Art Guerilla Camp Banja Luka – Logbuch


31. August 2014

Stierkampf in der Republika Srpska

Sonne durchs Zelt, ein Reißverschluss der geöffnet wird. Heute habe ich lange geschlafen, es ist halb Zehn, als ich ins Freie krieche und mir Kaffee aus dem Topf in einen Becher leeren lasse.

Wir sitzen auf Strohballen, im Schatten schläft einer. Sonntag.

Gestern, nach einem leichten Anfall von Gruppen- und Zeltkoller (dass ich nichts mehr finde, dass alle meine Sachen verstreut sind, dass ich immer alles von unten nach oben kehren muss – immerhin haben wir jetzt eine Dusche, ein Kanister in der Hohe, ein Hahn, ein dünner Wasserstrahl und ich könnte unseren Fähnlein Fieselschweif Nikola täglich dafür küssen), bin ich wieder in die Gemeinschaft zurückgekehrt, am Lagerfeuer, nach der Promiparty im vollen Lokal (wir saßen draußen) und schrecklicher Musik (my opinion), und auch dort keine gescheite Internetverbindung, was heißt, dass ich die Auflösung runterrechnen muss – and time is passing and time is passing – und ich habe mir viel zu viel vorgenommen.

Du bist hier in Bosnien, wurde mir gesagt. Take it easy…

Am Lagerfeuer dann die Stimmen und das Knacken des Holzes und die Gitarrenmusik – sie haben mich besänftigt und eingelullt und heute denke ich mir, warum muss alles sofort sein, keiner verlangt das von dir, du tust dies hier freiwillig, das ist dein Projekt und letztendlich up to you. Und dass dann noch Novi Sad und Graz, dass da noch 3 Monate Zeit sind, und bis dahin …

Ich sitze im Incel und verkleinere Fotos und als Igor seinen Kopf hereinsteckt, klappe ich den Laptop zu, breche auch das Schreiben ab, freiwillig, morgen ist auch noch ein Tag. Heute ist Sonntag und wir fahren zum Stierkampf.


Davor in ein Restaurant am Fluss, Hollywoodschaukeln gegenüber, dass es hier fein wäre zu leben, denke ich, aber dann werde ich schon darauf hingewiesen, dass genau hier alles unter Wasser stand. Mir fällt das Interview ein, über die Flut wollte ich auch einen Beitrag schreiben, ich habe mit dem Einspeisen des Textes noch nicht einmal begonnen. Je mehr Zeit vergeht, desto weniger werde ich meine Notizen lesen können, aber egal, jetzt sitze ich hier.

Die Fahrt wieder über die Hügel, derselbe Weg wie gestern, diesmal zu dritt im Auto, insgesamt sind wir fünf, die dorthin fahren.

Und dann sind wir dort und plötzlich habe ich das Gefühl, dass die Vorstellungen vom serbischen Teil Bosniens, die ich in Innsbruck hatte, die Vorurteile, das befremdende Gefühl, dass das dort noch harmloser als die Wirklichkeit hier. Orthodoxer Kitsch, Tschetnik-Mützen, Schießstände, Patriarchat in den Texten der Schlagersänger (Ada übersetzt), Geschichtsbücher geschrieben vom Führer der Tschetniks, Uhren mit Mladić und Karadžićs Gesicht unter den Zeigern, Gavrilo Princip auf T-Shirts. Nur die Bullen stehen eher still, es ist ein Stierkampf (die Bullen haben 1000, 1200 kg), gegen den der Tierschutz nichts einwenden kann. Die Bullen beschnuppern sich, gehen Seite an einander vorbei. Manchmal werden sie ein bisschen angetrieben, mit Seilen, sie kommen ins Rennen, wir wundern uns über den Mut, auch den der Zuschauer, die in der Arena sitzen und nicht hinter den Absperrungen bleiben. Am nächsten Tag werden wir erfahren, dass 8000 Autos auf dem Gelände geparkt haben. Der Kommentartor nennt sie Lieblingshaustiere und erklärt ihr Verhalten, wir bekommen seine Kommentarte übersetzt.


Am Ende des Kampfes ein alter dünner Mann mit einem kleinen Saiteninstrument, einer Mundharminika und einer Flöte, die Serben seien ein unglückliches Volk mit zu großen Illusionen, deswegen käme so viel Unheil über sie, flüstert er zwischen Flötentönen in Vahidas Ohr.

