Warum erst jetzt?


Recherchetagebuch - 20.September 2014


Seit vier Tagen lerne ich Bosnisch. Nein, mittlerweile bin ich beim Kroatischen angelangt, da es kaum Lernmaterialien für die bosnische Sprache gibt. (Dass es auch ganz egal sei, sagte ein Freund, es ist ohnehin eine Sprache. Dennoch bemerke ich: in meinem Vokabelheft aus dem Bosnisch-Onlinekurs stehen schon jetzt Wörter, die ich in meinem kroatischen Wörterbuch anders übersetzt finde ... Egal. Es wird ohnehin ein Kauderwelsch werden.)

Heute, am Weg vom Flohmarkt zum Kaffeehaus fragte ich mich: Warum erst jetzt? Slowenien, Kroatien - und auch Bosnien. Länder, die an unser Land grenzen bzw. nicht weit weg sind. Von Graz nach Banja Luka fährt man ca. 5 Stunden. An die kroatische Küste fährt man 4 - wenn man nicht in einen Stau gerät. Wenn ich mit Freunden nach Maribor fahre, sind es von Graz aus nur 40 Minuten.

Vielleicht lag es daran, dass meine Tante (und mein großes Idol in Teenagertagen) Dolmetscherin für Italienisch ist. Sie hat mir auch jenes grüne Buch geschenkt, aus dem ich Jahre später lernte. Ich mag den Klang der italienischen Sprache. Die südslawischen Sprachen hatten mir nie gefallen. (Und doch mag ich sie heute so sehr. So habe ich mich heute am Griesplatz dabei ertappt, wie ich 2 älteren Herren hinterdrein geschlichen bin, nur um den Klang ihrer Sprache zu hören...)

Letztendlich, so scheint mir, hat das, was wir als schön oder hässlich empfinden mit Erfahrung/ Erinnerung (Erziehung eingeschlossen) zu tun. Nach meiner ersten Reise nach England wollte ich unbedingt nach England ziehen. Ich lernte wie eine Besessene, ging als Au Pair ein Jahr nach London - um mich nach meiner Arbeit mit den englischen Kindern für den Kindergarten statt für das geplante Englischstudium zu entscheiden. In den letzten 20 Jahren ist mein Englisch immer ungeübter geworden. Ich habe mein Schulfranzösisch vergessen, mein Spanisch war so gut wie nie vorhanden, ich habe vor 10 Jahren eine kurze Zeit Italienisch gelernt und vor 2 Jahren festgestellt, dass es noch immer reicht, um mich ein wenig zu unterhalten. Aber nie bin ich auf die Idee gekommen, Kroatisch zu erlernen. (Sogar ein wenig Türkisch habe ich einmal mit meinen Volksschulkindern gelernt....)

Warum lernen ÖsterreicherInnen so selten slawische Sprachen? Wir fahren nach Kroatien auf Urlaub, wir trinken Kaffee in Bratislava oder Maribor, wir treffen täglich auf ArbeitskollegInnen aus dem süd- oder westslawischen Raum... Gut, da höre ich schon den bekannten Satz: "Na, die leben ja bei uns, warum sollen wir ihre Sprache erlernen?" Aber warum lernen die, die gerne nach Italien fahren, so viel öfter die Sprache ihres Urlaubslandes als die, die gerne nach Kroatien fahren?

Ich bin ein Kinder der 80er und 90er. Ich bin in Ottakring aufgewachsen. Mitten unter Gastarbeiterfamilien. Meine Mutter und ich sind gerne Cepapcici essen gegangen - die waren gut, die Portion hat für uns beide gereicht und billig waren sie auch. Dass sie in Bosnien dann cevapi hießen, hat mich verwirrt. (Und bestellen musst du dann überhaupt cevape, weil du den Fall angleichen musst - was ich in Banja Luka nicht mal mitbekam, - ich habe ja nur gehört, wie "cevape" bestellt wurden.) Dass unsere Cevapcici der Plural der Verkleinerungsform sind ... das hat mich und meine Mutter nie interessiert. Dabei waren die gar nicht so klein, die Cevapi, beim kroatischen Wirten ums Eck.

