Recherchetagebuch, 10.9.2014


Ich sitze in der Bahn. Endlich zurück nach Graz. 3 Tage Konferenz habe ich hinter mir. 3 Tage habe ich den Gesprächen und Diskussionen gelauscht. Als Schriftstellerin unter AktivistInnen. Habe mich gefühlt wie ein Spion, als ich in die Rubrik „Funktion“ privat schrieb.

Wie dieses Land ändern? Wie können es die Aktivisten schaffen, Bosnien in ein Land zu verwandeln, in dem ein menschenwürdiges Leben möglich ist?

Ich gebe zu, ich war erstaunt. Erstaunt über die Hoffnung, die diese Leute in die Diskussionen trugen. Hoffnung trotz des hoffnungslosen Zustandes. Es wurde diskutiert, wie man sich besser vernetzten könnte. Wie man das Vertrauen der Leute wieder für sich gewinnen könnte. Denn das Vertrauen, das ist nicht mehr da. Das Vertrauen in jene, die für ihr Land und seine Bürger kämpfen. Die die letzten finanziellen Mitteln zusammenraufen (oft die eigenen), um Busse bezahlen zu können. Um einen Computer finanzieren zu können. Facebookportale und Blogs dokumentieren das, was in den Medien nicht gezeigt wird. Dokumentieren die kleinen Fortschritte.

Ich habe mich gewundert über den Mut dieser Leute. Ob sie nicht Angst hätte, fragte ich eine Aktivistin. Ich bin eine Frau, sagte sie, eine Frau schlägt man nicht so leicht zusammen. Und sie habe Kontakte.

Drei Tage lang haben die geladenen Gäste diskutiert. AktivistInnen aus Bosnien. Warum keiner von Tuzla da sei? Ohne Tuzla hätten die Proteste nicht stattgefunden. Was tun wir hier? Warum treffen wir uns hier, wir sollten uns in Bosnien treffen. Wie wird es weitergehen? Was geschieht nach dieser Konferenz?

Dass man das immer wieder wegblenden muss, um weiterhin aktiv zu sein. In diesem Moment geht es um das Ringen um Worte. Wenn ein Schreiben an die EU formuliert werden soll, muss man ganz genau darauf achten, die richtigen Worte zu wählen. Sonst kann es leicht passieren, dass neues Geld in neue Aktivitäten gesteckt wird, die wieder nichts bringen.

Man muss zuerst die NGOs aussortieren, wirft eine Frau ein und bekommt Beifall. In einer Straße findest du 100 NGOs, aber nicht alle arbeiten wie sie sollen.

Dass die Leute nicht einmal wissen, dass sie gewisse Rechte hätten. Dass es viel Aufklärungsarbeit brauche. Politische Bildung. Rechtsbildung. Dass der normale Bürger nicht weiß, wo er um Hilfe bitten kann. Wir haben Anwälte, gute Anwälte, sagt eine. Anwälte, die für unsere Sache arbeiten. Aber es fehlen die Mittel. Und auch das Wissen: Welcher Anwalt tritt tatsächlich für uns ein?

Streetwork. Du musst an Türen klopfen und von deiner Sache erzählen. Und wenn du ein kleines Ziel erreicht hast, musst du wieder an dieselben Türen klopfen und von deinem Erfolg berichten. Kleine Erfolge, die gibt es. Aber das ist oft ein jahrelanger Prozess. Eine Teilnehmerin berichtet um ihren Kampf gegen die Straßenhunde in Sarajevo. Wie schwer es sei, ein Gesetz durchzusetzen. Du wirst von einem Amt zum anderen geschickt. Wer ist dafür zuständig? Da vergehen Jahre. Jeden Tag werden 10 Leute durch die Hunde verletzt. Aber das wird natürlich dementiert.

Und dann sind da sind Arbeiter, die seit Jahren keinen Lohn erhalten. Die trotzdem weiterarbeiten. Leute, die ihre Pensionen nicht bekommen.

Die Jungen haben kein Interesse an der Politik. Politische Bildung findet am Wochenende statt. In den Schulen gibt es so etwas nicht. Ganz klar: Die Regierung will „arbeiten“ wie bisher. Man ist nicht interessiert an einer aufgeklärten Bevölkerung. Die Hälfte der Bürger geht nicht wählen. Und die, die wählen, verkaufen oftmals ihre Stimme. 20 KM bekommst du, wenn du deine Stimme abgibst. Das sind 10 Euro. 10 Euro, die du sofort auf die Hand bekommst. Wenn du entscheiden musst, ob du heute etwas zu essen hast oder einen funktionierenden Staat in 20 Jahren (und nicht einmal das garantiert), wofür entscheidest du dich?

