BeziehungKrisenHerd


Nach meiner Rückkehr aus der Republika Srpska habe ich die Kurzgeschichte "Darko" verfasst. Nun ist sie in der Anthologie "Beziehungskrisenherd" nachzulesen


„Ausweitung der Kampfzone“ – so lautete das Thema des 19. Münchner Kurzgeschichtenwettbewerbs. Über 700 Schreibende meldeten sich – dramatisch, spannend, verzweifelt, ironisch, liebevoll, einfühlsam – mit einem kurzen Text zu Wort. „Kampfzone“, das ist für die einen Krieg, Neo-Imperialismus, Balkan, Afghanistan, für die anderen Geschlechterkampf, Identitätsfindung, Liebe oder Altern. Die 23 besten Storys hier in vorliegender Anthologie.

mit Beiträgen von Agga Kastell, Andreas Glumm, Christoph Schröder, Birgit Birnbacher, Ursula Brochard, Charlotte Gäbler-Goes, Chris Inken Soppa, Christian Stahl, Eva Wachter, Frank Schliedermann, Gabriele Witt, Cornelius Grupen, Holger Jäckle, Margarita Kinstner, Mario Fesler, Nike Boes, Philipp Maehr, Andreas Kurz, Sibylle Luithlen, Sonja Reichel, Ulrich Effenhauser, Carola Weider, Sabrina Zwach

Beziehungskrisenherd

Louisoder Verlag, 2015

Fester Einband, ISBN 978-3-944153-13-1

282 Seiten, 19,95 € (D) | 20,50 € (A)

DARKO

(Auszug)

Natürlich wisse seine Mutter nichts. Gar nichts wisse seine Mutter. „Sie hält mich für verrückt. Sie

versteht nicht, was hier wirklich vor sich geht.“

Ich habe Darko vor 10 Tagen am Artcamp kennen gelernt. In den ersten Nächten hielten wir unsere

feuchten Schlafsäcke gegen das prasselnde Feuer während unsere Hintern auf den Strohballen kalt

wurden. Abend für Abend reichten wir Flasche mit selbstgebranntem Rakija im Kreis und tranken

lauwarmes Nektar-Bier aus Dosen, bis der Regen kam und uns das Lagerfeuer löschte.

Ich bin das erste Mal hier, im anderen Teil jenes Landes, das keiner kennt und vor dem man immer

noch warnt – auch wenn ich nicht verstehe, wie die Menschen in Österreich nach 18 Jahren noch

immer glauben können, hier sei Krieg.

„Fahr dort nicht hin!“, hat mich meine Mutter gewarnt, so wie sie mich auch voriges Jahr schon vor

Sarajevo gewarnt hatte. Ich hatte ihr letztendlich einreden können, dass Sarajevo eine Stadt sei wie

jede andere, wie Paris oder London, von mir aus eine kleinere, sagen wir Graz. Dass Banja Luka

ebenfalls eine zivilisierte Stadt sein soll, das ließ sie sich jedoch nicht mehr einreden. Die Republika

Srpska? – Vergiss es.

Dass er froh sei, hier zu sein, sagt Darko, so wie er es jeden Tag vor sich her sagt, als sei es sein

Mantra. „Ich muss endlich ein wenig zur Ruhe kommen.“ Er habe seine Bekannte in Zagreb endlich

erreicht, dorthin werde er fahren, gleich nach der Ausstellungseröffnung.

Vorhin saßen wir in einem Kaffeehaus, in dem es schon wieder keinen domača kava gab. Das fällt

mir hier auf – hier servieren sie Espresso und Cappuccino, aber keinen türkischen Kaffee. Das ist,

als lehnten sie sich sogar in den Kaffeehäusern gegen alles, was es in der Föderation gibt, ab, dabei

trinken sie ihn in ihren Wohnungen genauso wie man ihn in Sarajevo trinkt. Bosanska kava, so sagt

man in Sarajevo zu den Touristen, aber hier sagst du das lieber nicht. Noch weniger solltest du

türkischen Kaffee bestellen, auch wenn Darko sagt „Was soll diese nationalistische Scheiße schon

wieder, das ist türkischer Kaffee und aus basta.“ Als tschechischer Hund ist ihm egal, ob der Kaffee

türkisch oder bosnisch oder serbisch sei, aber Marijana schüttelte den Kopf, „Nein, bestell am

besten domača kava, damit bist du immer auf der sicheren Seite, Kaffee des Haues, den kannst du

auf der ganzen Welt bestellen und man wird man dich überall dafür lieben, dass du die Machart des

Hauses bevorzugst.“

Nur hier gibt es ihn nicht, den Hauskaffee, der Kellner sah mich verächtlich an, sein Kaffee komme

aus der Maschine, klärte er mich auf.

„Vielleicht ist es besser, du steigst auf Espresso um, ist doch eh nicht so viel Unterschied,

Hauptsache, er wirkt gegen Kälte und Müdigkeit“, lacht mich Darko aus.

Darkos Mutter ist Katholikin, sein Vater war orthodox, bis man ihm die Kalashnikov gegen den

Kopf hielt und abdrückte, danach war er nichts mehr. „Jaja, schau nicht so, das hat es auch

gegeben“, sagte er, als er mir davon erzählte, und sofort dachte ich, ich wüsste, was er meint, dass

er mir wie all die anderen auch vorwirft, als Österreicherin sei ich sowieso gegen die Serben,

Serbien muss sterbien, so hat es doch in unseren Schulbüchern immer geheißen. Er hörte sich meine

gestammelten Rechtfertigungen an, dann erst klärte er mich auf: „Verdammt, krieg dich ein, ich

gehör nicht zu den Scheiß Nationalisten, mir ist das wuscht, was einer ist, außerdem bin ich aus

Mostar und ein Mischlingsrüde der übelsten Sorte.“