Mostar - 2 Wahrnehmungen



Mostar. Warum ausgerechnet Mostar? Ich habe über diese Stadt so viel gelesen, in den Berichten und Büchern. Und natürlich die alte Brücke, stari most. Danijel wird Katja Mostar zeigen, wenn sie mit ihm nach Bosnien reist - also möchte auch ich dorthin.

Mostar, die zweigeteilte Stadt. Am Vorabend meiner Abreise spreche ich mit Belma über Mostar. Wir haben uns tagelang über den Krieg unterhalten, immer wieder hat sie mir erzählt von ihren 3 Jahren im belagerten Sarajevo (von ihren Streifzügen auf der Suche nach Wasser und Feuerholz, von dem Schrapnell, das sie eines Abends beim Ausleeren des Rucksacks im Holz gefunden hätte, von dem Glück, wieder einmal davongekommen zu sein, als wäre es ihr bestimmt, diesen Krieg zu überleben.) Wir haben so viel über Sarajevo gesprochen, aber jetzt will ich etwas über Mostar wissen. In Mostar ... dort kämpfte die eine Seite gegen die andere. Muslime gegen Kroaten, Kroaten gegen Muslime. (Und noch immer stelle ich fest, dass ich Muslime sage aber Kroate. Dass ich nicht Katholiken sage. Was vielleicht wirklich daran liegt, dass sich die Kroaten damals schon als Kroaten fühlten - es gab Kroaten, es gab Serben. Bosniak - was für ein Wort für eine neue Nation, eine Nation die sich aus einem Landstrich plus einer Religion zusammensetzt. Landstrich minus Islam, dann bist du kein Bosniak, dann bist du Kroate oder Serbe (oder Sonstige). Bosnien- Herzegowina, so heißt das Land heute, aber seine Einwohner heißen nicht Bosnier, oder Bosnier-Herzegowiner (wie würde man sagen, ohne ein unaussprechlich langes, holpriges Wort zu kreieren?)

Murat, der neben uns sitzt und mit seinem Handy spielt, mischt sich ein, sagt was von Paramilitär. Wie, Paramilitär? Erklär mir das?, frage ich ihn. Ich kann mit dem Begriff Paramilitär nicht mehr viel anfangen, im Bosnienkrieg kommt mir langsam alles schon als Paramilitär vor, zu viele selbständig agierende Gruppen hat es hier gegeben.

Paramilitär? Was weißt du denn schon? So ein Schwachsinn! Paramilitär, dass ich nicht lache, das war kein Paramilitär! - Es ist das erste Mal, dass ich Belma schreien höre. Belma und Murat, wenn man die beiden beobachtet, wenn man ihre Liebesgeschichte kennt, ist man tatsächlich verwundert, sie schreien zu sehen. Die beiden begegnen sich stets mit Respekt, mit liebevoller Zuwendung.

Paramilitär! Du hast keine Ahnung, ihr alle habt keine Ahnung! Du warst nicht hier!!

Ich habe davon gehört - von Freunden, Bosniern in der Diaspora, wie es heute heißt. Wenn du in deine Heimat zurückkommst, wirft man dir vor, nicht dabeigewesen zu sein. Dass er das nicht ausgehalten habe, diesen ständigen Vorwurf, sagte M., der sich sozial in seinem Heimatland engagieren wollte. Dass das ein Grund gewesen sei, warum er jetzt wieder in Österreich lebe. Die Leute dort, sie kommen nicht hoch und manchmal habe ich das Gefühl, dass sie gar nicht hochkommen wollen, dass ihnen nach diesen verdammten Jahren im Krieg die Kraft dazu fehlt, sie tauchen ein in Resignation und wenn du helfen willst, dann wirft man dir höchstens vor, nicht dabei gewesen zu sein.

