Art Guerilla Camp, Banja Luka – Logbuch


25. August 2014

Nach einem Jahr also wieder nach Bosnien.

In das „andere“ Bosnien. Das, das ich voriges Jahr nur aus der Bahnscheibe heraus gesehen habe.

Über Banja Luka haben wir nicht gesprochen an Belmas Tisch. Vor einem Jahr kletterte ich in Sarajevo aus der Bahn. Fragte mich, wie ich es anstellen sollte, hier die Leute kennen zu lernen, die mir von ihrem Leben erzählen würden. Ich hatte noch nicht einmal ein Hotelzimmer.

Ein vierzehnjähriges Mädchen sprach mich an, als ich gerade von der letzten Stufe sprang. Mit meinem Rucksack verkörperte ich den idealen Gast für eine günstige Herberge nahe der Innenstadt.

Belmas Tisch. Ein Holztisch wie er auf Straßenfesten verwendet wird: Eine Platte bestehend aus drei Holzlatten, ein grünes Kreuz aus Eisen, zusammenklappbar. Die Sitzbank selbstgezimmert, darauf Teppiche und Polster.

Die unzähligen Zigaretten die wir in den Nächten rauchten, während Belma erzählte.

Kroaten, Bosniaken, Serben … Katholische, Orthodoxe, Muslime. Was soll der Unsinn?, fragt sie. Wenn schon dein Urgroßvater in Bosnien zur Welt gekommen ist, wieso sagst du dann auf einmal, du seist Kroate?

Sie erzählt. Von ihrer Mutter, der sie täglich Wasser brachte (quer durch die belagerte Stadt) und den Schwiegereltern, in deren Haus ich nun sitze. Ein altes Haus, eines der ältesten in der Stadt. Die Scheibe, gegen die ich mich lehne, die, durch die geschossen wurde. Zur Zeit der Belagerung wohnte die Familie in den Zimmern, in denen jetzt der Engländer und ich schlafen. Nur Belmas Mann war damals schon in Deutschland. Ein halbes Jahr vor dem ersten Schuss fand er dort eine Stelle als Gastarbeiter.

Belma erzählt, ich höre zu. Ihre Liebe zu Tito, die Nostalgie. Ich habe es aufgegeben, sie nach den Gulags zu fragen. Was weiß ich schon von Jugoslawien, wie es vorher war, was weiß ich vom Krieg, was weiß ich von Bosnien, wie es heute ist? Ob du in den Gulag kamst oder nicht, sagt Belma, konntest du selbst beeinflussen. Ob du es überleben würdest, wenn du Wasser holen gingst oder nicht, hing von der Laune jener ab, die auf den Bergen saßen.

Belma spuckt Gift. Der Bergriff „srpska“ macht sie wütend. Bosnier!, sagt sie, wir sind doch Bosnier! Wozu verstecken sich die Leute dort? Ihre beste Freundin sei Serbin. Früher war der Weg zur Freundin einer, den sie ohne Gedanken ging. Die Wohnung der Freundin ist dieselbe geblieben – heute liegt sie in der Republika Srpska.

Ich sitze auf Belmas Bank und kreuze die Beine, stopfe mir die Polster in den Rücken. In meinem Zimmer liegt mein Handy, als ich Zigarettennachschub hole, sehe ich, dass ich zwei sms erhalten habe. Ich schreibe nicht zurück, ich will wissen, wie es weiterging. Nachdem Belma durch den Tunnel ist.

Sieben Jahre Deutschland. Dort hüpfen die Frauen vom Schlafanzug in die Bürokleidung. Um sieben Uhr abends kommen sie müde nach Hause. Das sei kein Leben, sagt Belma.

Als sie das zweite Mal schwanger wurde, bestand sie darauf, zurückzukehren. In ein geteiltes Bosnien. In eine Heimat, nach der sie sich sehnte, aber in der es keine Arbeitsplätze gab. Belma ist Juristin, ihr Mann Elektriker. Sie haben in Deutschland beide gut verdient. Jetzt führt ihr Mann ein kleines Unternehmen. Morgens steht er auf und verlässt das Haus ohne Kaffee, denn die erste Schale trinkt er mit seinen Mitarbeitern. In Belmas Innenhof wachsen Zucchini, Paradeiser und Kräuter. Früher hat Belma Blumen gepflanzt. Ich trinke Ingwersaft mit Minze. Das, was romantisch erscheint, entstand aus der Not. Belmas Familie gehört zu den Glücklichen, die sich den täglichen Einkauf leisten können.

