Art Guerilla Camp, Banja Luka – Logbuch


30. August 2014

Zelenkovac – Beim ersten Nudisten von Bosnien

Heute mit dem Bus also dort hinauf. Wir schrauben uns in die Höhe, bohren durch moosiges Grün. Die Lider schwer, halb geöffnet, Sonne durchs Seitenfenster. Und jetzt hier durchfahren und weiterfahren und immer weiterfahen und weiterfahren und irgendwo stehen bleiben und sich irgendwo niederlassen, Gras im Rücken, Sonne im Gesicht und wieder weiterfahren, das ganze Land hinunter und darüber hinaus, Grenzen, die keine Grenzen sind.

Kuhgeruch, in der Ferne eine Herde Schafe. Und die Heumännchen, noch immer – still. Hügellandschaft, Mulden, in die man sich hineinlegen könnte, gefaltet, Geborgenheit, Blick zum Himmel.

Und wieder weiterfahren. Und weiterfahren. Über Grenzen hinaus, das Land, das Grün, die Hügel, das Wogende – wo sind die Grenzen, wer legt die fest?

Allein sein. Der Blick hinaus, alles hinaus, aus dem Körper hinaus, in dieses Grün. Und doch bist du nicht allein, sitzt hier drinnen und Wind fährt dir übers Haar, und Wind fährt dir über die Wange, wie damals, wie damals. Ein Fliehen, du gleitest über die Landschaft, Schweben, Leichtigkeit und weit weg, weit weg.

Ein Lachen, das dich zurückholt, ein Wort an dich gerichtet.

Und schon bist du wieder mittendrin, bist du wieder Teil, abgekapselt, eingekapselt in deinen Körper, dein Bauch, der dieses Lachen, dein Kehlkopf, dein Mund, du formst eine Höhle, bist mittendrin, mittendrin.

Wir schrauben uns in die Höhe, zeigen einander Kulissen, Nebel in den Bergen, Schafhirten, Blumen, Bäume, ein Lastwagen, schauen, schauen, die Kulissen, aufgemalt auf die Tagesleinwand, die an euch vorbeizieht.

Und doch nur ein Beistrich denkst du und siehst die Kugel vor dir, diese blau-braune Kugel mitten im Nichts. Alles Geologie, alles Physik, Teilchen, Moleküle, ein Schwirren, Flirren vor deinen Augen und alles verliert an Bedeutung, die Heimat, das Hügelige, Zweidimensionalität, was ist schon der Unterschied zwischen hier und dort, warum ist da dieser Unterschied – in dir, in dir. Nur in dir. Die anderen schließen die Augen, schlafen, lachen, dass das nur in dir und wenn du es sagst, wird es dir genommen, also schweigst du, schweigst und schaust und fliehst mit den Augen um dieses Gefühl zu bewahren.

Und dann seid ihr da und aus dem Hellgrün wird ein Dunkelgrün und alles verliert an Bedeutung, ein Weg wie jeder andere Weg, ein Tag wie jeder andere Tag, erst oben wieder, bei den Wiesen, wenn du die Hügel siehst, ist da dieses Gefühl, dabei hast du gedacht, dass du das abgearbeitet hast, erst vor 2 Monaten sagtest du: Neues Thema, ausgeschrieben, aber es ist nie ausgeschrieben. Brauchst nur das Heu zu sehen, das nicht in Rollen, die Haufen im Hellgrün und schon weißt du wieder, das Hin und das Retour, und hier war es so und dort war es anders, wie hier, und dass es heute dort auch nicht mehr so ist, dass sie heute auch diese Rollen und dieses Gerade, Manipuierte, dass es das nur mehr hier gibt, hier und anderswo, aber das anderswo, das ist die egal, hier, hier, hier.

Und weitergehen und laufen, dass du jetzt am liebsten dort hinunter, laufen, rollen, wie damals, damals, als du auf der Schräge und das warme Gras im Rücken und das warme Gras am Bauch und im Gesicht und der Geruch in der Nase.

Die Stimmen hinter dir, nur für einen Moment, für einen Moment voran, und hinunter, die Hand ins kühle Nass und das Rauschen, Plätschern, hast einen Geruch in der Nase, der hier nicht ist, die Dunkelheit, vor der ihr nie Angst hattet, dort, bei den Zwergen, denn am Abend wart ihr immer geliebt und gebettet und geborgen bis zum Morgen.

