Jelkas Geschichte


Interview Jelka Duvnjak, 28.8. 2014, Banja Luka

Stell dir vor, du bist Jelka. 1988 geboren. Als der Krieg beginnt, bist du vier, aber was weiß man mit vier schon vom Krieg. Was weiß man überhaupt vom Krieg? Der Landstrich hier ist verflucht. Keine Generation, die keinen Krieg erlebt. Jelka ist jung und man würde ihr gerne versprechen, dass ihre Kinder in Frieden aufwachsen.

Glamoč, eine Stadt in Bosnien. Damals: 90% serbische Volksszugehörigkeit. Und doch: Bosnier.

Zu Kriegsbeginn flüchet die Familie nach Belgrad, bleibt jedoch nur drei Monate. Am 24. Mai 1995 dann die endgültige Flucht. Jellka kann sich an das Datum erinnern, obwohl sie erst sieben war. Es war ihr Geburtstag. Dass sie noch Fotos aus dem Album der Eltern genommen habe, sagt sie. Keine Ahnung, warum, es war eine Art 6. Sinn.

Zu dem Zeitpunkt dachte jeder, dass sie in ein paar Monaten wieder zurück sein würden.

Glamoč fiel in die Hände der Kroaten. Nach drei Monaten bei den Verwandten in Belgrad zog die Familie weiter nach Derventa. Sie bezogen ein Haus einer muslimischen Familie. So war das damals. Die neu Angekommenen haben die Häuser der Vertriebenen bekommen. Die anderen haben es genauso gemacht.

Jelkas Antwort klingt, als müsse sich Jelka für etwas entschuldigen. Als wäre sie nicht selbst eine Vertriebene gewesen.

Derventa war hässlich, sagt Jelka. Alle Häuser waren zerschossen. Warum sie nicht in Belgrad geblieben seien?, fragte sie die Mutter.

Von Derventa ging es weiter nach Banja Luka, im Oktober. In Banja Luka der Arzt, der Jelkas Schwester zur Welt bringen sollte. Irgendwo im Krieg: Zelkas Vater.

Der wollte das nicht, sagt Jelka, und wieder liegt eine Entschuldigung in ihrer Stimme. Die haben dich einfach eingezogen, ob du wolltest oder nicht. Die, die davongelaufen sind, haben sie angeschossen, damit sie nicht mehr laufen konnten.

Jelkas Vater und das 5-Mark-Stück in der Brusttasche seiner Uniform. Wenn dir Leute vom Krieg erzählen, erzählen sie nicht vom Leid. Das Leid wird verpackt in schöne Geschichten voll Leben. Anders würde kein Erzählen stattfinden können. Kein Weiterleben. Die Geschichte der Geburt von Jelkas Schwester steckt in einem 5-Mark-Stück. Mit diesem Geld wollte er auf die zweite Tochter anstoßen, wenn er sie schon nicht im Arm halten konnte. Dass er die Münze gehütet hätte wie seinen Augapfel. Die Münze, die sei seine Vorfreude auf die Geburt der Tochter gewesen.

Der Vater holt Wasser aus einem Brunnen. Beugt sich vor, um den Kessel hochzuziehen. Ein metallenes Geräusch. Die Münze, die auf Stein trifft, immer wieder. Dann kreiselnde Bewegungen und schließlich nichts mehr. Die Münze getauscht gegen einen Kessel voll Wasser. Dass ihr Vater keiner gewesen sei, der jammerte. Er habe mit den Schultern gezuckt und an die Touristen gedacht, die ihre Münzen in öffentliche Brunnen werfen. Wenigstens wusste er jetzt, dass das Kind gesund sein würde, sein Wunsch würde sich erfüllen.

Zur selben Zeit in Banja Luka: Die Stadt hängt an einem seidenen Faden. Zumindest für Jelka, ihre Mutter und die anderen Bewohner. Noch ist die Stadt in serbischer Hand, aber rundherum wird geschossen. Den niederkommenden Frauen wird nahe gelegt, sich Wehenmittel setzen zu lassen. In einer haben Stunde sei man mit dem Flugzeug in Belgrad. Man verspricht den Frauen im Kreißsaal sofortige Evakuierung.

Jelkas Mutter weigert sich gegen die Infusion. Das Kind soll kommen, wann es kommen will. Ob wir leben werden oder nicht, liegt in Gottes Hand.

Die Frauen im Krieg, die waren nicht wenigr tapfer als die Männer, sagt Jelka. Was blieb ihnen schon übrig?, denke ich, und dass ich mir wohl Wehenmittel hätte setzen lassen und alle Minuten nach den Flugzeugen gefragt hätte. Flugzeuge, die wohl nie gekommen wären.

Banja Luka blieb in serbischer Hand. Heute ist Banja Luka die Hauptstadt der Republika Srpska.

Jelka erzählt von ihrer ersten Nacht. In einer Turnhalle habe sie geschlafen. Da lag einer neben dem anderen, Körper an Körper. Sie schäme sich nicht dafür. Manche schämen sich, wenn sie anderen davon erzählen, aber wofür soll ich mich schämen?

