Banja Luka Art Festival – Logbuch


4. September 2014

Partisanenmonument, die nächste Flut und Franz Ferdninands Princip

Nach dem gestrigen hektischen Tag ein Tag voller Ruhe. Hinauf zum Partisanendenkmal, Nebel. Normalerweise geht man vom Schranken nochmals 3 Kilometer. Ein Spaziergänger hilft uns, sagt wir seien von Österreich und das erste Mal hier. Der Portier lässt uns durch. Das ist es, was das Land braucht, Touristen, die hierherkommen um sich die Kunst des Landes anzusehen. Nicht nur die Kriegsschauplätze. Hier sind wir VIPs, Banja Luka hat nicht viele Besucher.

Das Monument riesig – die Geschichte eines Befreiungskampfes. Es müsste restauriert werden. Unser Begleiter erklärt, dass jede Nation die Partisanen für sich vereinnahmen will. Die Kroaten behaupten, dass hauptsächlich Kroaten das Land von den Nazis befreit hätte, die Serben behaupten, es seien hauptsächlich Serben im Kampf gestorben, die Bosniaken wiederum meinen, es seinen hauptsächlich ihre Leute gewesen. Letztendlich, so habe ich das Gefühl, lässt sich hier alles auf diesen Konflikt zurückführen. Es gibt kein Miteinander. Zumindest nicht offiziell. Du hörst von Schulen, in denen darauf geachtet wird, dass die Kinder ohne Vorurteile aufeinander zugehen, in denen der Dialog erprobt und erlernt wird, du hörst von gegenseitiger nachbarschaftlicher Hilfe, die jungen Menschen hier erzählen mir, dass sie bei ihren Freunden nicht auf die Nationalität oder Religion achten, und trotzdem. Hier bei uns, im INCEL, habe ich das Gefühl, dass es dieses Miteinander gibt, dass vor allem die Nachkriegsgeneration vergessen will, etwas verwändern, nach vorne sehen will, aber wenn du nachfragst, hörst du immer nur dasselbe. Da ist so viel Hass, so viel Korruption. Und Dayton – Was ist Dayton? Inzko, der neue Franz Ferdianand. Eine Karikatur.

Ich habe Interviews gelesen, weiß, dass der Repräsentant sich selbst wünschen würde, das Land würde endlich unabhängig, seine Funktion hier obsolet. Die Politik hier trägt nicht zur Versöhnung bei. Wenn wir in Österreich von einer Frauenquote reden, so muss hier darauf geachtet werden, dass alle Ämter korrekt aufgeteilt werden. Da geht es nicht darum, den besten Politiker zu wählen. Da wählt man nach Nationalität. Da musst du schauen, dass alle gleich stark vertreten sind. Der Rest? Wer entscheidet? Wählerstimmen werden gekauft, 10 Euro bekommst du dafür.


Das Partisanendenkmal also. J. und M. haben andere Augen als ich, sie achten auf jedes Detail. Wir gehen um das Denkmal herum, schießen Fotos. Unterhalten uns. Über Ost und West. Über Amerika und Putin. Über die Propagandamaschine beider Seiten. Über Verschwörungstheorien. Ich denke an meine ehemalige Nachbarin. Ihre Facebookseite: Monsanto, die amerikanisch-deutsche Verschwörung, 3. Weltkrieg. Dass es immer mehr solcher Leute gibt. Man arbeitet mit unserer Angst. Panikmacherei.

Wir fahren den Fluss entlang, zum selben Restaurant, in dem wir am Sonntag gegessen haben. Ein ganz anderes Bild nun. Seit vier Tagen regnet es ununterbrochen. There will be the next flood, sage ich. Die Flut sei schon da, antwortet M.

Wir fotografieren, filmen. Ich fühle mich wie ein Voyeur. Da geht sie, die Touristin. Auf der Suche nach einer Sensation. Das Wasser braun, ein Toben.