In Deutschland hat Belma darauf bestanden, kein Flüchtling zu sein. Drei Monate vor Kriegsende kroch sie durch den Tunnel, um ihren Mann wiederzusehen. Ihre Geschichte ist die berührendste Liebesgeschichte, die ich je gehört habe. Als ich ihr das sage, lacht sie. Im Westen wisse man eben nicht mehr, wie man liebt. Die große Liebe kommt nicht zwischen Bürokleidung und Schlafanzug zu dir.

Ich sitze auf Belmas Bank und lasse mir erzählen. Jeden Tag fragt mich der Engländer, ob ich dies und jenes schon gesehen hätte. Er kann mir ganz genau erklären, welche Kirche wie heißt, er kennt alle Stadtteile. Ich hingegen trinke meinen ersten Kaffee in der Baščaršija, dann schlendere ich ziellos durch die Stadt. Fotografiere in Nebengassen und finde Danijels Wohnhaus. Ich sehe, was er sieht und was Katja am Bildschirm ihres Laptops sehen wird. Als Autorin suche ich nach meinen Protagonisten. Die Namen der Kirchen merke ich mir nicht.

Vielleicht liegt es an Belma, dass ich mich nachts in die Stadt verliebe. Bei Tag weint Sarajevo, überall sieht man seine Narben. Dennoch: Wenn ich die Wahl zwischen Paris und Sarajevo hätte, würde ich Sarajevo wählen. Sarajevo verhält sich zu Paris wie Graz zu Wien. Es ist ein Gefühl, irgendwo in der Magengegend. Die sechs Tage mit Belma sind ein Stück Heimat, das ich nach Hause trage.

Ein dreiviertel Jahr später dann meine Lesung in Innsbruck. Als ich durch die Stadt schlendere, lese ich „Republika Srpska“ auf einem Banner. Holzstände, Frauen und Männer in Trachten, Akkordeonspieler. Volkstänze auf einer Bretterbühne, Prospekte mit smaragdfarbenen Flüssen. In meinem Kopf wispert und flüstert es. Ich denke an Belma und an die, die auf den Bergen saßen und durch Belmas Fenster schossen.

Geschichte entsteht in unserem Kopf. Es gibt keine Objektivität. Geschichte ist immer subjektiv. Die Meinung der anderen nistet in unseren Köpfen ein, ob wir es wollen oder nicht. Geschichte ist eine Sammlung von Erzählungen, wiedergegeben bei einer Tasse Kaffee und einer halben Packung Zigaretten. Als ich in Innsbruck vor der Bühne stand und den TänzerInnen zusah, wurde mir klar, dass sich Belmas Geschichte zu breit gemacht hatte. Ich musste die andere Seite kennen lernen. Das „andere Bosnien“.

Die Chance dazu ergab sich im Stadtpark. Ich saß an einem der Tische im Parkhouse und schrieb an meinem Roman, als ich meinte, Tito zu erkennen. Ich sah dem Hund nach und schaute, ob ihm der folgte, den ich vermutete.

Ich hatte Igor im Zuge meines Aufenthaltes in Judenburg kennen gelernt. Er bewohnte das mittlere Loft. Abends, wenn Judenburg schon schlief und wir zufälligerweise beide zur selben Zeit vor Ort waren, trafen wir uns auf der Gemeinschaftsterrasse.

Ich fragte Igor nach Bosnien. Ob er Neuigkeiten hätte. Im Zuge des Majdan war Sarajevo aus den Schlagzeilen verschwunden.

Es waren die Tage der Flut. Ich hatte noch nichts davon gehört, ich war am Vortag gerade aus Kiel zurückgekommen und hatte keine Nachrichten gehört.

Igor erzählte von der Flut in Serbien und Bosnien und seinem Buch-Projekt. Die weiße Gams hüpfte mir in den Roman, die Flut zwang mich zum Umarbeiten. Ich fühlte mich schuldig, weil ich mir gewünscht hatte, endlich wieder etwas über Bosnien zu erfahren. Ich hatte wissen wollen, was aus den Protesten im Februar geworden war, stattdessen sah ich nun Berichte von Erdrutschen und unter Wasseer stehenden Städten.

Zwei Monate später gab ich mein Manuskript meiner Lektorin und wurde eingeladen, am Art Guerilla Camp in Banja Luka teilzunehmen.


Ich krame im Kellerabteil nach meinem Schlafsack und einem Winterpullover. Isoliermatte habe ich keine, ich bin Schreibtischtäterin. Ich habe noch nie in einem Militärzelt geschrieben. Die Yogamatte und die Schlafmatte. Wenn ich beide nehme, müsste ich isoliert genug sein. Der Wetterbericht sagt Regen vorher, aber es soll schöner werden. In der zweiten Woche sollen uns sogar sonnige Tage bevor stehen.