Murat zuckt mit den Schultern, so habe ich es gehört, sagt er, so sagen sie es auch in den Medien. Belma entschuldigt sich, nicht nur bei ihm, auch bei mir, tut mir Leid, dass du das miterleben musstest, du wirst jetzt denken, wir haben eine schlechte Ehe, aber das stimmt nicht. Aber wenn es um diese Dinge geht, da raste ich aus. Wenn die, die zurückgekommen sind, sich einbilden, sie wüssten alles, sie hätten für diese ganze Scheiße eine Erklärung.

Also kein Paramilitär, sage ich. Nein, sagt Belma. Und ja, Kroaten gegen Muslime, sagt sie, das war eine Ausnahme und es war auch ganz was anderes, die Kroaten waren nicht wie die Serben.

Murat seufzt und tippt etwas in sein Handy ein. Es hat keinen Sinn, weiter nachzufragen, was würde mir das Recht geben, einen Streit zu provozieren?

In Mostar sei es zehn Grad heißer als in Sarajevo, erklärt Belma. Hast du eine Kappe mit? Und Sonnencreme? Eine starke, du hast einen Sonnnenblocker? Alles andere sei zu wenig. Und geh um Himmels Willen nicht in die Neretva, auch wenn du andere dort siehst. Streck nicht mal die Füße rein! Die Neretva, sie ist extrem kalt. Das ist zuviel für den Körper, die sengende Hitze und das kalte Wasser, alle, die ihre Körper ins Wasser tauchen, holen sich Blasen- und Unterleibsentzündungen. Versprich mir, dass zu das nicht machst!

Jetzt wird Belma wieder zur Mutter. So wie sie mich die ganze Zeit schon umsorgt. Dabei sind wir beinahe gleich alt, vier Jahre nur ist sie älter als ich. Dass sie nicht einmal älter aussieht, denke ich öfter, aber sie wirkt reifer (Wenn man das in unserem Alter überhaupt noch sagen kann, seit 20 Jahren warte ich darauf, mich erwachsen und vernünftig zu fühlen, endlich über allen Dingen zu stehen, und tue es doch von Jahr zu Jahr weniger.)

Ich gehe wie immer zu spät schlafen und verschiebe mein Vorhaben, Sarajevo am frühen Morgen zu verlassen. Wenn ich den Bus um 11:00 nehme, bin ich am frühen Nachmittag in Mostar, das muss reichen.

Die Fahrt von Sarajevo nach Mostar. Da kannst du nicht anders, als aus dem Fenster zu sehen. Das Neretva Tal. Smaragdfarben räkelt sich der Fluss in seinem Bett. Ich lehne den Kopf gegen das Fenster und beobachte die digitale Temperaturenanzeige über der Fahrerkabine. Tatsächlich ist es bereits 6 Grad heißer - und wir haben noch eine Stunde Fahrt vor uns.

Was ist mir von Mostar in Erinnerung geblieben, jetzt, ein Jahr danach? Die vielen zerstörten Häuser, vor allem auf der kroatischen Seite. 18 Jahre nach Kriegsende überfällt er dich hier noch immer, der Schrecken, in jeder Sekunde, an jeder Ecke. Mostar, ein zahnloses altes Weib, denke ich mir - denke es mir ein Jahr später, als C. mir von Sarajevo, der Mätresse in den feinen Gewändern erzählt, Sarajevo, die alles verschluckt, an sich reißt. Mostar ist die, die sich das schwarze Kopftuch umgebunden und aufgegeben hat.

Es ist tatsächlich heiß. Kaum Schatten in Mostar. An diesem Tag erfasse ich den Begriff "sengend". Ich habe das Gefühl, jemand fahre mit einem Laserstrahl meine Haut entlang. Ich hätte auf Belma hören sollen, ich habe keine Kappe dabei, ich hätte sie fragen sollen, ob sie mir eine von sich oder ihrer Tochter leihen kann. Der Sonnenschutzfaktor meiner Sonnencreme beträgt 30, dick trage ich sie auf, aber sie hilft nichts gegen das Brennen. Ich hole das Tuch, das ich mir in den klimatisierten Bussen umhänge, aus dem Rucksack und binde es mir um den Kopf. Falle in ein Geschäft ein und kaufe mir 2 Flaschen Mineralwasser. Setze mich an den Fluss und trinke. Dann wieder hoch und über die Brücke. Habe ich damals darüber nachgedacht, dass ich von einer Seite auf die andere wechsle? Oder habe ich bloß geschwitzt und niedergeschlagen auf meine Füße geschaut...