Ja, in Ottakring lebten viele Gastarbeiter. (Übrigens ein Wort, das ins Kroatische übernommen wurde: gastarbajteri.) Ich muss Sie wohl nicht erinnern, wie sie bei uns oft genannt wurden. Tschusch - so nannte sich die Frau meines Vaters (Saveta aus Montenegro, ich habe bereits von ihr erzählt) selbst oft im Scherz. Das liegt in der Mentalität der Leute - sie begegnen ihrem Schicksal anders als wir. Saveta lachte einfach darüber. (Ähnliches habe ich auch in Banja Luka beobachtet. In Situationen, in denen ich verzweifelt ausraste, zuckt man dort lachend mit den Schultern. Und in Situationen, die ich nie erleben musste - z.B. wenn dein erster Stock das 2. Mal unter Wasser steht, sagen die Leute: Andere hat es viel schlimmer getroffen als mich.)

Zurück zu Saveta. Ich mochte sie nicht von Anfang an, ich machte es ihr sogar ziemlich schwer. Sie sah anders aus und sie sprach ein seltsames Deutsch. Ihr Haushalt war nicht so perfekt wie der meiner Mutter. Saveta nahm das Leben - nun: ein wenig gemütlicher. Aber wenn ich mich heute an meine Teenagerzeit zurückerinnere, so war sie die Person in Wien, zu der ich ging, wenn ich Kummer hatte. Keine konnte so zuhören, mit den Schultern zucken, sich eine Zigarette anzünden und das Leben mit einer Art wegwerfendem Lächeln wieder so zurechtrücken wie sie. Das war natürlich auch ihr Vorteil als Stiefmutter - aber ich denke, es war auch ihre Balkanmentalität. Mein Bruder, der den Nachnamen seiner Mutter trug, entschied sich als Erwachsener übrigens für eine Namensänderung. (Mein Vater und seine Mutter hatten erst viele Jahre nach seiner Geburt geheiratet.) Seine Kinder sollten Kinstner heißen. Bei einem Nachnamen wie dem unseren fragt niemand nach, woher zu bist.

Was mich wieder zu der Frage zurückführt, warum ich nie auf die Idee kam, Serbokroatisch zu lernen (Übrigens beherrscht auch mein Bruder diese Sprache nicht.) Ich wage zu behaupten, dass die meisten das Serbokroatische als nicht elitär genug ansahen. (Auf gut Deutsch: Wer will schon so sprechen wie die "Tschuschen"?) Die Kinder der Jugoslawen, die in Österreich blieben, lernten oftmals selbst nur Deutsch. Die Eltern wollten, dass ihre Kinder die Sprache ihrer Heimat beherrschen - und die neue Heimat war Österreich. Ich kenne mehrere Kinder der 2. Generation meines Alters, die die Sprache ihrer Mütter oder Väter nicht beherrschen - meist, wenn ein Elternteil aus Österreich stammte. Heute sehen wir in der Zweisprachigkeit Gott sei Dank eine Chance. Und wir, die wir nicht zweisprachig aufgewachsen sind, beneiden jene, die Kroatisch oder Bosnisch (oder andere Sprachen) bereits in die Wiege gelegt bekommen.

In meiner Klasse (ich ging im 18. Bezirk zur Schule) gab es keine einzige Schülerin, deren Erstsprache nicht Deutsch war. Obwohl in Ottakring aufgewachsen, kannte ich niemanden, der nicht in Österreich geboren war (abgesehen von Saveta). Und nie - keine Sekunde lang - wäre ich auf die Idee gekommen, Savetas Sprache lernen zu wollen. Italienisch und Spanisch. Französisch. Diese Sprachen waren gefragt. Dann kam Russisch auf. Wir SchülerInnen trugen uns für unsere Wahlpflichtfächer ein. Hätte man uns "Serbokroatisch" angeboten, hätten wir wohl die Nase gerümpft.

Ich habe versprochen, meinen Vorurteilen gegenüber dem Balkan und seinen Leuten auf den Grund zu kommen. Vorurteile, die ich nicht gerne zugebe. Vorurteile, die sich gerne verstecken. Aber wenn ich an meine Schulzeit und Saveta zurückdenke, so muss ich doch zugeben: Ich habe mich für meine Stiefmutter immer ein wenig geschämt - und ich habe mich für meinen Vater geschämt, weil er nicht mit einer Österreicherin verheiratet war. Und ich weiß, warum ich mich für Spanisch und später Italienisch entschied: Ich wollte nach Andalusien, ich wollte nach Rom und Florenz, nach Paris und Avignon. Mit 19 - und auch mit 29- wollte ich nicht nach Sarajevo und erst recht nicht nach Banja Luka. Abgesehen davon, dass ich damals noch nicht einmal wusste, dass es eine Stadt wie Banja Luka auf der Landkarte überhaupt gibt - obwohl sie Graz und auch Wien viel näher ist als Rom oder Madrid.