Art Guerilla Camp Banja Luka – Logbuch


1. September 2014

Regentag voll Arbeit

In der Nacht Gewitter. Bis zum Morgen, heavy rain. Mit dem Handtuch durch den strömenden Regen zur Campdusche. Frühstück im INCEL. Ein idealer Tag zum Arbeiten.

INCEL ist undicht.

Ich sitze und tippe in den Computer, mein Notizbuch auf dem Sofa neben mir. S. vor mir am Computer, gestern hat er mir seine animierten Grafiken gezeigt. Er arbeitet schnell – zeichnet auf dem Tablet, speist ein, verändert. Es sind simple Grafiken, mit Hand gemalt. Die Effekte pulsierend. Dass das etwas macht mit mir, das stelle ich gleich fest. Wann er fertig wird? Vielleicht ein Input für das Festival. Dass ich noch immer nicht weiß was. Und wie.


Gestern Abend am Feuer habe ich D.s Freundin kennengelernt. Ob ich auch artist sei, fragte sie mich. I´m a writer. Sie lachte, na Gott sei Dank. A. hat Kunstgeschichte studiert, beschäftigt sich mit Kunsttheorie. Sie bezeichnet sich als Theoretikerin. Schrifsteller seien die angenehmeren Wesen. Sie lacht. Und ich denke, dass es genau das ist, was mir hier gefällt, endlich unter Leuten zu sein, die nicht schreiben, die etwas komplett anderes machen. Dass da mehr Input kommt. Das Schönste: Man spürt die Engergie. Jeder arbeitet unter Hochdruck aber vor allem mit Freude. Dazwischen sitzen wir zusammen. Lernen uns kennen, jeden Tag, so habe ich das Gefühl, lerne ich jemand anderen besser kennen.

Heute S. näher kennengelernt, durch die Arbeit im selben Raum. Sein Englisch ist nicht sehr gut, er verwendet Google Translate, um sich mit mir unterhalten zu können. Der Rest ist Sehen. Er ruft mich zu sich, ich lege den Laptop beiseite, schaue.

Dass Kommunikation auch ohne Sprache geschehen kann. Wenn man sich darauf einlässt.

Draußen regnet es fast ununterbrochen, nur am VM ist es halbwegs trocken. Michael wandert mit der Motorsäge nach Draußen. Fährt mit dem Sägeblatt ins Holz. Die fertige Figur im Kopf.

Im Atelier J. und A.


Die neu eingerichtete Bar steht unter Regen. Das halbe INCEL steht unter Regen.

Ich gehe die Runde und fotografiere. Lade hoch. Gehe weiter. V. und Jelka kleben die Collage. Texte, ausgeschnitten aus Schulbüchern. Die Gegensätze werden herausgearbeitet, Textpassagen gegenübergestellt. Der Tisch voll mit Kopien.

D. am Computer, ich sehe nach, die Facebookseite ist offen. Ich zeige ihm das Bild von ihm am Blog. Er möchte es gerne ausgeschnitten haben, für seine Facebookseite. V. startet Photoshop. Dass es das ist, was mir hier gefällt. Jeder nimmt sich Zeit für den anderen, auch wenn es ein 18jähriger Junge ist, der ein neues Bild für seine Facebookseite braucht.

Im Hinterzimmer werden Audioaufnahmen für den Film getätigt. Die Tür geht auf, wir werden gebeten, ganz still zu sein. Aus Kaffee, Honig und roten Pigmenten wird Blut gekocht.

S. und ich sitzen allein im Büro. Wir haben die Türe geschlossen, den Heizstrahler angedreht. Sasas Grafikkarte arbeitet nicht mehr, seit Stunden versucht er, seinen Computer wiederherzustellen. Crash. Jemand anderer hat ihn abgewürgt, er hat seine letzte Arbeit nicht abgespeichert. Ich bewundere ihn, wie er gut gelaunt vor mir sitzt. Trotz Stress, der hat sich für ihn jetzt verdoppelt.

Ich bin endlich beim heutigen Eintrag angekommen. Noch die Fotos hochladen. Die Internetverbindung ist am Abend besonders schlecht.

Eine kurze Unterbrechung, mein Zeltnachbar verabschiedet sich von mir – heute reisen meine 5kg Kaffee in seinem Auto nach Graz. Endlich wieder bosanska kava.

