage: Bin ich zu ungeduldig?

In Verlagen bekommt man nicht immer das Feedback, das man sich wünscht. Das grenzenlose Vertrauen meiner Lektorin in mein neues Projekt ist etwas, das mich verunsichert. Ich bin Kritik gewöhnt.

Selbsthilfegruppe für DebütantInnen – so schrieb Herr Paterno vom Profil abschätzig über das Grazer AutorInnen Kollektiv, dem ich angehöre, und dessen Mitglieder ich um Hilfe bitte, wenn ich mir nicht sicher bin, ob meine Handlungsstränge nachvollziehbar sind. Ob ich zuviel oder zu wenig erkläre. Ob die Sprache für diese eine Szene die richtige ist.

Selbsthilfegruppen. Man gesteht uns AutorInnen also immer noch nicht zu, AutorInnen zu sein, wenn wir nicht still im Kämmerlein sitzen. Was würde Herr Paterno wohl zu diesem Festival sagen? Gruppentherapie in Kiel? Atmen gegen die Angst in am Meer?

Was ich von diesem Festival mitnehme:

Wir waren 10 AutorInnen, die unterschiedlicher nicht sein konnten. Themen, Sprache, Arbeitsweise … alles unterschied uns. Aber eines hatten wir gemein: Plötzlich ist unser Traum Wirklichkeit geworden. Da gibt es kein ultimatives Ziel mehr, auf das wir hinarbeiten. Einen Roman zu schreiben, der so gut ist, dass ein Verleger ihn in sein Programm aufnimmt, obwohl dich niemand kennt, ist eine Sache. Eine andere ist es, weiterzuschreiben. Jetzt geht es darum, professionell zu arbeiten. Wir müssen zu einem Schreibrhythmus finden, der uns zufriedenstellt. Plötzlich ist auch das Lesen Teil unserer Arbeit. Sogar das Spazierengehen.

Und dann gibt es da noch andere Dinge. Wie Selbstvermarktung. Wer bin ich, was gebe ich von mir Preis und in welcher Form? Blogs, Facebook … und sei es, dass du deine Orchideen postet, die LeserInnen wollen wissen, wer du bist. (Es gibt ohnehin genug Berichte, auf die man keinen Einfluss hat.)

Irgendwann ist auch die Entscheidung da: Es soll doch noch Zeit zum Schreiben bleiben. Da ist die Frage nach dem Honorar, das bei öffentlichen Lesungen eine Bedeutung gewinnt. Plötzlich sind nicht mehr wir es, die danken, dass wir lesen dürfen, sondern man dankt uns …

That´s all about being a debut-author.

Man telefoniert stundenlang mit dem Finanzamt statt zu schreiben. Und nach dem Schreiben steht man plötzlich da und sagt: Was jetzt? Welchen Ausgleich finde ich zum Lesen und Schreiben und Recherchieren? Wie entspanne ich nach dem oft mehrstündigen Mailverkehr? Muss ich mir jetzt eine Ukulele kaufen?

Mittlerweile ist es 22:25 und ich sitze in der Bahn von Wien nach Graz. Sie verlangen einen Reisebericht von einer neuen Autorin, die ihr Land beim europäischen Festival des Debütromans vertreten durfte. Da darf man schon etwas verlangen, sagen Sie. Sonst hätten wir ja eine andere schicken können …

Sie fragen mich nach dem Output. Das Debütfestival bringt AutorInnen und VerlegerInnen unterschiedlicher Länder an einen Tisch. Natürlich geht es um den Austausch (Geben Sie mir Ihr Buch mit, ich werde es mir näher ansehen). Natürlich geht es um die Hoffnung auf Verträge. Um Networking, wie es so schön heißt. Aber ich unterstelle Herrn Sandfuchs aus Kiel vor allem eines. Immerhin ist es sein 12. Debütfestival und er weiß, welche Dinge geschehen. Er weiß, dass wir AutorInnen am runden Tisch über unsere Ängste sprechen und er weiß, dass die LektorInnen währenddessen über den Giganten Amazon jammern. Er weiß, dass es nachher auch von allen heißen wird (wenn auch ein bisschen hinter vorgehaltener Hand): Also, dieser Teil war ja nett aber überflüssig.

Ich unterstelle Herrn Sandfuchs, dass er weiß, dass dieses Debütfestival tatsächlich (nicht nur und nicht vordergründig aber auch) ein bisschen die Funktion einer „Selbsthilfegruppe für DebütantInnen“ aufweist. (Ja, Herr Paterno, Sie haben recht.) Als Debütantin ist es schwer, über die eigenen Sorgen zu sprechen, v.a. wenn deine Freunde gerne schreiben wie du aber noch keinen Verlag gefunden haben. In Kiel hatte ich endlich die Möglichkeit, mich mit Menschen auszutauschen, denen es ging wie mir.

Ich habe einen Reisebericht begonnen – und ich habe ihn von Anfang an so geschrieben, wie er nicht geplant war. Der Stress mit der U3 – und dann berichte ich Ihnen nicht nicht einmal von den Programmpunkten sondern schweife ab. Aber was erwarten Sie von einer Autorin, die ihren Romankonzepten nie treu bleibt (sonst gäbe es Mittelstadtrauschen nicht – oder glauben Sie, die vielen Handlungsstränge waren von Anfang geplant?)

Sie bekommen von mir ein Stück Literatur. Triviale Bahnliteratur, nennen wir es so.

Und wenn Sie sich fragen: Warum sollen wir diese Reise nach Kiel weiterhin fördern?

Nun, aus Lesersicht sage ich: Dort gibt es 10 tolle Romane zu entdecken – und wenn Deutschland sie uns nicht (wie im Fall Razon) wegschnappt hat, kommen sie vielleicht in österreichischen Verlagen heraus. Moderne Gegenwartsliteratur aus Polen, Finnland, Galizien,…. (Das polnische Debüt zum Beispiel reiste mit nach Wien.)

Aus Sicht einer Debütantin verrate ich Ihnen: Es ist anstrengend, sich mit anderen auszutauschen. Es braucht tatsächlich 3 Tage, bis man den anderen (die ja auch ein KonkurrentInnen sind – immerhin stand ich mit dem Schweizer Kollegen gemeinsam auf einer Shortlist und mit dem deutschen Kollegen las ich schon um die Gunst eines Publikumpreises) vertraut. Danach geht man ein wenig beruhigter hinaus. Und mit ein bisschen mehr Selbstvertrauen. Die Literaturmaschine mag ein zähnefletschendes Monster sein, aber solange Menschen einander als Menschen begegnen, ist alles machbar.

Was ich noch vom Debütfestival mitnehme? Ich habe jetzt ein neues Hobby. Ich habe in Kiel die Ukulele entdeckt und mir selbst eine zugelegt.