Und sie regen sich tatsächlich noch...


Gavrilo Princip und Franz Ferdinand, die zwei sich im Grabe wälzenden Protagonisten unserer Ausstellung beim Banja Luka Art Festival 2014 kommen am 13. 1. (gerade rechtzeitig, bevor das Jubiläumsjahr auch in Serbien zur Geschichte gehört) nach Graz. Zeit also, sich wieder an die beiden zu erinnern...

Als Österreicherin, als 1976 Geborene, einem Kind der Aufarbeitung der Verbrechen des Holocaust, ist der erste für mich immer jener Weltkrieg gewesen, der von beiden weniger zählte. Die Donaumonarchie - das war für mich vor allem der Hintergrund meiner kroatischen und mährischen Urgroßvaterwurzeln, das also, was den Durchschnittsösterreicher vom Durchschnittsdeutschen unterscheidet.

Als Teenager war der 1. WK für mich lebloser Stoff, den man für einen Test lernt. Aufbegehren der Völker, Schwarze Hand, ein Schuss, Ultimatum,"Serbien muss sterbien". Danach: blutgetränkter Schnee, Versailles.

Das Hitler-Opfer Österreich hatte spätestens seit der Waldheim Affäre ausgedient - die verspätete Aufarbeitung führte dazu, dass man den Holocaust in den Vordergrund des Geschichtsunterrichts stellte. Dass die Schüsse in Sarajevo über den Umweg Versailles zum 2. Weltkrieg geführt haben, habe ich erst Jahre später durch Hugo Portisch gelernt - dass der südslawische Raum schon damals vor den selben Problemen stand wie in den 90ern aus der Literatur. (Seitdem stellt sich mir die Frage, ob es nicht gescheiter gewesen wäre, Videos zu schauen und Literatur zu lesen statt die rosafarbenen Zusammenfassungen auswendig zu lernen). Sie sehen - ich nahm vom Geschichtsunterricht nicht allzuviel mit - was allerdings auch an unserer Professorin in jenen Jahren liegen mag, die uns gerne und viel von Gott erzählte und nur das Rosafarbene prüfte. Da sie vor allem ersteres mit großer Leidenschaft tat, übernahm unser Religionsprofessor die Geschichtsbildung - und fuhr mit uns nach Krakau (Auschwitz / Birkenau).

Was das alles mit dem leidenschaftlichen Jäger Franz Ferdinand und dem hitzköpfigen Gavrilo Princip zu tun hat? Ich will es Ihnen erklären.

Bosnien-Herzegowina, das für mich lange nicht anderes, als ein rosafarbener Fleck im Geografiebuch - jenes Bundesland Jugoslawiens , dessen Namen ich mir nie gemerkt hatte. (Geografietest: Gut. Setzen, Kinstner)

Und dann kam ich in die siebente Klasse. Die Bilder im Keller unserer Schule. Die Bilder auf dem Overheadprojektor. Unsere Reise nach Auschwitz. Schindlers Liste (auch mit dem Religionsprofesor). Auf dem Bildschirm legt Amon Goeth das Gewehr an, in der Reihe hinter uns 2 Burschen. Popcorn, Kicherattacken und "Yeah"-Rufe. Zu Hause, am Bildschirm, dem "Fernrohr ins Nachbarland" dann die Bilder aus "Jugoslawien". Mit 16 denkst du noch nicht in Zahlen, mit 16 schreist du. Und fragst nach. Ziehst Vergleiche, die nicht erlaubt sind . Man schrieb das Jahr 1993. Wir besuchten Mauthausen, wir sahen die Bilder im Fernsehen und wir sahen jene, die mit "Ja" unterschrieben - denn es war das Jahr des "Ausländervolksbegehrens".

Glauben Sie mir: Unser toter Thronfolger war nicht der Geist meiner Geschichte.... spätestens 1993 war das Jahr, an dem mein Jahrgang aus seinem naiven Kinderglauben an das Gute gerissen wurde.