Nach dem Mittagessen zurück zum INCEL. Wir kommen gerade richtig zum Beginn der Diskussion. Ich bin müde. Spüre die Feuchtigkeit. Wickle mich in eine Decke ein und schalte meinen MP3-Player auf Record.

Die Diskussion wirr, kein roter Faden. Der Übersetzer versagt. Letztendlich scheitert es an der Sprache. I. versucht, zusammenzufassen, kommt jedoch kaum zu Wort, da die Emotionen hoch gehen. Eine Besucherin reißt das Wort an sich. Spricht über den postkolonialistischen Diskurs in Österreich. Ob es einen gäbe? Ob uns klar sei, dass wir Blut an den Händen hätten?

Nach der Diskussion spreche ich persönlich mit ihr. Ihr Englisch ist perfekt, London accent. Dass ich sie gerne auf Englisch gehört hätte.

Wir unterhalten uns über Sprache. Sie fände das Bild passend. Spricht von Selbstkritik. Ihr Vater habe auf der serbischen Seite gekämpft, sie beschäftige sich mit den Massengräbern hier. Auch wir Serben haben Blut auf unseren Händen, sagt sie. Und doch – es ist ein Unterschied, ob du es von dir behauptest oder einem anderen diesen Satz entgegen schleuderst. Dass es diese Worte sind, die keine Versöhnung zulassen. Dass man so einen Satz nicht als erstes an jemanden richten könne.

V. spricht von postjugoslawischer Sprache. Dass sie nun wieder so sei wir vorher. Weniger versöhnend, aggressiver.

Opferländer und Täterländer. Ich spreche von Aufarbeitung. Das jahrelange Schweigen nach dem Holocaust. Die Schuld – da denken wir an Konzentrationslager. Die Debatte nach Waldheim, die endlich etwas ins Rollen brachte. Dass es nach der 68er Bewegung nochmals fast 20 Jahre gebraucht hat. Die kritische Medienlandschaft, die wir in Ö haben. Vielleicht gerade durch unsere Täterrolle.

In Österreich kannst du deine Meinung frei äußern. Vielleicht wirst du beschimpft – aber du wirst nicht gefoltert. Du landest nicht im Gefängnis, wenn du die Regierung kritisierst. Hier scheint kein kritischer Diskurs stattzufinden. Da denke ich vor allem an den Bürgerkrieg. Auch so ein Wort. Civil war. Ich muss an Belma denken. Für sie war es kein Bürgerkrieg. Belma, die in dem Kessel saß. Rund um die Stadt, auf den Bergen, die Angreifer. Bürgerkrieg, das hätte geheißen, dass wir aufeinander losgegangen wären, sagte Belma. Unten, in der Stadt. Nicht, dass sich die Tschetniks zusammenrotten und uns belagern und von jeglicher Versorgung abschneiden.

Hier musst du vorsichtig sein. Das Wort Genozid – auch hier ein Trauma. Srebrenica hat Serbien zum Täter gemacht. Dass keiner die Massengräber hier sieht, höre ich. Dass auch Serben umgebracht worden seien.

Wir tauschen E-Mail-Adressen aus. Dr Danijela Majstorovic, die Dame mit dem perfekten Englisch, weist mich auf ihre Internetseite hin. Ich habe ein Buch herausgebracht, es ist auch in Englischer Sprache erhältlich, sagt sie. Sie beschäftigt sich mit ethnischer und nationaler Identität in Bosnien. Ich würde gerne länger mit ihr diskutieren. Das Verständnisproblem zwischen Ost und West sei ein kapitalistisches, sagt sie. Die österreichischen Banken der neue Imperialismus. Hypo Alpe Adria und Raika, dass sie darüber gesprochen hätte bei der Diskussion. Dass man sie nicht zu Wort habe kommen lassen. Sie greift den Moderator an. Das sei keine Diskussion gewesen. Ich weise darauf hin, dass die Diskussion zu spät begonnen hätte. Dass wir überzogen hätten. Ich kenne Igor Petkovic, sage ich, kenne seine Meinung dazu. Dass wir uns im Stadtpark darüber unterhalten hätten, dass sie sicher sein könne, dass er die Sache ähnlich sehe. Wenn jemand an einem ernsthaften Brückenschlag interessiert ist, dann er. Das Art Guerilla Camp als Gegenpol zur Scheinwelt der Wiener Philharmoniker. Hier ist man an einer Begegnung von Mensch zu Mensch interessiert. Hier werden Wissenschaftler und Aktivisten eingeladen. Das Camp – eine durchaus kritische Auseinandersetzung mit der Geschichte unserer beider Länder.