Sie haben von oben auf den Saal gesehen. „Da sahst du kein Stück Boden mehr, sagt sie.

Am 21. November 1995, 27 Tage nachdem Jelkas Schwester geboren wurde, beendete der Vertrag von Dayton den Krieg.

Und Glamoč?, frage ich.

Dass sie nicht gern dorthin fahre. Die Eltern und Großeltern seien wieder in die Heimat gezogen – aber die Jungen seien in Banja Luka geblieben. Ich konnte mich ja kaum an Glamoc erinnern, sagt Jelka, und was soll ich dort? Dort leben nur alte Leute.

Es dauerte noch mehrere Jahre, bis Jelkas Familie ihr altes Haus beziehen konnte. Als erstes sei der Onkel nach Glamoč gegangen. Zu Fuß, von Banja Luka, sagt Jelka. Mit dem Auto fahre man 3 Stunden. Das war 1996, der Krieg vorbei. Die Armee verbot ihren Leuten, auf andere zu schießen, aber das war keine Garantie. You never know, sagt Belma, denn ich führe das Interview auf Englisch. Es ist kein Interview im klassischen Sinn. Es braucht keine Fragen. Jelka erzählt. Frag nach, wenn du etwas nicht verstehst, sagt sie. Und stopp mich, wenn ich zuviel rede.

Es sei das erste Mal, dass sie darüber spreche. Like this, sagt sie und zeigt auf mein Notizbuch und den gezückten Stift. Ob ich ihr damit zu nahe trete? No. Es sei gut, wenn man darüber spricht, sagt sie.

Über die Greueltaten, die die Serben den Muslimen angetan hätten, haben alle gesprochen. Und das sei auch gut. Die Verhaftungen. Aber niemand hätte wahrgenommen, dass auch ihre Leute gelitten hätten. Da gab es keine gute Seite, sagt Jelka. Städte wurden ausgehöhlt, Häuser geplündert, Menschen vertrieben. Wenn sie nicht vorher erschossen wurden.

Da ist noch so viel Hass heute, sagt Jelka. Aber der Hass bringt uns nicht weiter. Der Hass verhindert, dass das Land in die Zukunft blickt.

Jelka erzählt von der Propaganda, die schon in der Schule beginne. Die Leute, sie wollen nicht vergessen. Sie geben ihren Hass an die nächsten Generationen weiter.

Jelka wünscht sich, dass alle Verantwortlichen zur Rechenschaft gezogen werden. Auch die, die unsere Leute in Massen umgebracht haben. I just the world to be fair to us.

Jelka und Belma. Zwei Frauen.

Belma verließ mich jeden Tag für zehn Minuten um im Nebenzimmer zu beten. Mach´s dir derweil gemütich, sagte sie immer.

Jelka erzählt von den Heiligen in den Häusern. Das sei eine serbische Tradition, sagt sie, jede Familie hätte ihren eigenen Heiligen.

Im Haus ihrer Eltern stand der Heilige Georg. Der Onkel war nach Glamoč losgegangen um den Hund zurückzuholen. Wenn er denn noch lebte. I think, he loved his dog even more than his wife, lacht Jelka.

Tagelanges Gehen. Nächtelanges Verstecken. Damals hast du dich nicht einmal getraut, eine Zigarette anzuzünden. Es hieß, die Glut sei auf 30 Meter sichtbar.

Kriechen über das Feld, und das, wo der Krieg doch angeblich vorbei war. Es regnete in Strömen. Aber es war nicht kalt, es war Herbst, sagt Belma.

Das Haus des Onkels beschmiert. Ein Wort: Küche.

So haben sie es gemacht, sagt Jelka. Ein Haus war die Küche, das andere war zum Schlafen für die Soldaten. Alles wurde eingeteilt und beschriftet.


Der Onkel kam nicht in sein eigenes Haus, aber er hörte seinen Hund bellen. Und er schaffte es ins Haus seiner Schwester – Jelkas Mutter. Im Haus soll es entsetzlich gestunken haben. Aasgeruch, sagt Jelka, vielleicht ein totes Tier, vielleicht Fleisch, das im Kühlschrank übrig geblieben war. Der Glaskasten des Heiligen zerschlagen. Das haben sie als erstes gemacht: unsere Heiligen zerstört.

Der Onkel nimmt den Heiligen an sich und geht ins Obergeschoss. Als er nach Banja Luka zurückkommt, hält er nicht nur die Figur des Heiligen in den Händen, sondern auch ein Stofftier: Einen kleinen Koala.

Den habe ich bekommen, als ich 1 Jahr alt war. Er sah entsetzlich aus, ganz verschmutzt, aber das machte nichts, es gab ja die Waschmaschine.

Während der Onkel unterwegs gewesen sei, habe die Großmutter täglich geweint. Was hatte es für einen Sinn, den Sohn zu verlieren, jetzt, wo der Krieg endlich vorbei war? Ihr Beten hätte tagelang die Räume erfüllt.

