Art Guerilla Camp, Banja Luka – Logbuch


26./27. August 2014

Das „andere Bosnien“

Die Fahrt hinunter. Viel kürzer. Weniger eng, als damals. Als ich 13 Stunden im Bus. Das erste Café, nach der Grenze, und kein bosanska kafa. Wie damals, die Busstation, der Abschied von Sarajevo, als es nur Espresso aus der Maschine.

Ob sie die Sonnenmarkise weiter ausfahren soll, fragt die Kellnerin. Wir schütteln die Köpfe, ziehen uns die Oberteile aus. Nein, bitte nicht. Sonnentanken, die letzten Tage waren kalt in Graz. Viel zu kalt, ich habe in einem Anflug von Panik noch Westen, Pullis und die dickere Regenjacke dazugestopft. Wenn man mit dem Auto vor der Haustür abgeholt wird, ist der Rucksack immer zu voll.

In meiner Tasche eine Mappe mit Infos über Bosnien und die Republika Srpska im Speziellen. Im letzten Moment noch wollte ich Handkes „Gerechtigkeit für Serbien“ besorgen, doch das Buch ist vergriffen. Jedes Buch hat seine Zeit – jetzt wäre die richtige. Für mich, für diese 10 Tage. Dass mir auch immer alles im letzten Moment einfällt. Ich reise mit Sekundärliteratur, mit Zeitungsartikeln, im letzten Moment ausgedruckt. Ich reise mit der weißen Gams und Bosniens treuen Söhnen im Gepäck.

Das andere Bosnien. Ich sehe aus dem Fenster und suche Dinge, die ich voriges Jahr gesehen habe, aber wir fahren eine andere Route als der Bus.

Ich weiß nicht, was auf mich zukommen wird. Mitten unter Leuten, die mit ihren Filmkameras bewaffnet sind. Oder mit Holz. Oder Gips. Ich habe keine Waffe. Ich bin eine schlechte Guerillakämpferin, mir fehlt der Mut zum Kampf. Ich habe es ja nicht einmal geschafft, am Klettergerüst mit Nüssen auf andere zu schießen. Ich bin zu feig für den Krieg, ich bin eine, die ständig von Ängsten getrieben ist. Auch die Angst hier: Ich mache mich angreifbar. Ich schreibe mein privates Logbuch, ich verzichte auf politische Korrektur. Mir geht es um die Vorurteile. Die, die in meinem eigenen Kopf sind zuallererst. Dass da zu viel Sarajevo, zuviel Belma.

Jetzt sitzen wir also im Versteck. So nannte Belma den serbischen Teil jenes Landes, das sie gerne als Einheit sehen würde. Wer hier wohnt, hat Schuld auf sich geladen. Ihr Urteil. Ich übernahm Belma, ihre Eigenheiten, ihre Haarfarbe, ihren Zigaretten, ihren Meinungen. Ihre Liebe. Aus Belma wurde Nusret.

Ich bin Romanautorin. Ich schreibe Geschichten nieder. Geschichten, die ich erzählt bekomme, wachsen zusammen. Was wäre meine Nusret ohne Belmas Sätze? Eine ideologisch schöngefärbte Schabone, emotionslos.

Das Manuskript ist fertig – und das ist gut so. Meine Nusret muss menschlich bleiben.

Du kannst versuchen, zu verzeihen. Du kannst sagen: Das ist Vergangenheit. Aber du kannst deine Emotionen nicht ausschalten. Da gibt es keinen Hebel, den du umlegen kannst. Reflexion ist etwas, das im Kopf stattfindet. Der hochgezüchtete Hass, das erlernte Misstrauen – die sitzen in der Bauchgegend fest. Da reicht ein Funke. Eine Emotion, die alles wieder hervorholt. Und schon ist das alte Gefühl wieder da.

Was bilden wir uns ein, uns hinzusetzen und mit dem erhobenen Finger auf die zu zeigen, die nicht vergessen können? Weil sie keinen Riesenradiergummi zur Verfügung habe. Zum Vergessen des eigenen Leides gehören Generationen. Das Vergessen einer ganzen Nation (in diesem Falle mehrerer Nationen) soll es nie kommen. Vergessen und vergessen. Es ist so schwer, sich zu erinnern ohne wahnsinnig zu werden.

Wie lange hat Österreich gebraucht? Wir, das arme Opfer. Und erzählt mir nichts vom Schuttaufräumen. Und dass es das Schlagobers erst 49 wieder auf der Torte gab. 19 Jahre. Das war 1964. Vier Jahre vor der

Und wie lange hat Ö gebraucht, um sich als neuer Staat zu definieren, damals, nach der Zerstückelung. Als wir plötzlich nicht mehr der Nabel der Welt waren sondern der Arsch. 19 Jahre nach 1918 waren wir mitten im Ständestaat. Und was ein Jahr später kam, wissen wir alle. Also kommt mir bitte nicht mit der Moralkeule.