Ein kurzer Ausflug zum Kaffee: Der bosnische Kaffee ist der beste der Welt. Mein Kupferkännchen, das ich aus Sarajevo mitgenommen habe. Hier wird mir geraten: Verwende besser kein Kupfer, das ist auf Dauer nicht so gesund. Ich sollte mir meine Halbliterkanne, die ich mir hier besorgen wollte, aus Edelstahl zulegen.


Wasser aufkochen, ins Kännchen. Kaffee dazu und aufkochen. 3x, so sei es am besten. Mit ein wenig Wasser nachgießen.

Gestern die Diskussion im Restaurant: V. bestellt turkish coffee. Warum sie nicht bosanska kava sage, frage ich. Sie meint: Weil es türkischer Kaffee sei.

Ich erinnere mich an Belma. Wie sie sagte: Die Türken trinken Tee, keinen Kaffee.

A sagt: Sag domaca kava. Kaffee des Hauses, da machst du nichts falsch.

Heute, im Büroraum, erzähle ich einer der Organisatorinnen von meinem Kaffeeeinkaufsausflug. Dass ich meinen Lieblingskaffee (den grünen) nicht gefunden hätte.

Der Kaffee ist hier ganz fein gemahlen. Voriges Jahr, im Bus zurück nach Wien, saß ich nebnen einem Bosnier. Geh zu Eduscho. Er verriet mir die Kaffeesorte, ich fragte im Geschäft noch nach. Kam mit beiden nach Hause, aber es war einfach nicht dasselbe. Der bosnische Kaffee schmeckt anders. Würziger.

I. sagt: In Graz gäbe es einen guten Kaffee im türkischen Geschäft. C. klärt mich auf: Am Griesplatz bekommst du sogar beim Zielpunkt bosnischen Kaffee.

Die Organisatorin klärt mich auf, dass mir der türkische Kaffee wegen der Zubereitungsart nicht geschmeckt habe. In der Türkei koche man bereits das kalte Wasser mit dem Kaffeepulver auf, während man hier das Pulver erst ins kochende Wasser rührt

Also doch bosanska kava denke ich. Nicht türkish coffee.

In unserem Raum qualmt es. Wir rauchen zuviel, die Türe ist geschlossen, draußen schüttet es wieder. Es ist fast 20:00 abends, aber was sollen wir tun außer hier zu sitzen. Heute wird es kein Lagerfeuer geben. Ich hoffe, dass mein Zelt trocken geblieben ist. Keiner wird Wärme ausatmen, ich werde mir eine Decke über den Schlafsack wickeln. Ein Zelt für sich ganz allein zu haben, hat allerdings auch seine Vorteile – zB, dass man den Rucksack nicht unter dem Vordach lassen muss. Sollte jemand den Platz neben mir brauchen, werde ich mein Gewand wohl in ein Auto legen müssen.

Das Plätschern und Tropfen draußen. Ich hoffe, dass der Regen bald aufhört. Das INCEL steht bereits jetzt ziemlich unter Wasser, überall riesige Lacken.

Vielleicht habe ich heute eine gute Idee – für die Performance. Gestern hatte ich eine, in der Nacht. Wie jede Nacht – am Morgen ist dann wieder alles weg. Zuhause zücke ich das Notizbuch. Wenn du in einen Schlafsack eingewickelt bist, willst du einfach nur im Warmen bleiben. Und deinen schlafenden Nachbarn nicht mit deiner Herumkramerei und deiner Taschenlampe wecken.

Was daran erinnert, dass ich mein Smartphone aufladen sollte. Meine Taschenlampe ist nämlich nur eine App.

Es ist jetzt 20:26. Neben mir sitzt D. und hört Musik auf You Tube. (siehe Video unten). Er lacht. Ich solle zusehen. Ich trete neben ihn. Finde nichts zum Lachen und lasse mir übersetzen. It´s a song about poverty. Some place in Serbia.

Vorhin war ich in der Galerie. Die Akkustik dort ist fantastisch. Der Raum nass, Michi steht mit seiner hölzernen Gams in einer Lacke. Es ist spät, wir sind alle müde. Aber das, was hier entsteht, wird großartig.

Ein altes, kaputtes Fabriksgebäude, in das es regnet. Hübsch ist der Ort tatsächlich nicht. Und doch habe ich mich selten so wohl gefühlt an einem Ort.