Was ich hier feststelle: Man unterstellt dem Westen, zu dem Österreich zählt, auf die Balkanländer herabzuschauen. Wie soll ich antworten? Ich weiß, dass das Bild nicht von ungefähr kommt. Wie hat man denn in Österreich reagiert, als ich sagte, ich käme hierher? Pass auf, dort ist es gefährlich!

Die Balkanländer werden bemitleidet. Wir sehen den Krieg, wir sehen die Armut. Wir sehen den fehlenden Diskurs, wir sprechen über mangelnde Rechte für Homosexuelle. Ihr mit eurer sogenannten Liberalität, wird uns in der Diskussion vorgeworfen. Wie liberal seid ihr denn wirklich? Letztendlich geht es doch immer nu darum, die kapitalistische Maschine zu füttern.

Folgende Ahnung beschleicht mich: Während wir Bosnien auf den Krieg und die Armut reduzieren, wird Österreich auf den Kapitalismus reduziert.

Es sind so viele Eindrücke, so viele Gesprächsfetzen, die ich hier mitbekomme. Und doch immer nur die Hälfte, ein Drittel, ein Viertel, denn es dauert nicht lange und schon kippt die Sprache wieder ins Bosnische. Ich muss nachfragen: Was hat sie gesagt, was hat sie geantwortet?

Ich möchte alles aufsaugen, wie ein Schwamm. Mehr geht sich hier nicht aus, ich schreibe mit. Und doch, so sage ich zu Dr. Majstorovic, wenn du nur ein Zehntel der Konversation verstehst, reimst du dir aus dem Gehörten wieder eine neue Geschichte zusammen. Und dass so Missverständnisse entstehen. Deswegen ist es gut, dass wir hier stehen, sagt sie, aber schon werde ich zur Performance geholt, jemand braucht meine kleine Kamera zum Filmen.

Jetzt sitze ich hier im INCEL. Die kleine Katze, die vorgestern zwischen den Mülltonnen gefunden wurde, spielt mit meinen Schuhbändern. Ich habe ihr vorhin Milch hingestellt – in einem Aschenbecher. Und dass es das ist, was Wahrheit ist. Diese kleine Katze, die mit deinen Schuhbändern spielt. Was ist Politik als ein falsches Spiel mit Menschen, ein falsches Spiel, reine Manipulation, Propaganda.

In Bosnien kannst du zwischen den Fernsehsendern switchen. Du kannst dir das Programm der Föderation ansehen oder jenes der Republika Srpska. Zwei gegensätzliche Welten. Das ganze Weltgeschehen, klärt mich C. auf, aus zwei unterschiedlichen Perspektiven betrachtet. Die einen sagen, Russland sei der Feind, die anderen sagen, der Westen sei es. Die einen halten zu Palästina, die anderen zu Israel. Schwarz-weißes Denken, reinste Propaganda. Dass er sich lieber im Internet informiere, sagt C.

Und ich denke: Wenn du beide Sender siehst, dann musst du doch dahinterkommen? Die Teilung des Landes äußert sich durch eine Fernbedienung. Dass es interessant sein müsste, die Nachrichten dieser beiden Sender zu vergleichen. Dass das doch eigentlich bewirken müsste, dass Propaganda nicht mehr wirkt. Nicht umsonst war das Hören des Feindsenders BBC zu Zeiten Hitlers verboten. Oder wirkt Propaganda sogar besser, wenn du das Sehen der anderen Meinung zulässt und sagst: Alles falsch?

