Banja Luka Art Festival – Logbuch


3. September 2014

nasse Hosen, Interviews und Festivaleröffnung mit Katzenbaby

Wenn du aufwachst. Und keine Hose mehr findest, in die du hineinkriechen willst. In den Schlafsack, alles feucht, Decke herumgewickelt. Am Morgen hinaus ins Nass, alles nass, auch du, nasses Schaf – die Zahnpasta einpacken und ab ins INCEL, im Klogatsch des Vortages. Und trotzdem schaffst du es, zum Mensch zu werden, irgendwie, dich zumindest nicht mehr wie ein filzig-feuchtes Irgendwas zu fühlen.

Gestern also der erste Tag des Festivals. Den ganzen Tag über hektische Stimmung. Und du in der Mitte und Fluchtgedanken im Kopf. Die Mädchen ziehen sich mit mir zurück, ich lasse sie in meinen MP3-Player sprechen. Dass es nur mehr so geht. Konservieren und zu Hause dann niederschreiben.

Und es regnet und es regnet und es regnet und überall tropft es.

Und trotzdem schaffst du es, dich aus der Regenhose zu schälen. Ich setze mich mit dem Chronist ins Hinterzimmer, die Band tobt. Slavko Podgorelec ist Journalist. Geboren 63 in Zagreb, kam im Alter von einem Jahr nach Banja Luka. Seit den 70ern sammelt er bizarre Begebenheiten – Vorkommnisse, die man in keinem Geschichtsbuch findet. Seine Beiträge erschienen in den Feulletons verschiedenster Zeitungen und im Radio.

Bei er Eröffnung erzählt er von einem Mitstreiter Princips, vom schwarzen Haus, von einem Tabakschmuggler zur Zeit der Ö-ungar. Herrschaft und vom Mann im Eisen, der – anders als in Wien – verheizt wurde – die herausgezogenen Nägeln findet man nun wohl in ganz Banja Luka. Igor übersetzt simultan in mein Ohr, von der Decke tropft es auf unsere Köpfe.

These, Antithese und Synthese tanzen um den Zlatorog.


Das INCEL, der ideale Veranstaltungsort. Dass das nur hier wirkt, denke ich, stelle mir einen sterilen Museumsraum vor. Heute habe ich eine junge Kunststudentin interviewt. Sie ist nicht zufrieden mit dem Festival. Vor allem nicht mit dem INCEL. So ein hässlicher Ort sagt sie, den wir in die Welt hinaustragen. Dass die Welt denken wird, ganz Bosnien sehe noch so aus. Sie hätte sich einen sterilen, sauberen, weißen Raum gewünscht.

Sie ist eine jener, die sich nicht auf das Thema eingelassen hat. Die mit dem Thema nichts anfangen kann. Warum von etwas reden, das hundert Jahre zurückliegt. Dass sie einen Brückenschlag hätte machen können. Dass es auch hier – im undichten Fabriksgelände möglich sei, das Schöne als Gegensatz darzustellen. Und schon ist da wieder eine neue Idee, aber heute bin ich müde und das Zelt ist ein nasser Ort, an den ich mich nicht mehr zum Schreiben zurückziehe.

Ich spreche mit einer Besucherin über die Interviews. Welches Gefühl hast du nun betreffend unserem Land?, fragt sie mich. Ich gebe zu: It makes me sad. Dass ich von allen leider keine Bestätigung über das funktionierende Zusammenleben bekommen hätte. Kein Zeugnis von einer Entwicklung nach vorne.

If you are looking out for bad things, they will tell you bad things, bekomme ich zur Antwort.

