Art Guerilla Camp, Banja Luka – Logbuch


29. August 2014

Schulbücher und Fluthelfer

Ein Tag, der mit einer Dusche beginnt, ist definitiv ein guter Tag. Obwohl: Man kommt hier nicht ins Schwitzen des nachts, und sagt mir nicht, je weniger man anhat, desto weniger friert man, ich kann diese Theorie eindeutig widerlegen. Meine nackten Füße waren der kälteste Teil heute im Zelt. Trotz Schlafsack, trotz 3 Matten als Unterlage. Die Morgensonne entschädigt, wir bekommen noch geschwind eine Banane in die Hand gedrückt und fahren ins „flat“. Flat – Synonym für saubere Haut und frisch gewaschene Haare. Das Frühstück: Eier, Gemüse und Zwiebel. Ein letzter gemeinsamer zweiter Kaffee im Restaurant vor dem INCEL und schon steigen wir in die Geschichte hinein.


Am 28.6.1914 wurde unser Thronfolger ermordet: FF. Franz Ferdinand, Freund der Serben, so lautet die Überschrift im alten österreichischen Schulbuch. Dass er trotzdem nicht gemocht wurde am Balkan heißt es, von massiger Gestalt sei er gewesen, seine Art schroff. Rude, übersetzen wir. Rude and … fat? War FF tatsächlich so dick? Ich habe ihn nicht als massigen Bullen vor Augen, obwohl: wenn er nur ein Hundertstel des Tierbestandes, den er erschossen hat, gegessen hat, könnte diese Beobachtung tatsächlich zutreffen. Die Annexionskrise, ich google auf Wikipedia nach. Schulbücher sind lückenhaft. Haben wir nicht erst unlängst gelesen, in einer Zeitung, einem Geschichtsmagazin? Steht das jetzt im Buch?, fragt V., als wir unsere Vermutungen und vagen Erinnerungen ausdiskutieren. Irgendwann hängen wir selbst an: Vorsicht, das steht jetzt nicht im Buch, das wissen wir so.

Der deutsche Gesandte in London, der Französichen Staatspräsident, der mit dem Ministerpräsidenten nach St Petersburg reist. Die Antwort des englischen Außenministers. Die zitierten Passagen in einem Deutsch, das so heute nicht mehr gesprochen wird. Ich öffne leo.org, speise fehlende Vokabel ein. Gräfin. Duchess? Nein, duchess ist die Herzogin. Sophie war eine czech countess. Und der Königsrat? Leo kennt keine Übersetzung. Der russische Königsrat. Wir haben selbst nur eine vage Vorstellung, wer da am Tisch gesessen haben mochte.

Das Diktiergerät liegt am Tisch, für alle Fälle, sagt V. und schreibt eifrig mit. Is it exactly written like that?, fragt sie nach und wir lesen nochmals, überprüfen die Übersetzung. Um den Unterschieden auf die Spur zu kommen, müssen wir genau sein. Nach 2 Stunden Übersetzungsarbeit habe ich das Gefühl, 5 Stunden hier gesessen zu haben. Es ist Mittags, die Zeit läuft, ich will noch D. interviewen, zur Flut.

D., der schüchterne, hilfsbereite volunteer, der so gerne nach Österreich möchte. Wann er Zeit habe, frage ich, jetzt sofort sagt er, denn er weiß, dass uns Jelka begleiten wird. Er unterhält sich gerne mit uns, er müsse jetzt ins Camp, zur Aufsicht, allein sei ihm sowieso langweilig, sagt er.

Auf Strohballen in der Sonne. Unsere freiwilligen Helfer sind selbst begabte Jungkünstler, S. sitzt am Strohballen und malt. Daneben Chief Fähnlein Fieselschweif, wie ich den Führer der hiesigen Pfadfinder insgeheim nenne. Diese Vorgeschichte ein andermal.

Wir setzen uns dazu, das Lagerfeuer vom Vorabend ist erkaltet, ein paar rohe Eier liegen in der Mulde. Verstreutes Salz, leere Bierdosen. Strohballen, von der Sonne angewärmt. Ob sie die Sonne stören würde, frage ich Jelka, sie schüttelt den Kopf, setzt die Sonnenbrille auf und holt ihr Handy heraus, sie müsse noch einen Anruf tätigen. Jelka ist studierte Bauingenieurin. Eine hübsche junge Frau mit kupferrot leuchtendem Haar. Sie zelebriert die letzten Sonnenstrahlen mit bunten Kleidern. Mittlerweile ist sie schon zu eine Art persönlichen Übersetzerin für mich geworden.