September 2014. Eine kleine Gruppe fährt in die Republika Srpska. Im Fonds des Autos liegen alte Schulbücher. Zur selben Zeit macht sich eine Frau auf den Weg - ebenfalls bepackt mit alten Schulbüchern. Sie kommt aus Belgrad, wir aus Graz.

1914 jährt sich das 100. Jahr und wir wollen uns ansehen, wie das Ereignis in den verschiedenen Geschichtsbüchern dargestellt wird. Wir müssen einander die Stellen ins Englische übersetzen. Verschiedene Religionszugehörigkeiten, verschiedene Kulturkreise, verschiedene Sprachen, verschiedene Nationen und verschiedene Geschichtsbilder sitzen um einem Tisch. Den Kaffee haben wir trotzdem aus derselben Kanne getrunken (herrlich, endlich wieder würziger bosnischer Kaffee!!!), wir haben dasselbe Feuerzeug verwendet (und gelernt, dass es upaljaž heißt), wir haben diskutiert, in "Serbokroaboengleutsch" - haben erstaunt ausgerufen und gelacht.

Durch Hugo Portischs Österreich I, durch Bücher und auch durch die Zeitungsartikel des Jahres 2014 hatte ich mittlerweile natürlich ein anderes Bild des 1. Weltkrieges. In der Republika Srpska kam jedoch noch einmal ein ganz neues hinzu.


Der Vergleich mit anderen Schulbüchern brachte Spannendes zutage. (> PDF Schulbuchvergleich) Da gab es Schulbücher, die sich dem 28. Juni aus wirtschaftlicher Sicht näherten und eine 20seitige Vorgeschichte voranstellen. Und dann gab es solche, die mit dem Attentat begannen. (Und wovon hängt die Wahl ab? Von der Anschauung des Lehrers, dem Schulzweig, der politischen Coleur?)

2014 - mitten in Bosnien - stellte sich natürlich auch eine ganz andere Frage: Wenn schon zwischen den alten ö. und den jugoslawischen Schulbüchern so ein Unterschied in der Darstellung bestand - wie wäre es, die aktuellen Schulbücher beider Entitäten zu vergleichen? - Wie sieht es dort aus mit der Mlada Bosna, der Jugoslawien-Idee und dem 1. WK? Wie mit der Ustaša und den königstreuen Četniks .... und Tito, natürlich Tito .... Irgendwann würde ich gerne von Dorf zu Dorf, von Stadt zu Stadt reisen (durch alle exjugoslawischen Länder) und einfach nur nach Tito fragen. Solle sich jemand, der viel Zeit hat, als Chauffeur und Übersetzer zur Verfügung stellen... bitte einfach melden!

Aber Tito war nicht unser Thema. Gavrilo Princip hingegen schon. ....

Jelka ist zehn Jahre jünger als ich. Sie unterstützt mich von Banja Luka aus und schickt mir Links zu Gavrilos Geburtshaus. Sie wollte im August auch eine Fahrt zu diesem für uns organisieren - und war ein bisschen enttäuscht, dass wir das Kajak am freien Tag vorzogen (Letztendlich kam uns dann der Stierkampf dazwischen - wo wir besonders viel über die "Helden" der Republika Srpska und ihr Ansehen lernten. Mladić- und Karadžić-Uhren findet man an den Verkaufsständen genauso wie Gavrilo Princip-T-Shirts....)

http://www.klix.ba/vijesti/bih/otvorena-obnovljena-kuca-gavrila-principa-u-bosanskom-grahovu/140628067

http://www.novosti.rs/vesti/naslovna/aktuelno.69.html:339350-U-kuci-Gavrila-Principa-izgoreli-planovi-atentata

Im März will ich mit Jelka dennoch Princips Geburtshaus besuchen. Dass er genauso wie der Vidovdan zur serbischen Kultur und damit zur Republika Srpska gehört, kann ich nicht einfach ignorieren...Auch wenn es mir nicht gefällt. (Aber die FPÖ gehört schließlich auch zu Österreich... Wollen wir also nicht so scheinheilig tun. Wir hatten ja auch bloß das Glück, dass sehr lange Zeit ein homogenes, scheinheilig-katholisches Land waren - und noch immer sind. (5,3 Mio Öer sind katholisch)


