Ivana (Interview)


Interview mit Ivana Vidmar, aufgezeichnet am 4.9.2014


Erzähl etwas über dich

Ich studiere Grafikdesign, ich bin jetzt im 2. Jahr. Davor habe ich eine Musikschule besucht, ich spiele Gitarre und Klavier. Klavier nun schon seit 15 Jahren.

Weil man als Musikerin keine Anstellung findet. Hier interessiert sich niemand für klassische Musik. Ich habe mich zwischen der Kunstakademie und Grafikdesign entscheiden müssen. Ich habe letzteres gewählt, weil du mit diesem Studium leichter Arbeit findest. Als Webdesignerin zum Beispiel. Als Malerin kannst du auch nichts verdienen.

Ivana kam 1995 auf die Welt.

Kurz nach ihrer Geburt zog sie mit ihren Eltern nach Stara Pazova (Serbien). „Das ist eine kleine Stadt“, klärt mich Ivana auf. „Eher ein Dorf, ca 30 km von Belgrad entfernt.“

Ivanas Familie kehrte in die Republika Srpska zurück, als Ivana 5 Jahre alt war. Die Familie kam im Haus einer Tante unter, die in Banja Luka lebte. Ich frage Ivana, warum ihre Eltern nach Serbien zogen. „Eigentlich weiß ich das selbst nicht so genau“, gibt Ivana zu. „Ich habe nie so genau nachgefragt, ich denke es hat mit dem Krieg zu tun. Mein Vater kommt ursprünglich aus Bihac, das liegt heute in der Föderation.“

Ivana erzählt von ihrer Kindheit. Die Tante sei Alkoholikerin gewesen, sagt sie. „Die hat mich ständig angeschrien.“ Als die Situation unerträglich wurde, beschloss ihre Mutter, dass es besser sei, nach einem eigenen Heim zu suchen. Zu dem Zeitpunkt lebte die Familie bereits 7 Jahre im Haus der Verwandten. „Als wir auszogen, war ich 12 oder 13. Obwohl wir bei meiner Tante keine Miete zahlen mussten, entschieden sich meine Eltern dafür, ein eigenes Haus zu mieten. Wir standen alle knapp davor, verrückt zu werden.“

Heute lebt Ivana seit im Zentrum von Banja Luka in einem Miethaus.

Wenn du wählen könntest – Wie würde deine Zukunft aussehen?

Ich beschäftige mich seit 4 Jahren mit Tattoos. Mein Traum wäre es, ein eigenes Tattoo-Studio zu haben, weit weg von hier. Ich möchte nicht mehr in diesem Land bleiben. Wenn ich es mir aussuchen könnte, würde ich in Lad Vegas leben.

Warum Las Vegas?

Ich bin ein Partygirl. Las Vegas ist eine Stadt, die nie schläft. Eine Stadt voll Leben und Leute. Ich mag die Parties, ich mag die Neonlichter.

Warst du schon einmal in Las Vegas?

Nein, wir haben nicht das Geld für so eine Reise. Aber ich habe Bücher über Las Vegas gelesen. Außerdem kenne ich es aus Filmen. Ich google auch oft. Las Vegas, das wäre wirklich mein Traumort!

Politik

Ich interessiere mich nicht besonders für die Politik. Ich bin halb Katholikin, halb Orthodoxe. Manchmal lachen mich die anderen Jugendlichen aus. Dass ich keine echte Serbin sei, sagen sie.

Unser Land ist eine Katastrophe. Die Politiker sind alle gleich, sie versprechen so viele Dinge aber letzten Endes ändern sie ja doch nichts. Das ist auch der Grund, warum ich weg von hier will. Hier gibt es nichts. Sogar wenn ich ein Musikstudium abgeschlossen hätte – es gäbe ja doch keinen Ort, an dem ich spielen könnte. Die Leute in diesem Land interessieren sich nicht für Kunst und Musik. Sie interessieren sich nur für Geld oder wo sie etwas hinbauen können.

Wie sieht es mit der jungen Generation in Banja Luka aus?

Ich weiß nichts viel über die Leute in meinem Alter. Ich hänge meist mit etwas älteren Leuten rum. Aber die meisten von uns wünschen, wir wären zur selben Zeit jung gewesen wie unsere Eltern. Damals soll alles viel besser gewesen sein. Es gab mehr Freiheit. Ich denke da zum Beispiel ans Reisen. Ich weiß nicht viel über die Tito-Ära, aber ich habe darüber gelesen und mir erzählen lassen. Alle sagen, dass das Leben damals besser war.

Wer ist alle? Deine Eltern?

Nein, meine Eltern reden nicht viel über die Vergangenheit. Mein Vater erzählt mir manchmal von seiner Jugend, aber nur, wenn ich ihn danach frage. Er erzählt mir von seinen Reisen. Heute brauchst du ja ständig ein Visum.

