Banja Luka Art Festival – Logbuch


5./6. September 2014

Feuchtigkeit, Besuch des contemporary art museums, politische Debatten und Tourismuswerbung, Karadzic bei den Pfadfindern, 7 Euro Eintritt

Jetzt bin ich definitiv an dem Punkt angelangt, an dem es mich nach Hause zieht. Und Graz, das ist ja auch so ein bisschen Balkan, jetzt, wo ich die Hügel nicht verlassen muss, ist da keine Wehmut und es gibt ein Wiederkommen, vielleicht nicht ausgerechnet nach Banja Luka, obwohl sogar das denkbar wäre.

Heute früh habe ich die Kleidung für morgen in den Schlafsack eingewickelt und den Schlafsack in die Pfadfinderdecke. Das ist die einzige Möglichkeit, etwas zu trocknen, die Decke scheint die Feuchtigkeit anzuziehen, vielleicht aber ist das physikalischer Schwachsinn und bloße Einbildung.

Ich gehe früh schlafen, zu früh, früh, das heißt hier, eine Stunde nach Mitternacht. Die Band wäre gut gewesen, die zweite, doch ich merke, dass es mich nun zur Einsamkeit zieht. Mich ins Zelt zurückziehen. Ich teile meinen Schlafraum mittlerweile mit Spinnen und Schnecken, da ich das Netz zwischen Vor- und Schlafraum nicht zubekomme. Es ist mir egal, im Dunkeln sieht man die Tiere nicht, erst am Morgen frage ich mich seit 2 Tagen, ob ich am Abend in dem Wissen um die Spinnen einschlafen werde können. Ich mag Spinnen nicht. Ein angelerntes Verhaltensmuster, scheinbar überwinde ich hier meine Phobie ein wenig, ich nehme aber fast an, dass ich in meiner Wohnung wieder anders denken werde.

Wohnung. Auch so ein Wort, das mittlerweile Sehnsuchtsgedanken gebiert. Trockene Wände. Und wenn der Regen dann auf das Postdach vor meinem Grazer Fenster fällt wird sich das anders anhören als der Regen am Zeltdach und doch werde ich daran denken, werde vielleicht für Minuten glauben, ich liege in Banja Luka auf einer Wiese.

Zu früh aufgestanden, das heißt, um 10:00 vor dem INCEL Gebäude zu stehen und alle Türen sind geschlossen. Ich habe meine Zahnbürste eingepackt, das Duschgel habe ich vorhin bereits weggepackt. Morgen früh geht es los, kann sein, dass es im Auto jener lieben Leute, die mich zurückbringen ein wenig streng riechen wird. Nach nassem Schaf, vielleicht mittlerweile nach nassem Hund, obwohl ich das Gefühl habe, dass sogar ein nasser Hund besser riecht als ich.

In welch unsagbaren Luxus ich in Graz lebe, denke ich. Täglich frische, trockene Kleidung. Meine Socken sind nicht löchrig, und wenn sie es sind, gehe ich los, um neue zu besorgen.

Ich werde aufstehen und in die Küche gehen und mir einen Kaffee zubereiten. Auch das ein Luxus, denn im Moment sitze ich in der Kantine, saurer Essiggeruch schlägt sich mir auf den Magen. Die Arbeiter sitzen hier und essen – vielleicht arbeiten sie schon länger, vielleicht ist es hier aber auch normal, Salat zu frühstücken, ich mache mir keine Gedanken mehr, auch nicht, wer sie sind, denn es ist Samstag. Wird hier Samstag gearbeitet?


Gestern ein Tag wie vorgestern, am Vormittag noch im INCEL (gestern habe ich noch so lange geklopft, bis einer der volunteers mir öffnete), am Nachmittag dann gemeinsames Mittagessen in einem Restaurant namens Orchidea, Lammsuppe, B. hat mich überredet, ich hatte Durchfall, aber hier isst man Lammsuppe und trinkt Rakija auf nüchternen Magen und tatsächlich habe ich ein Heilmittel gefunden.

Das Museum of contemporary art, wie es wir hier nennen, denn wir benennen alles auf Englisch, eine Enttäuschung. Eine kleine Ausstellung, Träume, eine schlafende Frau in einer Gondel, in einem Bett, eine Installation, ein Käfig in der Mitte des Raumes. A. lacht, zerbricht einen Plastikbecher und sagt: Und ist das jetzt Kunst?