Jelkas Großmutter starb 1998. Sie war die erste, die zurückkehrte – in einem Sarg. Ihr größter Wunsch: Neben ihrem Mann begraben zu werden.

Neben uns hat einer der jungen Helfer Platz genommen. Ob es uns stören würde, wenn er zuhört? Wähend Jelka erzählt, zeichnet er Muster auf ein Blatt Papier.

Erst, als Jelka in der Gegenwart angekommen ist, als ich sie nach ihrem Leben hier, nach ihrem Studium frage und wie sie die politische Lage wahrnehme und ihr von Belma erzähle, mischt er sich ein.

In Sarajevo seien sogar die Toiletten grün gestrichen, sagt er. Grün, das sei die Farbe der Moslems. Und wenn sie eine Tafel mit kyrillischer Schrift sehen, zerstören sie diese. Er erzählt mir von einem Geschäft, dessen Scheibe eingeschlagen worden sei.

Dass sogar die Ortstafeln in der Föderation grün seien statt gelb, sagt er.

Jetzt übertreibst du aber, sagt Jelka. Die sind dort gelb wie bei uns. Die grünen zeigen bloß die Autobahnen an.

Aber das mit dem Nationalstolz, sagt Belma. Das stimme schon. Aber da sei jeder gleich. Die Kroaten denken, sie seien das bessere Volk und die Serben denken dasselbe. Als Orthodoxe fasten wir mehr als die Katholiken. Das allein reicht schon, um uns in manchen Augen anderer besser zu machen.

Weißt du, wie man hier 3 Bier bestellt? Jelka hält Daumen, Zeige- und Mittelfinger in die Höhe.Wenn du in Sarajevo dem Kellner diese drei Finger zeigst, fliegst du aus dem Lokal, denn das sei das Zeichen der Serben gewesen.

Wie bestellt man 3 Bier in Sarajevo , frage ich.

Jelka hält Zeige-, Mittel- und Ringfinger in die Höhe. So!, sagt sie und lacht.

Und wieder muss ich an Belma denken. Belma, die den Alkohol für das Unheil der modernen Welt verantwortlich machte. Dass sie so viele Jugendliche in Deuschland hätte trinken sehen. Dass sie froh sei, dass ihr Sohn da nie mitgemacht hätte. Hier, in Sarajevo gibt es das nicht so stark, sagte sie. Die meisten Muslime trinken keinen Alkohol. Da hast du nicht das Problem, dass deine Kinder zum Vieltrinken überredet werden.

Belma und Jelka. Lege sie übereinander und du siehst einfach nur zwei Frauen. Der erste Schritt einer Synthese denke ich jetzt, da ich vor dem Zelt sitze, den Rücken gegen den Rucksack gelehnt.


Die anderen sind in der Fabrik, vor der Fabrik. Ich nehme an, es wird gehämmert und gesägt, Musik wird abgespielt. Irgendwo wird gefilmt, irgendwo wäscht sich einer den Gips von den Händen.

Ich bin die einzige in unserer Zeltstadt. Nur den Hahn hört man und etwas das klingt wie ein sterbendes Schwein. Kann aber auch ein Huhn sein.

Über meine nackten Zehen klettern Ameisen und ich habe mich sogar an die Spinnen gewöhnt, die sich vor meinem Kopf abseilen und über die Tastatur krabbeln.

Von meinem Platz aus habe ich direkten Blick auf die Fahne. Die Gams weht im lauen Sommerwind. Mir ist heiß, ich werde das letzte Wasser abzapfen und noch eine Zigrette rauchen bevor ich zu den anderen zurückkehre, um meinen Laptop mit der Steckdose zu verbinden und mich ins W-Lan einzuloggen.

Jelka ist studierte Bauingenieurin. Bevor sie sich als ehrenamtliche Helferin für das Festival bewarb, arbeitete sie für eine Telekommunikationsfirma. Türenklinken putzen, in der Hoffnung, Verträge zu unterzeichnen. Ohne Vertrag keine Bezahlung. 10 Stunden rannte sie täglich von Tür zu Tür. An manchen Tagen kostete der Proviant, den sie unterwegs kaufte, mehr als das, was sie einnahm. „Hier bekomme ich kein Geld“, sagt sie. „Aber mir macht die Arbeit Spaß und ich bekomme ein gratis Mittagessen.“

Jelka half mir bei den Interviews. Sie übersetzte für mich und stellte selbst wertvolle Fragen. Dass sie selbst auch gerne schreibe, verriet sie mir. Für unser Projekt saß sie nächtelang um Texte zu übersetzen. Ohne, dass sie darum gebeten wurde – sie tat es aus Interesse. Sie dichtete ein Gavrilo-Gedicht für meine Textperformance und sie holte mich immer wieder zum Computer um mir wichtige Seiten oder die Kommentare auf Blogs oder You-Tube-Seiten zu übersetzen, damit ich ein Gefühl für die Probleme hier bekäme, wie sie sagte. Denn in den einfachen Kommentaren der User steckt mehr Information als in einem ganzen Buch.

Ich danke Jelka an dieser Stelle ganz herzlich für ihr unermüdliches Engagement!