Was ich will: Zuhören. Menschen Menschen sein lassen. Mich nicht einmischen. Die andere Seite kennenlernen. Ich bin ein Tonband, das besprochen wird. Und doch ist alles, was ich niederschreiben werde, durch meine Art der Wiedergabe gefärbt. Stille, stille Post.

Republika Srpska. Meine Idee: Kyrillische Buchstaben und alles fest in serbischer Hand. Was wir sehen: Lateinische Schrift. In Banja Luka gibt es 15 Moscheen.

Mein eigenes Vorurteil also. Wir alle haben eine Schwarz-weiß-Vorstellung von dem, was wir nicht kennen. Nur wenn du dir die eigenen Vorurteile eingestehst, kannst du die der anderen verstehen. Woher kommt mein Bild? Da ist nicht nur Belma. Da sind die Dokumentationen über das eingekesselte Sarajevo.Da ist die UNPROFOR, die zusieht. Schutzzonen, die keine Schutzzonen sind. Genozid. Erschossene Muslime, gegen Haustore genagelte Körper.

Wer ist der Feind? Wer hat den ersten Schuss abgegeben? Wer schoss auf Zlatorog, das heilge Tier?

Wird schon gut gehen, so denken wir nach jedem ersten Schuss. Und doch beginnt immer irgendwo ein Wahnsinn. Da trinkst du am Morgen Kaffee miteinander und am Nachmittag schießt du auf den, mit dem du getrunken hast. Und irgendwann kommst du nicht mehr raus.

Zwei Fernsehgeräte, zwei verschiedene Sender. Die Propagandamaschine setzt ein, lange vor dem ersten Schuss. Du bemerkst es nur nicht rechtzeitig. Du denkst: Aber ich falle doch nicht darauf herein und trinkst weiter Kaffee. Und auf einmal redet ihr abends hinter geschlossenen Fenstern. Und auf einmal stehen Dörfer unter Brand. Aug um Aug, Zahn um Zahn, Haus um Haus, Kind um Kind.

Und sagt mir nicht, die am Balkan wären aggressiv und das hätten wir schon immer gewusst. Dass die anders sind wie wir. Hat man ja damals schon gewusst: Serbien muss sterbien.

Serbien, das expandierende Reich, das zurückgestutzt werden musste. Das sich zuviel vom Kuchen holen wollte. Von unserem Kuchen.

Und sagt nicht: Das hat ja nie gut gehen können. So viele Völker und unterschiedliche Kulturen unter einem Hut. Wieviele hatten denn wir unter unserem Hut?

Und heute? Heute sind wir klein und sagen: Das Boot ist voll. Die faulen Hunde, die in unser Land kommen wollen, sollen dort bleiben, wo sie sind. Aber die Kronenzeitung bekommen wir schon gerne in die Hand gedrückt, durch das Autofenster, wenn die Ampel auf Rot steht.

Wenn die Hauptstadt der Republika Srpska 15 aktive Moscheen hat – wieso hat das tolerante Wien nur eine?

Funktioniert das Zusammenleben hier also doch besser, als man behauptet?

Nein, sagt Jelka. Da sei noch immer zuviel Hass. Vor allem unter den älteren. Aber auch in ihrer eigenen Generation. Jelka kam 1988 zur Welt. Als der Krieg begann, war sie 4 Jahre alt. Ihre Geschichte wird hier später noch erzählt.

Heute ist Mittwoch, ich habe bereits eine Nacht im Zelt verbracht, habe nicht geduscht und begonnen, mein Notizbuch zu füllen. In meinem Kopf ein Wirrwarr aus Geschichten. Da steht FF und schießt auf das Wild, das man an ihm vorbeitreibt, dort steht Gavrilo und führt die Exekution durch. Das Wild verwandelt sich in Menschen. Tausende, die in den Krieg geschickt werden. 1914, 1940, 1992, heute.

Franz Ferdinand wusste, was es heißt, die weiße Gams zu schießen, Gavrilo Princip wusste, was passieren wird, wenn er trifft.

Die, die die Entscheidungen treffen, wissen immer um die Konsequenzen. Ein Dominostein kippt und schon fällt alles.

Assoziationen, beim ersten Meeting. Die KünstlerInnen stellen ihre Projekte vor (die ich jedoch an dieser Stelle noch nicht pereisgeben werde).

Mein erster Tag neigt sich dem Ende zu. Ich bin müde von den Erzählungen und den Zigaretten. Es ist 21:23. Wir sitzen an einem langen Tisch. Die Laptops aufgeklappt. Aufgefädelt wie die Spatzen am Drahtseil. Musik aus einem der Laptops. Ich sollte meine Notizen ins Reine schreiben, morgen werde ich sie nicht mehr lesen können. Aber da sind keine Sätze mehr, nicht heute. Keine Ahnung, was morgen passiert.