C. hat mir die Texte übersetzt, Traumtexte, Untertitel während einer Straßenbahnfahrt. Mir gefiel der Text, der Kontrast, dass Video und Text nicht zusammenpassten. Dass das Bewegung ist und nur Bewegung und dass es darum geht, du sitzt in der Straßenbahn und starrst müde aus dem Fenster und spinnst dich in Träume. Dass ich einmal etwas Ähnliches gemacht habe, aus der Not heraus, damals, als ich von Judenburg nach Wien bin, alle 2 Tage pendeln und schnell etwas für die Lesebühne gebraucht habe. Vielleicht hat A. recht, wenn sie sich wundert, dass dies der kroatische Beitrag für die Biennale war. Ich gestehe mir nicht zu, eine Meinung abzugeben – Was ist Kunst, diese ewige Debatte, dass einer nur auf ein Papier zu spucken braucht, nervt mich. Denke an die Aussage einer meiner Schüler, ein sechsjähriger Bub, dessen Antwort auf die Frage, was Kunst sei, antwortete: Kunst ist, wenn einer ein Bild malt und es dem Präsidenten gefällt. Letztendlich hängt doch alles von der Außensicht ab. Keiner fragt, was sich in dir tut und das ist gut, denn wir verschlüsseln Dinge, weil wir nicht über sie reden möchten.

Nach dem Museum mit C. und N. auf einen Kaffee. Stundenlange politische Debatte. Dass ich gerne verstanden hätte, ich fragte nach, aber meist saß ich da, habe den Klang eingesaugt und an mir vorbeiziehen lasssen, auf den Bildschirm gestarrt, der über den Köpfen der Kaffeetrinker saß, eine serbische (?) Soap-Opera, die Handlung spielte vor ca 100 Jahren. Danach Werbung für die Republika Srpska, rote, blaue und weiße Fahnen wurden geschwenkt, die Männer wie die Freiheitsfigur auf dem Partisanendenkmal, die Frauen ins Handwerk oder Chorsingen vertieft, ein Markt, Hügel, Flüsse, Gebäude, verschiedene Städte, Brücken und Wiesen und Hügel. Als ich J. frage, meint er, Tourismuswerbung, für welche Touristen, frage ich mich, denn ich bin die einzige hier. Und wenn ich Touristin in einem Hotel wäre, wäre ich schon hier, ganz abgesehen davon, dass ich als Touristen nicht den Fernseher aufdrehen würde, oder vielleicht doch, dann haben sie ARD und ZDF und Pro7 oder wie diese ganzen Sender heißen.

Auch in Ö die Werbung, kürzer, viel kürzer, aber doch: Bleiben Sie hier, fahren Sie nicht nach Griechenland.

Propaganda fürs eigene Land.

Aber wenn du kein Geld hast, bleibst du sowieso in deiner Stadt.

Vielleicht aber, so denke ich, soll auch die Heimatliebe geweckt werden, dass es hier um mehr als Tourismus geht. Aber vielleicht werde ich jetzt schon paranoid und deute alles als Propaganda. Trotzdem: Dass auf dem Video nicht Sarajevo gezeigt wurde, fällt auf. Bleib hier, bleib in diesem Teil.

Das ist die Propaganda dieses Landes, sagt C. In Sarajevo erzählen sie dir, Sarajevo sei der einzige Ort des funktionierenden Zusammenlebens, wir sind so offen und multikulturell, überall sonst herrscht der Hass. Fuck Sarajevo, sagt C. aufgebracht. Sarajevo, die Hure der Ottomanen, dann des ö-ungarischen Reichs, später Titos Hure und nun Hure von Angelina Joli. Diese permanente Panikmacherei, dass die Leute sich nicht mehr trauen, das eigene Viertel zu verlassen, die Kroaten haben Angst vor den Muslimen, die Muslimen vor den Serben, das pflanzt sich fort, ein ewiger Kreislauf und der Kopf des Ganzen Sarajevo, diese Stadt, die sich einbildet, Hauptstadt zu sein, die sich alles einverleiben, alles bestimmen will, diese Stadt der Geldwäsche, sagt C. aufgebracht, es geht doch immer alles nur um Geld, Geld, Geld, du gibst Geld und schon wird irgendein Fest gefeiert, 1914, die Gedenkfeiern eine einzige Augenauswischerei, da gehe es nicht um Versöhnung, um eine kritische Auseinandersetzung, Leute lassen sich mit weißen Blumen fotografieren und grinsen in die Kamera, aber wenn du wie N. dorthin kommst, hörst du noch immer, dass du nichts als ein schmutziger Serbe bist und deinen Mund halten sollst.