Ich sitze am Fluss und schreibe, und nichts fließt außer das Wasser. Weiß nicht, habe keinen Plan, gestern bin ich gewarnt worden, ich wollte eine Gleichstellung des Grauens, eine Art Gerechtigkeit für Republika Srpska, Gerechtigkeit auch für die Opfer auf dieser Seite, die Nichttäter, jene, die nicht gewählt haben, wie Nikola hier, der sich als Sozialist sieht, es sei nicht sein Krieg gewesen, sagt er – wie wenn die Leute hier freiwillig teilgenommen hätten, als wären alle hier Tschetniks mit Bärten und Messern und krankem Gehirn, die, die die anderen in die KZs stecken, er hat etwas erzählt, wie das damals war, er hat sie gesehen, und dass ich da noch ein Interview führen muss, denke ich, und nachrecherchieren.

Ich wollte Zahlen und Orte – zwischen Schüssen und Zlatorog, wie die Gämsen, die FF geschossen hat, so sind die Leute hier erschossen worden, Maschinengewehre angelegt und ratatatata, die Menschen wie die vorübergetriebenen Tiere, einer nach dem anderen, aber die, die Mehrheit, die hinter den Gewehren standen, waren genauso wenig Täter wie unsere Großväter damals, die man nach Russland schickte, dort gab es nur ein DU oder ICH. Keiner wollte dort hin, oder sagen wir nicht keiner, ein paar gibt es immer, die Spaß daran haben, in denen ein FF wohnt, der sich beim Gämsenschießen lagweilt, der seine Korrespondenzen diktiert, das Gewehr anlegt und Schuss und weiterdiktiert und Schuss als sei es das normalste, im Satz innezuhalten und etwas Lebendiges niederzustrecken.

Im Krieg bekommt alles seine Normalität, wenn du dort jeden Tag hinaus, da standen die einen den anderen gegenüber und das Grauen nahm zu und wurde von Tag zu Tag unfassbarer.

Srebrenica, das kennen wir alle, wir haben das Grauen gesehen, kennen die Massengräber, die Suche der Hinterbliebenen. Und sehen die Serben als Täter, und ich denke an Jelkas Vater, den sie dort hingeschickt haben, und der nur eine einzige Hoffnung hatte, diese 5 Mark Münze in seiner Brusttasche, die ihn an das Kind denken ließ, dass seine Frau im Leib trug, das Kind, von dem er nicht wusste, ob es ein Mädchen oder ein Bub werden würde. Wie wenn er dort freiwillig gestanden wäre, gelaufen wäre, sich geduckt und geschossen hätte.

Das Grauen ist immer auf beiden Seiten und die Maschine frisst und frisst und spuckt ihre Kugeln aus und Menschen sind nichts mehr weiter als Munition und wenn die Munition ausgeht, braucht es neue Menschen. Wie Nikola, der lange versucht hat, dem ganzen Grauen fernzubleiben – aber der dann doch eingezogen wäre. Was tun? Sich auf der Stelle erschießen lassen, flüchten und sich in den Rücken schießen lassen, wie davonlaufen, wenn es keinen Ort gibt, wohin du laufen kannst, also nimmst du diese verdammte Waffe in die Hand und schon bist du drinnen in diesem Irrsinn.

Und hier ist es so ruhig und friedlich, das Wasser plätschert, die wogende Landschaft und du denkst dir, dass kann doch nicht sein, dass sie hier – diese Leute, dieses Land, und das schlimme ist, dass du hier Gastfreundschaft wahrnimmst, im Camp haben wir alle Namen, und auch wenn wir sie erst mit der Zeit den richtigen Leuten zuordnen können, so speichern wir sie mit Eselsbrücken ab – der mit den Dominosteinen, der mit den Symbolen in den Bildern, unser Fähnlein Fieselschweif, und von Tag zu Tag weißt du besser, wen du mit welchem Namen ansprichst, am Lagerfeuer sitzen wir beieinander und wechseln die Plätze und manchmal komme ich ins Gespräch mit jemandem, den ich noch nicht kenne und manchmals sitze ich da und verstehe eine Zeitlang kein Wort bis wieder jemand für mich übersetzt und wir so ins Gespräch kommen.