D. will, dass ich ihm Fragen stelle. Ich bitte ihn einfach zu erzählen. D. war einer der freiwilligen Helfer bei der Flut. Er gibt knappe Antworten auf Bosnisch, hinter die er immer den Satz „Frag sie, was sie noch wissen will“, anhängt. Würde ich es nicht besser wissen, hätte ich das Gefühl, ihm zu belästigen. Dennoch weiß ich: Er hat sich auf das Interview gefreut. Jelka antwortet und hängt ihre eigenen Erinnerungen an, die wesentlich ausführlicher sind. D. spielt mit einem Ast, ich sehe ihm an, dass er wieder zu Wort kommen will. Ich stoppe Jelka, stelle die nächste Frage. Lass D. erzählen, sage ich. Dennoch mag ich ihre Einwürfe, sie treibt D. voran.

Letztendlich sprechen wir zu fünft. S. sieht von seiner Zeichnung hoch und wirft Sätze dazwischen. Wie er die Lage empfunden hätte. Dinge, die er anders wahrnahm. Und auch Chief FF wirft ein: Das Hochwasser war eine Strafe.

Die Antworten sind andere als ich erwartet habe. Kein Jammern, keine Frage nach dem Warum, sogar die Regierung wird außen vor gelassen. Es geht um die Natur. Wir müssen anfangen, auf die Natur Acht zu geben.

Am Ende der Gesprächsrunde übersetzt Jelka für mich. Dass ich andere Antworten erwartet hätte, sage ich.

S. lacht. Wir sind nicht repräsentativ, sagt er und zeigt auf die Zelte, das Gestrüpp rund um uns und Chief FF, der mir eine Zigarette aus seiner Packung anbietet. Allein, dass wir hier sind, zeigt, dass wir keine ignoranten Stadtmenschen sind. Wir lieben die Natur! D. nickt eifrig mit dem Kopf, ja, das sei auch sein Lebensprinzip. Die Natur zu schützen.

Ich kenne D. mittlerweile ein bisschen. Er raucht nicht, trinkt keinen Alkohol, ernährt sich gesund. Seine fürsorgliche Art ist mir manchmal schon ein bisschen unheimlich, wenn ich etwas liegen lasse bringt er es mir sofort, vorhin hat er angeboten, meine Tasche zum Camp zu tragen. Höchstwahrscheinlich hätte ich ihm eine Freude gemacht, wenn ich ihm zu meinen Träger erkoren hätte.

Er stellt sich vor die Strohballen, posiert und bittet mich, ein Foto von ihm zu machen. Ist enttäuscht, dass ich es ihm nicht sofort via Facebook schicken kann. Ich schicke es dir per Mail, verspreche ich, aber D ist ungeduldig. Ich weiß, er wird sich noch länger gedulden müssen, denn das W-Lan arbeitet langsam. Mein Blog startete ohne Foto- und Videodokumentation, nach 40 Minuten habe ich den Upload gestern abend abgebrochen.

Ich frage nach einem Internetcafé. Ich könne es im Ziza probieren, auch könne ich mich in ihrer Wohnung einloggen, aber sie könne mir nicht versprechen, dass ich dort erfolgreicher sein werde. Da es hier nur eine Telekommunikationsgesellschaft gäbe, seinen die Leitungen permanent überlastet, vor allem die Uploadgeschwindigkeit sei sehr langsam. Für ein Vorhaben wie meines, eine nur um Stunden versetzte Dokumenatation unseres Camps, braucht man ein schnelle, stabile Internetverbindung. Aber wir sind in Bosnien, meine Leser werden es mir verzeihen, wenn sie ein paar Tage warten müssen.

In diesem Moment sitze ich im Zelt. Es ist 21:12, ich habe die Beine im Schlafsack, den Laptop auf den Oberschenkeln. Um den Oberkörper 2 Westten gewickelt. Über meinem Laptoprand das Flackern des Feuers. Braune Schatten auf den Strohballen, Musik im Hintergrund, vielleicht ist es Techno, vielleicht ist es House.

Zumindest meinen Tagebucheintrag möchte ich noch fertig schreiben. Auch wenn ich ihn heute nicht mehr hochaden werde, bis ich fertig bin und im Incel bin, wird der letzte wohl schon zugesperrt haben.

Morgen geht es um 8h los, ich habe den Ort vergessen, irgendwo in den Bergen, 2 Stunden Busfahrt südwestlich von Banja Luka. Zieht gutes Schuhwerk an, sagte Igor. Jelka wollte mir das Programm übersetzen, doch ich will mich überraschen lassen.