Die Männer erproben sich an der Klimmstange, schlagen mit einem Hammer auf einen Bock, boxen, die Maschine klingelt, Praterstimmung. Spamferkel am Grill, daneben Cevape, Kinder laufen auf einem Feld aus Plastikflaschen, leeren Zigarettenpackungen und zertretenen Dosen. Das Areal leert sich schnell, alle gehen zu den Autos, Stau am Weg nach Banja Luka. Vahida erklärt uns in Kurzversion die Geschichte Yugoslawiens, beginnend beim Zweiten Weltkrieg, ich kenne sie, ich habe sie in vielen Büchern gelesen und doch habe ich das Gefühl, nie genug zu wissen, nicht genug zu verstehen, ich frage nach, wir unterhalten uns über die Tschetniks. Im Juli treffen sie einander, dann gibt es ein großes Fest, ein Tschetnik-Fest. Patriarchat pur, sagt Vahida.

Tschetniks, die selbsternannte königliche Garde, gemeinsam mit den Partisanen im Kampf gegen die Deutschen, aber lange ging das nicht gut, das mit dem gemeinsamen Kampf. Ich frage nach, ob ich mich richtig erinnere, dass die Amerikaner ihnen anfangs mehr vertrauten als Titos Partisanen, Vahida nickt. Wenn man sich mit der Geschichte Yugoslawiens aueinandersetzen will, sollte man Miljenko Jergovic lesen, sein Walnusshaus, eine Familiengeschichte, jede Generation mindestens ein Krieg, Annexionskrise, Weltkrieg, Bürgerkrieg.

Ohne Miljenko Jergovic wäre ich nicht hier, sage ich, hätte ich mich in dieses Thema nicht so fallen lassen.

Was sind schon Bücher gegen den echten Austausch, gegen so einen Stierkampf mit all seinem Drum und Dran.


Ich erzähle C. beim Lagerfeuer, jetzt hast du die Realität kennen gelernt, sagt er, und ich frage, ist es tatsächlich so schlimm, ist das die Realität, denn wenn dem so ist, dann wäre mein Gefühl am Stand von Innsbruck, dieses Beklemmende, mehr als ein Vorurteil gewesen, eher eine Vorahnung.

C. nickt, er dreht sich eine Zigarette, wir sprechen über Dodik hier und die Regierungen in der Föderation, ich frage nach, will verstehen. Bekomme von Mostar erzählt, es ist C.s persönliche Geschichte, ich darf sie hier nicht niederschreiben, denn er hat schon genug Probleme. C. setzt sich für Menschenrechte ein, in einer Geisterstadt, auf deren einen Seite die einen und auf deren anderen Seite die anderen leben.

Ich war dort, vor einem Jahr, ich erzähle C. davon, die Innenstadt, dieser Kitsch, dieses auf engsten Raum zusammengeballte orientalische Disneyland, und er lacht, ja, „this is all chinese stuff“, antwortet er. Ich frage nach den vielen Schildern mit der Bezeichnung „Advokat“ an den Türen, wie das möglich sei, so viele Advokaten auf engstem Raum, wer könne sich schon einen Rechtsanwalt leisten.

Dass du das wahrgenommen hast, C. sieht mich dankbar an, du bist die erste, die das wahrnimmt, sagt er. Vielleicht ist das so, ich habe andere Augen, wenn ich recherchiere, dabei habe ich Mostar dann gar nicht verwendet, und auch die Advokaten nicht. Dennoch will ich wissen. C. seufzt, ja, die Advokaten, sagt er, du wirst ja wegen jeder Kleinigkeit vor Gericht geschleppt. Dass es dort eine Advokatenschule gibt, sagt er „advocat school“, und ich denke, dass er wohl eine der Universitäten meint, denn Mostar ist zweigeteilt, also braucht es auch 2 Universitäten. Die Politik dort – sie arbeiten nicht, sagt C. wie sollte so eine Arbeit aussehen, frage ich mich, wenn sich 2 Seiten einigen müssten, deren Wähler sich kaum auf die andere Seite trauen, noch immer nicht.

Als sich die Leute eintragen lassen mussten, wurde von ihnen eine Entscheidung verlangt. Bosniak (sprich muslimisch), Kroate (sprich katholisch) oder Serbe (sprich orthodox). Die anderen seinen der minderwärtige Rest, sagt C. – Juden, Roma, andere Nationalitäten – und eben Leute wie er, die sich nicht entscheiden wollten, die in leere Feld der Staatsbüergerschaft „Bosnien Herzegowina“ schrieben. Die „Sonstigen“ haben weniger Rechte. Niemals würde ein Sonstiger Politiker werden können.