Was hältst du von Mostar?, werde ich ein Jahr später von C. gefragt, der gerade aus Mostar geflohen ist, weil er sich politisch zu sehr eingemischt hat, weil er nachgefragt und Drohungen erhalten hat. Dass mich die Stadt zu Boden gedrückt habe, verrate ich ihm. Nicht nur die Sonne, sondern vor allem die ausgehöhlten Häuser. Das frisch herausgeputzte Touristenviertel. Niedlich, schnuckelig - aber rundherum alles tot. Ich sehe C. in die Augen. Immerhin ist es seine Stadt, über die ich spreche.

Ja, das empfinde er genauso. Und das Touristenviertel? All Chinese stuff, sagt er und lacht. Wir ziehen sie an, die Touristen, mit der wieder aufgebauten Brücke (nach Originalplänen wieder aufgebaut!). Dort schlängeln sich alle, drängen über die Brücke und von der Brücke direkt ins Museum, Bilder des Leidens, alle wollen sie den Krieg sehen. Dabei haben wir eine Art Gallery, verrät mir C. Hast du die gesehen? Nein, habe ich nicht. Ich habe so vieles nicht wahrgenommen, weil ich den Kopf nicht mehr hochbekam. Oder doch, eines fiel mir auf: Die vielen Advokat-Schilder. Dass auf jedem 2. Haus eines angebracht sei. Habt ihr so viele Anwälte in Mostar?, frage ich.


C. lacht. Du bist die erste, die mich darauf anspricht. Dass halb Mostar aus Advokaten besteht, klärt mich C. auf. Dass es eine Faculty of Law gäbe, die speie eine Unmenge an Juristen aus. Juristen, die man durchaus gebrauchen könnte, sagt C., in Mostar wirst du wegen jeder Kleinigkeit vor Gericht zitiert. Wenn du zu schnell fährst, wenn du dein Auto falsch abstellst - schon hast du einen Prozess am Hals. Das sei die neue Geldbeschaffungsmethode der Regierung. Aber die Anwälte - wer kann sich die schon leisten? Abgesehen davon, dass du nicht mal sicher sein kannst, dass sie für dich arbeiten und nicht für die, die dich anklagen.

C. hat selbst eine Klage am Hals - wie auch die anderen, die an den Februarprotesten teilnahmen. Die Demonstranten werden als Terroristen eingestuft. Er werde sich in Zukunft raushalten, sagt er. Ich bin nicht bereit, mich für mein Land zu opfern. Ich will einfach nur in Frieden leben. Ich habe soviel gegen die Ungerechtigkeit, gegen Korruption und für mehr Menschenrechte gekämpft. Ich habe Briefe an die Regierung geschrieben und Kommentare im Internet veröffentlicht. Und ich habe einen Blog geschrieben, so wie du. Sei vorsichtig, wenn du dich in dieses Thema begibst.

Als ich voriges Jahr nach Mostar kam, kannte ich C. noch nicht. Heute erreichen mich seine Nachrichten aus Kroatien, wo er seit ein paar Wochen lebt. C. hat mir von Mostar erzählt. Vom Krieg, von der Kalashnikov, die ihm das erste Mal im Alter von 11 an den Kopf gehalten wurde, als er auf dem Weg zu einem Fußballspiel war. Von den leerstehenden Häusern an der Frontlinie, in die er, als sich die Lage beruhigt hatte, hineinspaziert war, um nach Büchern zu suchen. Marx hast du in jedem Haushalt gefunden, verriet er mir.

Die Stimmung in Mostar? Dass sich bis heue viele nicht auf die andere Seite trauen. Dass man auf der anderen Seite attackiert wird, heißt es noch immer zu oft.