Am Nachmittag die zweite Performance in der Stadt. Ein junger Künstler, zwei Portraits und ein paar Plastikgewehre. Die Portraits zeigen Obama und Putin. Eine alte Frau, die stehen bleibt. Putin sei der schönste Mann, so behaupte ihre Enkelin, lacht sie und zückt die Brieftasche um uns ein Foto zu zeigen.

Ich knipse und drücke den roten Record-Knopf auf meiner kleinen Digitalkamera. Gewisse Dinge hält man besser auf Bild fest Allerdings habe ich eine vage Befürchtung, dass ich erst in Graz erfolgreich im Hochladen sein werde. Ich hoffe auf schönes Wetter, im Parkhouse gibt es Free W-Lan, denn mein Guthaben ist immer ziemich schnell am Ende. Zum Romanschreiben braucht es keine Bits und Bites und Gigabites. Für das bisschen Recherchearbeit reicht ein Guthaben von 3 GB pro Monat.

Morgen also in die Berge. Wenn draußen die bosnische Landschaft vorbeizieht, bleibt das Arbeitsgerät zugeklappt, mein Notizbuch wird mich begleiten, vielleicht ergeben sich ein paar ruhige Minuten am Fluss.

Werde ich sie sehen, die smaragdgrünen Flüsse, die ich am Weg von Zagreb nach Sarajevo sah? 9 Stunden habe ich vor einem Jahr begeistert aus dem Fenster gesehen, konnte die Augen nicht von der verschmierten Scheibe lassen.

Die Flüsse seien jetzt nicht smaragdgrün sondern braun, wegen der Überflutungen, klärt mich C. auf.

Ich denke an die Mur, auch die war vor 2 Wochen braun. Braun wie der umgestoßene Milchkaffee. Sag den Grazern nie, die Mur sei braun. Nicht, wenn du Wienerin bist.

Und trotzdem. Sind es die Hügel, die um die Stadt liegen, der Fluss der sich durch die Stadt schlängelt, die Leute auf ihren Fahrrädern, Hochhäuser zwischen geduckten kleinen Häuschen, von denen der Verputz abblättert. Vieles hier erinnert an Graz. Mehr noch als in Sarajevo.

Und natürlich sind da die Menschen. Ich habe mich in dieses Land verliebt In Bosnien darf ich ruhig pathetisch sein.

V. lacht, als ich mich zur bosnischen Musik wiege. Oh mein Gott, sagt sie, was für ein Herzschmerz! Die anderen bevorzugen Techno und Computersounds. Sie haben nichts übrig für volksmusikähnliche bosnische Schlager.

Zu Hause würde ich sie mir auch nicht auflegen, sage ich V. Aber hier? Ein bisschen Pathos darf schon sein. Ich denke an meine Urgroßmutter und meine Großmutter. Dass meine Großmutter ihre Herzschmerzballaden, die sie mit großem Pathos von sich gab, von ihrer Mutter hatte. Vor allem den Pathos. Den gab sie an mich weiter.

Ich denke an einen Freund, P., in dessen Auto wir französischen und brasilianische Liebeslieder hören. P., der das Lenkrad loslässt um sich beim Singen ans Herz zu greifen. Der für ein, zwei Sekunden die Augen dabei schließt.

Und schon bin ich wieder weg von Bosnien, bin ich in Graz, und doch ist da eine Vebindung.

Gestern sprachen wir mit A. sie möchte Männer im Moment ihrer Entkleidung nach ihrem Prinzip fragen. Die Antwort am besten nur ein Wort. Dass ich mir schwer täte, sagte ich. Was würde ich sagen? Ein Wort. Noch immer. Heimat, sagte ich. Heimat, Zuhause, nenn es wie du willst. Ein Ort, an dem du ankommst. Ein Begriff, den ich früher abgelehnt hatte. Heimat. Ich bin weg, geflüchet, so schnell es ging, damals nach der Schule. Aber du kannst weglaufen und und du kannst wieder zurückkommen und nichts ändert sich.

Heimat ist in mir. In gewissen Momenten, an gewissen Orten. In Graz. In Sarajevo. Und in manchen Momenten (wenn ich mich hier auf die Wiese setze, in die Sonne blinzle und das feuchte Gras rieche) spüre ich die Heimat hier. Und habe das immer stärker werdende Gefühl, dass es mich in Zukunft wohl eher nach Bosnien ziehen wird als nach Italien oder Frankreich.