Wir reden über Sarajevo, über Mostar, über die Republika Srpska. Über die Schnullerrevolution voriges Jahr, über die brennenden Regierungsgebäude dieses Jahr, über Inzko.

Ich sehe in die Flammen, fühle mich hilflos. Bekomme immer mehr das Gefühl, dass sich Bosnien in einer ausweglosen Situation befindet. Jeden, den ich hier frage, bestätigt mir das, was ich als Tourist nicht sehe, nicht wahrnehme, was ich aber aus den Medien weiß: Dass die Leute einander vertrauen, dass die Propagandamaschine läuft und frisst und frisst und frisst, sie frisst Menschen, und irgendwann wird sie wieder so vollgefressen sein, dass sie alles auskotzen wird.

Kriegsaufarbeitung. Wie soll die stattfinden? Wir sprechen über die Museen. Srebrenica, die Gedenkstätten. In Mostar das Museum mit Schwarzweißfotografien des Leids. Fotos von erschossenen Männern, von weinenden Frauen, von hungernden Menschen in der Belagerung. Vergewaltigte Frauen, KZs. Dass es diese Dokumentationen braucht. Dass es sie auch bei uns noch braucht. Den Holocaust, sage ich. Aber wenn das Ganze zu einer Tourismusattraktion wird – wie in Sarajevo. Dort kannst du mit dem Bus an die Schauplätze fahren. Von einem Spot zum anderen – und hier starben so viel und dort starben so viel und dann kriechst du als Tourist durch den Tunnel unter dem Flugfeld, und am Ende kaufst du dir noch einen Kuli, der aus einer eingesammelten Patronenhülse gefertigt wurde.

Was sind das für Leute, frage ich, die ihre Tagebucheinträge (oder was auch immer) mit dem Werkzeug niederschreiben wollen, durch das ein Mensch sein Leben verlor? Das Nichtdenken ist der beste Nährboden für die Propagandamaschine.

Wieso reden sie immer nur vom Krieg, sagt C., der Krieg liegt nun fast 20 Jahre vorbei, wenn wir immer nur über diesen verdammten Krieg reden, wird nie Frieden herrschen. Es gibt so viel gute Kunst, hier, in Sarajevo, wieso gehen die Touristen nicht in diese Museen?

Wir sind uns einig. Ich habe über dieselben Dinge nachgedacht und gebloggt wie du, sagt C.

Im Gegensatz zu Österreich herrscht hier keine Meinungsfreiheit. Du musst aufpassen, was du sagst, vor allem, was du schreibst. Die Revolution – sie wurde niedergedrückt. Was blieb von der Revoltion? Nicht viel. Vielleicht gar nichts. Und dann ist da immer die Gefahr, dass die Parteien die Proteste wieder für ihre eigenen Interessen verwenden, die Propagandamaschine bedienen. Die Revolutionäre, sie gelten als Terroristen, sagt C. Dass die Leute hier einfach leben wollen, dass sie es nicht einsehen, dass das wenige Geld in die Bürokratie fließt, dass alles von den Ämtern gefressen wird, das will man hier nicht verstehen. Nicht die Politiker. Wenn du richtig wählst, bekommst du Geld dafür, sagt C.

Informationen. Wie weit kann ich ihnen vertrauen? Ich erinnere mich an eine Demonstation, an der ich teilnahm. Damals ging das Gerücht um, jeder von uns hätte von der Opposition 100 Euro bekommen.

Die Politik hier ist verwirrend. Ich werde kein Buch finden. Vor allem kein unparteiisches. Ich kann nur die Leute fragen, die hier leben. Googeln. In Österreich erfährst du nicht allzuviel über bosnische Politik.

Alles, was ich sicher sagen kann: Bosnien bräuchte endlich eine Regierung.Nicht eine, die das ganze Geld verschlingt und handlungsunfähig ist. Oder, wenn sie handelt, zu einer Art Diktatur verkommt. Eine neue Verfassung. Dayton – was ist das? Ein Friedensvertrag, nicht mehr.

Meinungsfreiheit – das wichtigste Gut. C. gehört zu jenen, die Tito so sehen wie ich. „He was a fucking dictator“, bekomme ich zur Antwort.