Zurück in Österreich höre ich eine ganz andere Meinung. Kennst du Mostar?, werde ich von dem Mann einer Bekannten gefragt. F. ist ebenfalls aus Mostar. Ich erzähle ihm von meinen Empfindungen, als ich die Stadt sah. Erzähle ihm auch von C. Er sieht mich erstaunt an. In Mostar sei die Stimmung gut, sagt er. Ich merke, wie er auf Abstand geht und beschließe, nicht weiter nachzufragen. Ich kenne F. nicht, ich kenne auch seine Frau, geboren in Sarajevo, noch kaum.Dass ich gerne mit mehreren Leuten über diese Stadt sprechen würde. Wie du Dinge wahrnimmst, hat mit der eigenen Erfahrung zu tun. F. lebt seit 8 Jahren in Graz. Warum sieht er seine Heimatstadt so anders? Leugnet er die Konflikte, die es heute noch gibt, mir gegenüber? Hat C. übertrieben? Wo liegt die Wahrheit?

Und doch glaube ich, sagen zu können, dass F.s Bestürzung und Überraschung, als ich nicht von der schönen stari most und der türkisfarbenen Neretva, sondern von C. erzählte, echt war. F. nimmt Mostar anders wahr als C. Vielleicht liegt es tatsächlich daran, dass sie nicht auf derselben Seite aufwuchsen. Dass sie vor allem unterschiedliche Interessen haben - als F. sein Land verließ, war er Mitte 20. Für Politik interessiert er sich nicht. C. hingegen hat schon mit 15 nachgefragt und sich für eine bessere Welt engagiert.

Die Sicht auf eine Stadt und seine Bewohner. Dass du da schon mehrere fragen musst, um einen Überblick zu bekommen. Und dass es ja mit jeder Stadt so ist. Salzburg, zum Beispiel. Für die einen Stadt der Kultur, wunderschön auch zu leben, für die anderen kühl und schnöselig, ohne Flair. Und dann sollst du dich auskennen, wenn du nach Mostar kommst. C. hat mir Mostars Politik zu erklären versucht. Wie das ist, wenn hier und dort 2 Parallelstädte entstehen, die separat voneinander und doch gemeinsam verwaltet werden. Wie viele Politiker auf der einen und wie viele auf der anderen Seite. Ethnisch natürlich alles strikt eingeteilt - dafür gibt es die Quotenregelung. Gearbeitet wird dort nicht, sagt C. und ich denke: Sogar wenn sie willens wären, wie soll das funktionieren?

Ich habe damals niemanden kennen gelernt auf meinem fünfstündigen Streifzug durch Mostar. Ich war froh, als ich wieder im Bus saß. Die Stadt, eine einzige klaffende Wunde. Wie man als Tourist nach Mostar kommen und zu Hause erzählen kann, wie schön die Altstadt sei, ist mir ein Rätsel. Im Gegensatz zur Bascarsija, in der ich die Leute aus Sarajevo ihren Kaffee trinken und plaudern sah, sah ich in der Altstadt von Mostar nur Touristen. Wie die Ameisen wuseln sie dort herum. Wenn du auf dem glatten Stein ausrutscht, fällst du nicht hart. Du fällst gar nicht, weil hinter dir schon der nächste Tourist steht. Chinese stuff - wie C. sagte. Besser kann man es wohl kaum beschreiben. An den Ständen bunte Tücher und Stickwaren, Taschen, Pluderhosen und Schrapnellhülsen mit Kugelschreibermienen. Das findest du in Sarajevo auch, aber es wirkt echter.

Ich sah den Touristen zu, wie sie in der Neretva badeten und ertappte mich dabei, wie ich denen, in deren Rucksäcke sich die Kriegssouveniers befanden, Blasen- und Unterleibsentzündungen wünschte. Am Weg zurück zum Bahnhof fühlte ich mich selbst als Voyeur. Ich saß fast eine Stunde lang am Busbahnhof. Trank Kaffee und aß eine fette Pizzaschnitte. Ich hatte genug gesehen. Ich wollte nur mehr zurück nach Sarajevo.