Ich berichte ihr, dass ich die Leute nach ihrem Studium befragt hätte. Nach ihren Zukunftsvorstellungen. Frage sie nach ihrer Sicht. Dass sie hier die Möglichkeit hätte, mir ihre Sicht darzulegen. Sie erzählt mir von Leuten, die im Supermarkt arbeiten. Wenn du Arbeit hast, fühlst du dich hier wohl, sagt sie. Hier sind deine Freunde, hier ist deine Heimat. Und wenn du lange im Supermarkt arbeitest und sparst, kannst du dir einen besseren Job kaufen. Ja, ich habe mich nicht verhört. Hier werden Jobs gekauft – wenn du im Krankenhaus oder in einer Schule arbeiten willst, ist es am besten, wenn du 1000 Konvertmark hast. Als Verkäuferin im Supermarkt, wie viel wird man hier schon verdienen? Der Durchschnittsgehalt beträgt 50 Euro die Woche.


Dass sie gerne etwas ändern würde, hier, sagt M. Die korrupten Universitätsprofesssoren zum Beispiel. Aber die meisten haben Angst. Du bist abhängig von deinen Lehrern, sie sind es, die bestimmen, ob sie dich durch eine Prüfung lassen oder nicht. Und die Revolution? Da wurde gleich gewarnt: Wer teilnimmt, hat mit harten Strafen zu rechnen. Ich bin nicht bereit, 10, 20 Jahre meines Lebens zu opfern, um etwas zu verändern. Und was soll ich alleine schon verändern? Es würde viel mehr Leute brauchen. Und Zeit. Viel Zeit.

Siehst du, sage ich, und jetzt hast auch du mir diese Dinge erzählt. Du hast mir nicht über die positiven Dinge in deinem Land erzählt. Meine Gesprächspartnerin lacht. Ja, so ist es wohl hier, sagt sie. Du kannst die schönen Dinge sehen, du gehst wieder zurück nach Österreich.

Wir sprechen über die Landschaft. How can you fall in love witth our country?, wurde ich gestern gefragt. M. klärt mich auf: Die wenigsten kennen Bosniens Hügellandschaft. Wenn du von Banja Luka nach Belgrad willst, kostet dich die Fahrt einen Wochenbeitrag für das Mensaessen.

Und doch weiß ich: Jelka schwärmt von den Plitvicer Seen.

Wir sprechen über die Politikverdrossenheit der meisten Leute hier. Wenn du 18, 19 bist, sagt M., kennst du es nicht anders. Unser Land hat sich keinen Schritt vorwärts bewegt. Wir hören von der guten, alten Zeit des Sozialismus. Die Eltern flüchten sich in Erinnerungen.

Während die Mognstuam Buabn toben, sitze ich im Hinterzimmer. Ein Mädchen zerreißt seine Strumpfhose und setzt sich auf D. Eine kleine Katze, gefunden, zwischen Mülltonnen, nimmt unser Herz für sich ein. Ich sitze zwischen den anderen, vestehe kein Wort und habe trotzdem das Gefühl, alles mitzubekommen. Teil eines Ganzen zu sein. Das ist das Seltsame hier. Dass ich in Österreich alles verstehe und oft mehr das Gefühl habe, fremd zu sein, als hier. Vielleicht liegt es gerade am Nichtverständnis der Sprache.

4 Tage Festival. Nach einem hektischen Tag nun das Event. Dass unser INCEL Raum im Partylicht ganz anders aussieht. Und dass dieses Festival in einem sterilen, weißen Raum nicht funktionieren würde. Zlatorog, die heilige weiße Gams. Und doch ein Bock, ein Teufel, denke ich. Und trinke Bier und stelle fest, dass ich – nach einem halben Jahr Steiermark und anderthalb Wochen Bosnien tatsächlich zur Biertrinkerin geworden bin. Man gewöhnt sich scheinbar an alles, auch an einen Geschmack, den man bis vor 6 Monaten noch nicht leiden konnte.

Meine Gedanken werden von Tag zu Tag wirrer. Mein Englisch schlechter. Wir achten nicht auf die Form – da kommt schon mal ein „should we went“ raus. Meine Sprache geht den Bach runter. Ich habe angefangen, meine Interviews aufzunehmen. Ich werde mich zu Hause hinsetzen. Hören, schreiben. Und auseinanderdividieren.