Die Diskussion ist hitzig. Dass es in Österreich doch nicht anders sei, sage ich. Wie sieht denn der ö-bosnische Brückenschlag aus, schickt ein paar Philharmoniker, ladet die VIPs ein, alles nur Show, alles nur Zirkus. Und das knapp nach der Flut, dass man diese Millionen besser in die Hilfe hätte stecken sollen, dass das ein Brückenschlag gewesen wäre.

Wenn du Politiker wärst, würde ich dich wählen, sagt N. zu C. und lacht, aber wenn du einer wärst, müsstest du genauso ein Schwein werden wie die anderen, sonst hättest du keine Chance, an der Macht zu bleiben.

Ich beobachte die anderen im Café, ein Mädchen, das sich von einem jungen Mann übers Haar fahren lässt, zwei junge Frauen, die an ihren Strohhalmen ziehen, junge Männer, die in die Runde oder auf ihr Handy starren. Und mittendrin wir drei, und dass man hier wohl nicht so viel über Politik spricht, denke ist, dass es bloß unsere Gruppe ist, und dass das wohl überall gleich ist auf der Welt, egal, in welcher Welt du lebst, dass die meisten einfach weiterleben und dass das manchmal einfacher ist, denn was kann man schon ändern als einzelne Person, und wenn du etwas ändern willst, dann geht es dir wie C., der seine Stadt verlässt, der sein Land verlässt, weil er zu oft bedroht wird, weil er sich hier nicht mehr sicher fühlt.


Einer der jungen Künstler aus Banja Luka hat unser Camp ebenfalls verlassen. Zwei Tage bin ich mit ihm im Büro gesessen, und jedes Mal hat er mich begeistert an seinen Computer geholt, wenn er eine neue Animation fertig hatte. Ich habe mich so auf einen Beitrag gefreut, hatte mit ihm schon abgesprochen, dass ich mich für einen Text inspirieren lassen möchte, dass man da was Gemeinsames entstehen lassen könnte, aber auf einmal fehlt er, er hat die letzten Tage von Inspektoren und Polizei geredet. Und plötzlich wirft er uns an den Kopf, das sei keine Kunst, die hier entstehe und zieht seinen Beitrag zurück. Siehst du, sagt C., so ist das hier. Da ist ein junger Mensch mit einer Idee, aber letztendlich traut er sich doch nicht, weil er weiß, dass er sich damit alles zerstören kann. Da musst du durch, höre ich von einem anderen, später am Abend, aber dieser andere kommt aus Ö. Provokation in Ö ist etwas anderes als Provokation in der Republika Srpska.

Wir verlassen das Café und besuchen das hiesige Büro der Pfadfinder. N. fragt nach, ob es in Österreich „scouts“ gäbe. Ob ich eine Verbindung herstellen können und tatsächlich kenne ich jemanden, ich verspreche, ein Mail an meine ehemalige Kollegin zu schicken, die in der Organisation der Wiener Pfadfinder tätig ist.

N. zeigt uns die Holzmodelle und Zeichnungen der Kinder, das Morsealphabet, die Fahnen und Halstücher. Karadžić lese ich auf einer Fahne und frage nach, N. lacht, ihr Österreicher denkt immer nur an Radovan, aber der hier, Vuk Stefanović Karadžić, war ein ganz ein anderer, ein Lichtbringer. C. übersetzt: Ein serbischer Sprachreformer, er war derjenige, der die Schriftsprache für das einfache Volk verständlich machte. Dass er sogar in Wien gewesen sei. Die Google Maschine klärt mich auf, für alle Interessierten, hier der Artikel auf >>Wikipedia.