20 Jahre nach Dayton. Was heißt „nach“ Dayton? 20 Jahre Knebelvertrag. Als Friedensvertrag war er vielleicht sinnvoll. 5 Jahre, so hieß es, danach sollte das Land seine eigene Verfassung haben. Eine Verfassung, die es bis heute nicht gibt.

Dass es Druck brauche. Die internationale Gemeinschaft müsse endlich kapieren, dass es nichts bringt, mit den Politikern Bosniens zusammenzuarbeiten. Die bosnische Regierung ist korrupt, das organisierte Verbrechen findet auf höchster Ebene statt. Wer von euch glaubt tatsächlich, dass sich nach den Wahlen etwas ändern wird?, wird die Frage in den Raum geworfen. Keine einzige Hand, die nach oben geht.

Das Dayton Agreement wurde ohne die Bürger Bosnien Herzegowinas beschlossen. Das Land wurde in 2 Entitäten geteilt. Eine davon, die Republika Srpska, trägt den Namen einer Nationalität in sich. Weißt du, wie du dich als Kroate in der Republika Srpska fühlst?, fragt einer.

Kein Friedensvertrag enthält so oft den Begriff „Human Rights“. Nach Srebrenica und den anderen ethnischen Säuberungen brauchte es einen Vertrag wie Dayton. Dayton stellte sicher, dass alle drei Nationalitäten so gerecht wie möglich behandelt werden. (Aber eben nur die 3. Wenn du nicht zu ihnen gehörst, kannst du nicht Präsident werden.) Dayton ist kompliziert. Zu viele Regierungen auf zu vielen Ebenen. Quoten, die sicherstellen, dass alle Nationalitäten vertreten sind, immer und überall. Eine Übergangslösung, wie gesagt. Dayton schrieb fest, dass alle an ihre Wohnorte zurückkehren konnten (Wenn sie es überhaupt noch wollten. Sich noch trauten. Da ging es um Schutz.)

Sie können sich Bürger nennen, sagt eine Dame zu dem amerikanischen Sprecher. Einem Fürsprecher, seine Sichtweise ist realistisch. Er hat seinen Idealismus schon lange eingebüßt. Vielleicht macht ihn gerade das zum Partner für die bosnische Sache.

Sie sind Bürger, Sie sind Mensch. Ich bin Bosniakin. In BiH bist du Bosniakin, Serbin oder Kroatin. Oder Sonstige, sagt eine andere, die Ungarin ist. Was soll das? Ich bin Bürgerin von Bosnien-Herzegowina, wir alle sind es. Dass es das ist, was in der neuen Verfassung stehen sollte.

Man wirft der Republika Srpska vor, nicht an den Protesten teilgenommen zu haben. Sind sie zufriedener?, heißt es. Nein. Dort wurde der Aufstand nur noch viel schneller niedergeschlagen. Das Einkommen in der Föderation kann man schon nicht als menschenwürdig bezeichnen. Das in der Republika Srpska liegt noch darunter.

Auf dem Podium wird eine neue Verfassung diskutiert. Sie muss von uns, dem Volk kommen, sagt die Rednerin. Die internationale Gemeinschaft soll uns helfen, aber sie darf uns nichts vorschreiben. Wir müssen für uns und unsere Rechte einstehen.

Ein Mann erhebt sich. Warum soll sie von uns kommen? Die (Europa, Amerika) haben uns diese Verfassung angetan. Wie sollen wir da hinaus kommen? Die Leute vertrauen einander nicht. Die Propaganda unterteilt die Menschen in Nationalitäten. Dass es eine zentrale Verfassung, eine vereinende Verfassung brauche. Andere widersprechen. Ja, der Staat als Dach, aber mehr Autonomie für die einzelnen Kantone. Vielleicht wie in der Schweiz?

Nach einem Tag intensiver und produktiver Arbeit merkt man: Jetzt geht es wieder nach Hause. Die Realität nimmt wieder überhand. Die TeilnehmerInnen sind konzentriert in den Arbeitsgruppen gesessen. Aber die, die jetzt zurückgehen, wissen: Es wird sich nicht viel ändern. Seit Jahren reden wir über dieselben Dinge, ich habe es satt!, wirft eine Frau ein. Während wir hier darüber reden, ob es gescheiter ist, zur Wahl zu gehen oder nicht, verkauft gerade wieder einer seine Stimme. Das ist die Realität!

In der EU weiß man: Solange Bosnien Herzegowina unter der Knechtschaft des Dayton Vertrages steht, wird sich nichts ändern. Ein Beitritt zur EU ist mit dieser Verfassung nicht möglich. Eine Systemänderung ist mit dieser Verfassung nicht möglich. Die Politiker sind auch gar nicht daran interessiert. Das muss euch klar sein, sagt ein Amerikaner, der vor Ort arbeitet. Im Moment haben eure Politiker das, was sie wollen. Sie stehlen und sie haben die Berechtigung, sich das Gestohlene zu behalten. Es wird sich nichts ändern, solange nicht der Druck von beiden Seiten erhöht wird. Vom Volk und von der Internationalen Gemeinschaft. Letztere säße jedoch ziemlich ratlos da. Sie habe keinen Einfluss mehr, sie könne keinen Druck mehr ausüben. Sagt uns, wie wir euch helfen können und wir sind für euch da. Aber es wird ein langer Weg. Nochmals 20 Jahre. Und bevor wir uns das Wie überlegen, müssen wir ganz genau wissen: Was ist zu ändern?

