Volkszählung im Oktober 2013



Vor genau einem Jahr, im Oktober 2013, gab es in Bosnien das erste Mal nach dem Krieg wieder eine Volkszählung.

Das Land wird, allen voran von den Politikern, gerne in seine Ethnien unterteilt. Man könnte meinen, alles dreht sich um die Frage: Bist du Bosniak, Serbe oder Kroate - oder gehörst du zu den Sonstigen?

In Banja Luka ließ ich mir von der Volkszählung erzählen. "Ich bin ein Mädchen", antwortete die 19jährige Ivana, als man sie nach ihrer Volkszugehörigkeit fragte. "Aber Sie müssen etwas angeben", wurde sie belehrt. "Ich muss gar nichts. Ich bin ein Mädchen. Ein Mensch!" - Ivana ist ein Kind aus einer sogenannten "Mischehe". Ihre Mutter ist Katholikin, ihr Vater Orthodoxer. Sprich: Ivana ist eine serbisch-kroatische Mischung. Nur, dass ihr sowohl die Religion als auch die Volkszugehörigkeit egal ist. "Wen schert es schon, ob einer Jovan, Milan oder Eldar heißt? Das sind nur Namen."

Ähnliches erzählte mir auch Lana. Lana - ein Name, wie Lana Turner. Ein Name, der nichts aussagt. Dass den die Eltern bewusst gewählt hatten - ein Name, der modern klingen sollte. Lana wurde vor dem Krieg geboren - in Sarajevo. Heute will auch sie sich nicht einteilen lassen. Theoretisch könnte sie "Bosniakin"angeben. Aber Religion war in ihrer Familie nie wichtig. "Flying Spaghetti Monsterism - das ist meine Religion!"

Dass viel zu viele sich von der Propaganda der Politiker und der Religionsführer beeinflussen lassen würden, erzählte mir C. aus Mostar, dass auch viele von ihren Eltern (jener Generation, die den Krieg erlebte) beeinflusst würden, sagt Ivana. "Es geht noch immer viel zu viel um das Thema der Schuldfrage." Und manche Jugendliche, so sagt Ivana, seinen einfach nur dumm und überlegen nicht. "Du bist ja keine richtige Serbin", hört sie öfters. "Sie meinen es nicht böse, ich weiß, dass sie mich mögen. Sie denken einfach nicht nach. Und wenn ich mit ihnen zu diskutieren anfange, geraten wir in Streit."


Bild-Quelle: http://de.academic.ru/dic.nsf/dewiki/191004

Eine heikle Volkszählung also - in einem Land, in dem mehr als die Hälfte der Menschen von ihren ursprünglichen Wohnorten durch ethnische Säuberungen vertrieben wurden. Das Ergebnis könnte wieder neuer Zündstoff für neue nationalistische Parolen der Politiker sein. Außerdem wurde in der Verfassung von 1995 verankert, dass nicht nur politische, sondern auch Verwaltungsämter streng nach Volksgruppenzugehörigkeit vergeben werden müssen. "Wenn es eine sehr große Diskrepanz zwischen 1991 und heute gibt, dann sind die alten Quotenregelungen schwer aufrechtzuerhalten. Man könnte etwa fragen: Weshalb braucht es in dem Landesteil Republika Srpska fünf bosniakische Minister, wenn es dort nur fünf Prozent Bosniaken gibt?"", sagte Florian Bieber im September 2013 gegenüber dem Standard. " (>> Originalartikel)

Ein Jahr nach der Zählung suche ich im Internet nach einer aktuellen Übersicht - und finde keine. Nur auf der Seite "Stimme Russlands" (http://german.ruvr.ru/) finde ich den Hinweis, dass die ethnische Verteilung erst 2016 erscheinen wird. Insgesamt hat die Volkszählung einen Bevölkerungsrückgang um 13 Prozent seit 1991 ergeben. Heute leben ca. 3,8 Millionen Menschen im Land. Laut ersten Zahlen trugen sich 54% als Bosniaken, 32,5% als Serben und 11,5% als Kroaten ein. Interessant zu wissen wäre, wie viele Spaghettimonsterianer und Jedi Ritter in Bosnien leben. Aber ich befürchte, diese Zahlen werden wohl nie veröffentlicht werden....