Ich lerne die Leute hier kennen, und jede und jeder einzelne erscheint mir so wunderbar, dass das die Menschen sind, mit denen ich mich lieber umgebe als die meisten, die dir täglich über den Weg laufen, was natürlich damit zu tun hat, dass dies ein Art Camp ist, dass wir sensible Wesen sind, die über den Zustand der Welt nachdenken, uns mit Dingen auseinanderetzen, die andere hinter ihren Fernsehgeräten nicht einmal wahrnehmen.

Dass das in jedem Land gleich ist, die Leute stehen auf und gehen schlafen und dazwischen gehen sie zur Arbeit, fahren zum Supermarkt, holen ihre Kinder ab, kochen, putzen und setzen sich vor ihre Fernsehgeräte, ein Hetzen durchs Leben, und im Fernsehen wird auch gehetzt, werden Völker gegeneinander aufgebracht. Oder was anderes ist es als eine Propagandamaschine, dass man hier auf Obama schießt und dort auf Putin, erschießt sie beide, lasst sie beide leben, es wird nichts ändern, es wird nichts ändern, immer wird es diese Maschine geben, die Kalaschnikows, die Bomben und Mienen und die Toten, und immer wird dieser Wahnsinn irgendwann Alltag. Du siehst Kinder mit angelegten Gewehren vor Hauswänden, denn was sollen sie sonst tun, was sollen sie nachahmen wenn nicht diesen Wahnsinn, wo es doch nur diesen Wahnsinn um sie herum gibt.

Ich sitze am Fluss und denke: 2500 Tote hier und irgendwo wird ein Kind geboeren, 1800 Tote dort und irgendwo küsst sich ein junges Pärchen.

Krieg in Bosnien und wir saßen vor den Bildschirmen, am Abend, mit der Tüte Chips in der Hand, und das Grauen wurde zur täglichen Kost während wir unsere Füße hochlegten und auf den Abendspielfilm warteten während hier, während hier …

Das kalte Wasser am Körper treibt diesen Schock hinaus aus mich, ich komme wieder an, wieder heraus aus meinen Gedanken und meiner Hilflosigkeit, wie diese Maschine darstellen, wie einen performativen Text gestalten, ohne die traumatisierten Menschen hier zu beleidigen.

Stell dir vor es ist Krieg und du gehst nicht hin. Wir gingen nicht hin, wir sahen zu, wurden zu Voyoristen und waren stolz auf unsere Diskussionen und unser Mitleid und belegten uns ein Wurstbrot und bissen zu.

Und jetzt liegen wir im Gras und halten unsere nackten Körper der Sonne entgegen. Je schöner die Landschaft, desto unwirklicher das Grauen.

Nur im Regen, wenn die Sonne die Häuser hier nicht anleuchtet, kannst du dir es ein bisschen vorstellen – dass hier etwas stattgefunden hat, das du dir nicht vorstellen kannst.

Ich spreche mit den anderen und sie erzählen und ihre Erzählungen sind wie Märchen aus einer anderen Welt, wie eine Geschichte aus einem Buch, wie Jelkas Onkel, der seinen Hund sucht und mit einer Heiligenstatue und einem Stoffkoala zurückkommt.

Am Lagerfeuer wird gesungen, die Flammen werfen flackernde Schatten auf die Gesichter, ich ziehe an meiner Zigarette und reiche den Rakia weiter, um mich herum Stimmengewirr. Jetzt bin ich die einzige, die noch übrig ist, die die Sprache nicht versteht. Ein Rhythmus, der auf einer Gitarre angeschlagen wird, bosnischer Pop und dazwischen die Doors und dann eigen für uns komponierte Lieder, im Refrain „Verstehst du mich? – Da li me razumijes“ , dann ein Lied, das mir auf englisch vorgesungen wird, mit bosnischem Refrain, das ist für dich, this is for you, Augen, die mich ansehen, und ich nicke und frage mich, was er wohl singen mag, als er ins Bosnische wechselt und die anderen uns zusehen und lachen.

Und eigentlich wollte ich früher schlafen gehen und schon wieder ist es halb Vier und ich hole widerwillig die Zahnbürste und die Pasta und gehe ins Küchenzelt um mir Wasser vom Kanister zu zapfen, spucke ins Gras und wickle mich in meinen Schlafsack ein.