Was wollen die Leute? Wollen alle ein einheitliches Bosnien? Hier schon scheiden sich die Meinungen. In der EU sind Grenzen nicht mehr so wichtig. Der EU Beitritt wäre vielleicht eine Chance, das Nationalitätenproblem zu lösen. Aber ein Betritt kann nicht stattfinden, solange sich die Verfassung nicht ändert.Womit wir wieder beim Anfang wären.

Ich sitze und schreibe. Notiere jede einzelne Aussage. Und habe das Gefühl, dass Bosnien in einem Teufelskreis feststeckt.

Ein Land, gespalten. Und in sich nochmals gespalten. Und doch: Die Revolution war eine friedliche. Die Menschen sind nicht an einem neuen Krieg interessiert, die Menschen wollen einfach nur leben. Sie wollen arbeiten. Für ihre Arbeit entlohnt werden. Wollen wissen, dass ihre Kinder in eine Zukunft blicken können. Manche Leute setzen für diese Vision ihr Leben ein. In Bosnien kannst du nicht einfach so auf die Straße gehen und deine Kritik äußern. Gefängnisstrafen stehen an der Tagesordnung. Wen wundert es da, dass die Jugend lieber auf Youtube geht, davon träumt, das Land zu verlassen?

Ihr Österreicher, ihr ladet uns in euer Land ein, wurde ich vorgestern Abend angesprochen. Ihr schickt uns ein Motivationsschreiben, an dieser Konferenz teilzunehmen. Als müsste man uns motivieren. Ihr ladet uns hierher ein und glaubt, uns sagen zu können, wie man es richtig macht. Ihr habt doch keine Ahnung, was in unserem Land wirklich vor sich geht!

Andere danken den Organisatoren für die Chance, hier in Ruhe ein paar Punkte ausarbeiten zu können. Trotzdem. Die Arbeit muss in Bosnien weitergehen. Wir können nicht hier bestimmen, was unten zu tun ist. Wir können nicht über die Köpfe der anderen hinweg bestimmen. Sonst verlieren wir wieder das Vertrauen.

Als ich den Saal verlasse, meldet sich ein etwa fünfzigjähriger Mann. Die Menschen sterben, sagt er. Sie sterben nicht mehr durch Kalaschnikows und Bomben, sie sterben von innen heraus. Bosnien verhungert. Physisch und psychisch.. Die Privatisierung habe dem Volk alles genommen. Von Landschaftsreformen wurde gesprochen. Von so vielen Dingen wurde gesprochen aber nichts sei geschehen. Deutschland und Österreich hatten die Marshalplanhilfe. Wenn wir das auch gehabt hätten, wären wir jetzt auch eine kleine Schweiz. Stattdessen gingen die Billionen in die korrupte Politik. Eine Politik, die sich ohne neue Verfassung nicht ändern wird. Aber die Verfassung, die wird nun mal von den Politikern gemacht. Da beißt sich die Ratte in den Schwanz.

Ich gebe meine Kopfhörer ab. Dass ich auch die letzte halbe Stunde noch bleiben könnte, um 21:00 geht auch noch ein Zug zurück nach Graz. Ich entscheide mich trotzdem dafür, den Saal um halb Acht zu verlassen. Bosnien hat nichts von meiner Anwesenheit. Bosnien hat auch nichts von meinem Blog. Meine Worte können nichts ausrichten. Ich kann der Ratte den Schwanz nicht abhacken. Ich kann nur aufzeigen, was ich wahrnehme.

Und während ich hier schreibe, steigt das Wasser weiter. Angeblich regnet es noch immer. Dass man sich in Tuzla schon auf die nächste Flut vorbereite. Ich weiß nicht, wie es in Banja Luka aussieht. Die einzige Hoffnung, die die Flut brachte: Die Leute rückten wieder zusammen, sagt eine. In der Not fragst du nicht nach, ob dein Nachbar Serbe oder Kroate ist. Aber soll man sich tatsächlich über die Flut freuen? Der Winter kommt. Und Menschen haben kein Dach über dem Kopf. Die Wahlen sind ihr geringstes Problem. Nach den Wahlen wird sich nichts ändern. Nach dem Schnee schon…

http://derstandard.at/2000005377732/Kurz-holt-bosnische-Zivilgesellschaft-nach-Wien

siehe auch : Dayton Vertrag (Wikipedia)