„Maybe we were not so free to say everything we were thinking but at least we had work“, sagte eine der jungen Künstlerinnen vor 3 Tagen zu mir. Sie ist zu jung, sie kam nach Titos Tod zur Welt. Sie hat sich erzählen lassen, von den guten alten Zeiten. Ich kann diese Nostalgie verstehen, sage ich, doch C. schüttelt den Kopf.

Ich bin fremd hier. Dieses Land ist nicht das Land, in dem ich leben muss. Es ist leicht, zuzuhören. Nicht zu werten. Ich bin nicht involviert. Wenn es um österreichische Belange ginge, würde ich anders reagieren. Die Alten, die es heute noch gibt. Unterm Hitler war alles besser. Wie oft hören wir diesen Satz, hören ihn wieder. Auch hier, sagt C. Hitler, Hitler, Hitler. Dass man seinen Namen oft höre. Hier?, frage ich. Bin verwundert.

C. hat Angst, in seine Stadt zurückzukehren. Er wolle sich in Zukunft aus der Politik heraushalten, es sei zu gefährlich geworden für ihn. Er wolle einfach nur in Frieden malen. Wenn er die Möglichkeit hätte, würde er das Land verlassen.

Ein Satz, den ich hier von einigen höre. Bosnien ist schön, die Landschaft ist schön. Aber es gibt keine Zukunft.

Ich sehe junge Künstler. Ich beobachte täglich ihre Arbeit. Bin fasziniert. Sie sind talentiert und arbeiten unter Hochdruck, damit bis zum Festival alles fertig wird. Ich bin die einzige, die „nur“ in den Laptop tippt, Zeile für Zeile, die Wörter kommen wie sie kommen, hier ist keine Zeit, zu denken, keine Ruhe, oft lege ich den Laptop weg, um mich zu unterhalten. Und immer wieder höre ich etwas und frage nach, hast du ein wenig Zeit für mich, für ein Interview. Und manchmal ergeben sich die Gespräche abends am Lagerfeuer, nachdem wir aus unseren Tassen Eintopf gegessen haben, wenn wir mit unseren Zigaretten auf Strohballen sitzen und ins Feuer starren, und ich weiß, ich habe mein Notizbuch nicht auf den Knien, und ich weiß, ich werde bis zum nächsten Morgen wieder die Hälfte vergessen haben. Und doch weiß ich, wenn ich etwas wissen will, ist das Lagerfeuer der beste Ort, hier sitzen wir entspannt, hier entstehen Diskussionen und Freundschaften.

Wir tauschen unsere Facebook-Adressen, auch echte Adressen werden getauscht, Einladungen folgen: Wenn du das nächste Mal kommst.

Werde ich wiederkommen?

Menschen kreuzen unsere Wege und manchmal begegnen wir ihnen Jahre später wieder.

In Novi Sad werde ich wohl einige wiedersehen und ich bin froh, dass das Projekt nach dem Camp weitergeht. Bis dahin soll auch dieser Blog ein wenig mehr Informationen enthalten.

Dodik kam nicht, auch sonst haben wir keine Politiker wahrgenommen. Dass es am Vormittag ein paar km entfernt eine Vernastaltung gab – mit Lesungen und Musik, ein Theaterstück wurde aufgeführt. Vielleicht war Dodik dort, denke ich, vielleicht ist es danach zur Eröffnung des Stierkampfs gefahren und hat eine Rede gehalten. Als wir ankamen, befanden sich die Lieblingsghaustiere bereits im Halbfinale. Dennoch haben wir nichts versäumt, alles ist noch fühlbar.

Und dass es bei uns nicht anders zugeht, in den Bierzelten, wo getrunken wird, wo rechte Parolen geschwungen werden. Vielleicht ist es nicht so schlimm wie C. sagt, denke ich, hoffe ich. Nicht alle auf dem Fest trugen Tschetnik-Kopfbedeckungen, nicht alle kaufen Uhren mit Karadžićs Antlitz. Und ich will nicht wissen, wie viele in Ö noch das Hitlerbild im Nachtkästchen haben.

C. hat Recht: Man muss aufhören, von diesem Krieg zu reden. Nicht vergessen, nein. Aber endlich mit den Schuldzuweisungen aufhören. Bosnien Herzegowina zerfällt. Ist zerfallen. Vielleicht wird das Land noch mehr zerfallen. Und wieder wird es Flüchtlinge geben.

Ich putze mir die Zähne und lege mich ins Zelt. Am Lagerferuer sind ein paar zurückgeblieben. Ich höre ihre Stimmen. Und hoffe für sie, dass die Zukunft für sie besser ist als C. ahnt.