Als deine Eltern junge Erwachsene waren, hat der Krieg begonnen. Reden sie mit dir darüber?

Nein, nicht mit mir. Aber wenn meine Onkel und Cousins hier sind, ist der Krieg das einzige Thema. Sie kauen ihn durch, immer und immer wieder. ich geh dann in mein Zimmer. Es hat keinen Sinn, das, was war, ständig zu bereden. Wer Schult trägt und wer nicht. Du kannst es nicht mehr ändern. Die, die den Krieg miterlebt haben, reden ständig davon, nicht nur meine Eltern, auch die Nachbarn und unsere Verwandten.

Erzähl mir mehr von deinen Eltern!

Als meine Eltern sich verabredeten, waren sie noch sehr jung. Meine Mutter ist heute 41. Sie werden oft gefragt, wie sie es schaffen, nach all den Jahren noch immer so eine gute Ehe zu führen. Und das, obwohl sie unterschiedlichen Kirchen angehören.

Sind deine Eltern religiös?

Meine Mutter geht manchmal in die Kirche, um eine Kerze für die Verstorbenen zu anzuzünden. Mein Vater geht nie in die Kirche. Nur bei Beerdigungen.

Und du? Du sagtest, du seist zur Hälfte Katholikin und zur Hälfte Orthodoxe. Wie geht das?

Ich wurde nicht getauft. Meine Eltern waren der Meinung, dass ich einmal selbst entscheiden soll. Ich glaube aber nicht, dass ich je einer Kirche beitreten werde.

Nationalitäten

Meine Eltern haben mir nie gesagt, dass ich Serbin oder Kroatin sei. Letztes Jahr gab es eine Volkszählung. Als man bei uns an der Tür klopfte und mich fragte, was ich sei, antwortete ich: Ich bin ein Mensch. Die Frau sah mich ganz komisch an. Aber du musst dich entscheiden, sagte sie, aber ich blieb stur, Nein, ich muss mich gar nicht entscheiden. Ich wüsste ja selbst nicht, was ich bin. Ich bin ein Mensch und ich bin ein Mädchen. Mein Vater war sehr stolz als er meine Antwort hörte. Das Gute an Kindern aus Mischehen ist, dass sie sich nicht so viel um Nationalitäten und Religionen kümmern. Ein Exfreund von mir ist Muslime, ein anderer Kroate. Aber es gibt noch immer Jugendliche, die sehr stolz auf ihre Zugehörigkeit sind. Serben, die meinen, nur mit Serben herumhängen zu wollen oder Katholiken, die nur mit Katholiken ausgehen. Viele meiner serbischen Freunde denken auch so. Sie mögen mich, so wie ich bin, aber sobald wir über Politik und Zugehörigkeit reden, beginnen wir zu streiten.

Als ich mit dem muslimischen Jungen ausging, hatten meine Freundinnen nichts dagegen. Aber manche Jungs beschwerten sich. Lass den, du findest einen besseren, sagten sie zu mir. Aber ich sage: Wen schert es schon, ob einer Jovan, Milan oder Eldar heißt? Das sind nur Namen. Für mich sind Menschen wichtig, nicht die Religion oder die Nationalität.

Als ich ins Gymnasium ging, nahm meine Klasse an dem Projekt „Zwei Schulen unter einem Dach“ teil. Das Problem in Bosnien ist, dass wir in 2 Entitäten geteilt sind. Wir haben teilweise dieselben Schulbücher mit unterschiedlichen Buchstaben. Wir fuhren nach Sarajevo um mit den Schülern dort unsere Bücher zu vergleichen. Wir diskutierten miteinander und fragten sie, was sie von uns hielten. Die SchülerInnen dort hatten genau dieselben Fragen. Was wir von ihnen und ihrer Religion halten würden, wurden wir gefragt. Ich habe geantwortet wie ich immer antworte, dass mir die Religionszugehörigkeit egal sei, weil ich ja selbst ein Kind aus einer Mischehe bin.

Heute habe ich viele Freunde in Sarajevo. Ich bin Lehrerin für Sexualkunde, ich gehe öfters an Schulen. Im Zuge meiner Ausbildung und der gemeinsamen Projekte mit den anderen Lehrenden habe ich viele Leute von Sarajevo kennengelernt. Ich mag die Stadt, ich mag die Kultur dort.

Gavrilo Princip

Für mich ist Gavrilo nur eine Figur aus der Geschichte. Für viele Serben ist er ein Held. Man konnte es an den Facebook-Kommentaren erkennen, einen Tag nach den Gedenkfeierlichkeiten. Eine Frau aus Banja Luka schrieb, dass er ein großer Held sei. Als einer aus Bihac kommentierte, dass Princip Leben auf dem Gewissen hätte, entstand ein Riesenstreit auf Facebook mit ganz furchtbaren Kommentaren.