Art Guerilla Camp Banja Luka – Logbuch


2. September 2014

Guslar Sound im Regen – einen Tag vor der Festivaleröffnung

Kein Lagerfeuer gestern Nacht, stattdessen Dance-Party im Incel. Der erste Musiker ist da – und wie ich draufkomme, kenne ich ihn, habe ihn von der ersten Reihe aus gesehen, mein erstes Theaterstück nach meinem Umzug nach Graz. (Belgrad Trilogie). Die Welt ist klein, da soll noch mal einer sagen, meine Überkreuzungen seien an den Haaren herbeigezogen. Die Welt wird klein, wenn man nach Graz zieht und Graz trifft sich in Banja Luka.

Die Welt ist noch kleiner, denn wer hätte schon gedacht, dass man die Schwarzwaldklinik auch in Yugoslawien sah, Professor Brinkman und die hübsche Schwester Christa, von der B. träumte (Aber erwähne, dass das in der Pubertät war!, sagt er). Ich bekomme von der Schwanzwaldklinik erzählt, lasse mir den Inhalt des Songs übersetzen. Ein Mann zieht aus, verkauft seinen Schwanz, bereut es und macht sich auf die Suche. Prostituiert sich als eine Art Frau ,um sein bestes Stück wiederzuerkennen, findet es schließlich in der Schweiz.


Ja, auch solche Dinge gehören zu unserem kulturellen Get Together. Die Band heißt Rambo Amadeus, und schon ist da wieder eine Verbindung zur guten alten Heimat Österreich, Wolferl und Hasi Hölzel lassen grüßen.

Lasst euch noch 2 Bands ans Herz legen:

Azra


und Ekaterina Velika (EKV)


Heute also schon eine Woche da.

Es regnet noch immer, Banja Luka zittert, in den Vororten sieht es schon nach einer dritten Flut aus. Wollen wir das beste hoffen. Balkan Woodstock meinte I. – wenn es so weitergeht, wird das Festival im Wasser versinken.

Der Regen in Banja Luka macht die Nächte wärmer. Im Zelt dampft es, am Morgen laufe ich in meinem Handtuch durchs nasse Gras zu unserer Zeltdusche. Speziell für dich, so meine N., als ich ihm für die Dusche dankte – und tatsächlich scheint keineR so gerne hier zu duschen wie ich. Ein Kanister und ein schmaler Strahl, der es kaum schafft, die Seife vom Körper zu waschen, das Wasser ist kalt, aber noch nie hat mir die Morgenwäsche noch nie so Spaß gemacht. Empfehlung für alle, die gerne Lachkrämpfe und gute Laune bekommen: Lauft im Handtuch durch den Regen und singt dabei!

Man braucht nicht viel, um sich wohlzufühlen. Ich stapfe in meiner Regenhose Richtung Fabrik und werde mit Kaffee empfangen („Meine Damen und Herren, ich liebe dich!“), der jemand reicht mir ein Brot, der dritte hält mir seine Zigarettenpackung unter die Nase. Ja, wir Frauen werden gerne verwöhnt und die Bosnier wissen darum.

Ich google den Begriff „Deseterac“. Ein Zehnsilber im Namen des Franz Ferdinand, des Gavrilo und der heiligen weißen Gams, Amen. Jelka hilft mir beim serbischen Teil und erweist sich als begabte Poetin. Wir lassen den Helden wiederauferstehen. B. ist skeptisch. Eine Österreicherin, die noch nie zur Guslar gesungen hat und kein Wort Serbisch kann? Ein Experiment auf alle Fälle. Für mich. Ob sich die anderen darauf einlassen, wird man sehen.

Während ich versuche, im Guslarsound zu versinken, wird das INCEL abgedichtet so gut es geht. Dass ich mich vielleicht ins Zelt zurückziehen werde, später. Wenn es nicht zu nass und kalt ist. Und dann sollen heute ja noch mehr Musiker auftauchen. Ein wenig professionelle Hilfe wäre schon gut für die überforderte Romanschriftstellerin, die sich nicht auskennt – weder mit dem Deseterac noch mit den Viertel- und Achteltönen (so kommt es mir vor). Die sebische Guslar geht nicht gerade ins Ohr. Aber ich habe ja noch ein bisschen Zeit … Und singe. Kein Wunder, dass bald N.s Kopf vor meinem Zelt auftaucht. „Margarita, you okay?“, fragt er besorgt. Mein nachgeahmter Guslar-Sound dürfte wohl doch eher an Magenkrämpfe denken lassen …