Ja, sie regen sich also, die beiden sagenumwobenen Figuren. Die Debatte um Princip zeigt, wie gespalten Bosnien ist - wie sehr das Andenken an ein geschichtliches Ereignis von den nationalistischen Rädelsführern wieder einmal dazu benützt wird, die den Hass, gegen den so viele junge Leute der Nachkriegsgeneration ankämpfen, am Leben zu halten. In Ost Sarajevo, das zur Republika Srpska gehört, wurde Princip ein Denkmal gesetzt, während die Gavrilo Princip-Brücke beim alten Rathaus wieder Lateinerbrücke heißt.

Aufarbeitung wird in Bosnien also noch lange keine stattfinden können - solange solche Szenen stattfinden. Der Handshake bleibt jenen Leuten überlassen, die sich - v.a. seit den Februarprotesten 2014 - über die ethnischen Grenzen hinweg für ein besseres, menschenwürdiges Leben in Bosnien einsetzen. Die davon sind unzählige Gerichtsverhandlungen, sowie eine weitere Einschränkung der Pressefreiheit.

(http://www.6yka.com/novost/71691/novinari-sa-gorcinom-docekali-praznike-ova-tjeskoba-nas-podsjeca-na-devedesete)

Österreich hat zum Gedenken an den 28.6. 1914 seine Philharmoniker ins Land geschickt. Bosnien litt zu dieser Zeit gerade unter einer Flutkatastrophe. Die Menschen, die sich für die Meinungsfreiheit, gegen Korruption, Ausbeutung und hassschürende Hetzreden der Politiker einsetzen, wissen nicht, woher sie das Geld für die Gerichtsverhandlungen nehmen sollen - und Österreich lässt sich das Spektakel was kosten und spielt auf. Ja, wir sind noch immer das Land des Walzers - auch 100 Jahre danach.....

http://www.theguardian.com/world/2014/jun/28/sarajevo-franz-ferdinand-first-world-war


Durch Sarajevo fährt ein schöner alter roter Wiener Straßenbahnwaggon. An der Ecke, an der Franz Ferdinand ermordet wurde, befindet sich ein Gedenkmuseum. In Sarajevo bist du als Österreicherin beliebt - zumindest im größeren Teil der Stadt. In der Republika Srpska sieht man uns Urenkelkinder des FF kritischer. Ob wir uns bewusst seien, dass wir "Blut an den Händen kleben" hätten? Ein Satz, direkt an uns gerichtet. Die Frau: Eine Universitätsprofessorin. Nach der Diskussion (nach diesem Satz, der Herzrasen, der Widerstand, der Fassunglosigkeit, der Beschämung, der Wut in mir auslöste), stelle ich mich mit der Dame für ein paar Zigarettenlängen an die Bar. Vom neuen Imperialismus Österreichs spricht sie- nein, es wäre nicht ihre Absicht gewesen, mich nicht persönlich anzugreifen. "Auch ich habe Blut an meinen Händen kleben", sagt sie und spricht von Srebrenica.

Aufarbeitung ist etwas, das stattfinden kann. Ein Dialog soll dazu führen, beide Seiten der Geschichtsschreibung kennen zu lernen. Ich habe Österreich aus anderen Augen sehen gelernt - und da waren durchaus Seiten dabei, die ich kritischer unter die Lupe nehmen musste. Zum Beispiel die kriminellen Machenschaften der Hypo Alpe Adria und ihren kometenhaften Aufstieg am Balkan.

Am Ende tritt man aus dem Gespräch heraus und schüttelt einander die Hand. Neue Freundschaften entstehen - und helfen, Vorurteile abzubauen. Nach dem Festival war die Republika Srpska kein dunkler Ort mehr - sondern ein Ort der Begegnung.

Lasst uns einander kennen lernen, diskutieren, ein Bier trinken und aufs Leben anzustoßen. Živeli!


P.S: Das Buch zum Festival: http://www.itsch.org/