Wir sitzen in einer sauberen Wohnung. Haben uns geduscht. M., J. und ich sprechen über das Camp. Spinnen unsere eigene Verschwörungstheorie. „We are not talking about consiracy, we are practicing conspiracy“. So will es M. es gehört haben.

Plant I. etwas? Sind wir ein kleines Rädchen in einer riesigen Verschwörung? Will er hier beweisen, wie solche Dinge entstehen?

Ich liege am Sofa. Bin müde. Stelle fest, dass ich kein gutes Opfer für Verschwörungstheorien bin. Ich glaube nicht an sie. Oder besser: Ich komme auf solche Gedanken nicht. Igor ist ein Exzentriker, aber ich traue ihm so viel Planung nicht zu, sage ich. Dass er uns aufstachelt, ja, das könne ich mir vorstellen. Aber dass wir – die Gruppe – eine Art Projekt sind? Bin ich zu unaufmerksam? Siehst du, sage ich, wenn da wirklich was dahintersteckt, dann sind wir nun tatsächlich soweit. Wir reden darüber. Wenn da etwas beabsichtigt war, so ist das Konzept aufgegangen.

Für den Leser dieses Blogs mögen meine Gedanken wirr klingen. Aber so ist das in einem Tagebuch. Man schreibt nieder, hält fest. Die Gedanken im Fluss, die Strömungen tragen dich hierhin, du bleibst hängen, drehst dich ein bisschen und schon wirst du weitergetrieben. Auch eine Art Hochwasser. Vielleicht wurde sogar das Wetter von diesem Mann mit dem Ei gemacht, sagt M. Ein Mann mit einem steinernen Ei, der das Wetter beeinflussen kann? Jetzt seid ihr aber wirklch paranoid, sage ich.

Vielleicht aber ist die Welt tatsächlich eine riesengroße Verschwörung. Oder lauter kleinere und größere Verschwörungen. Ein Sammelsurium als Illuminati, wettermachenden Amerikanern und verrückten Art-Guerilla-Camp-Leitern. Dass auch so Kunst entsteht. Dass das die einzige Verschwörung hier sei: Ein Kunstprojekt.

Wir werden es hoffentlich erfahren, am letzen Tag, sagt M. Der am letzten Abend nicht mehr hier sein wird. Wenn die weiße Gams gegrillt wird. Pssst, aber sag den anderen nichts davon, das soll eine Überraschung sein, sagte I. zu mir. Und natürlich reden wir darüber. Ja, da ist schon etwas Besonderes geplant, sage ich, vorsichtig. Dabei weiß jeder davon. Pssst, aber sag den anderen nichts. So arbeitet die Progaganda. Du, du bist der Auserwählte. Siehst du, sagt M., genau so werden wir beeinflusst. Wir flüstern und tuscheln und das Wispern wird lauter und schon sitzen wir hier und analysieren jedes Wort, jeden Satz, jede Geste der letzen Tage.

Jeder von uns hier hat eine bestimmte Aufgabe, sagt M. Und deine Aufgabe ist es, nun genau dies im Blog festzuhalten. Unser Gespräch. Deine Paranoia, lache ich, und doch merke ich, dass auch ich zu überlegen beginne. Und wenn du darüber schreibst, sagt M., wenn du das öffentlich machst, was wir hier reden, erfüllst du schon deinen Part. Du machst die Verschwörung publik.

Wir trinken Tee und beschließen, noch länger nicht ins INCEL zurückzukehren. Es ist zu trocken und zu warm hier. Nach einem langen Abend der Verschwörungstheorien lande ich mit einem Weckerl und Kakao im Zelt. Geduscht. Der Schlafsack ist nicht mehr so feucht, seitdem ich ihn unter tags fest in die Decke einwickle. Ich sitze im dunklen Zelt und bekomme Lachkrämpfe. Kichere leise vor mich hin. Ob am Sonntag ein Kunstprojekt aufgedeckt wird? Oder haben wir uns alles nur eingebildet??