Männer in Pécs


Ich habe euch die Männer versprochen. Ich bin ihnen entgegen gegangen, habe auf alles Männliche meine kleine Handykamera gerichtet und keinen ausgelassen. Wenn dein einziges Auswahlkriterium „Mann“ lautet, kommst du drauf, dass du viel lieber Frauen fotografieren würdest. Und noch etwas fällt auf: Männer schauen dich direkt an. Sie senken ihre Blicke nicht, wenn du ihnen entgegen gehst. Also kippte ich mein Handy auf Brusthöhe, tat so, als wäre ich mit meinem Smartphone beschäftigt und klickte.

An einem Mittwochnachmittag zur Mittagszeit gibt es mehr Frauen als Männer in den Straßen einer Stadt. Die Männer, die ich sehe, sind überwiegend jung. Einige wenige sind in meinem Alter, diese tragen Ledertaschen oder sie rauchen. Viele Männer rauchen. Viele von ihnen tragen Arbeitskleidung. Manche fahren Rad. Viele sitzen hinter dem Steuer eines Autos oder Lieferwagens. Schüler und Studenten gehen in Gruppen. Am Spielplatz spielen 2 Männer mit ihren Kindern. Einige Männer sieht man nicht, man hört sie. Sie bohren und hämmern.

In dem Moment, als mein Akku leer war und ich nicht mehr fotografieren konnte, stellte ich fest: Sofort sieht man unterschiedlich. Man selektiert. Da war ein ein Briefträger, der den Briefkasten entleerte (in eine Schultertasche, genau 2 Briefe befanden sich im Kasten). Ein alter Mann, der mit einer Schubkarre durch den Park ging. Gärtner, die in Gruppen beieinander standen und sich auf ihre Besen und Rechen stützten. Ein junger Mann, der im Park las. Und bei jedem, den ich wahrnahm, dachte ich: Die habe ich nun nicht auf Bild, die fehlen doch! (Das, was wir als repräsentative Stichprobe aus dem Menschenhaufen wahrnehmen, ist also stets das schon wieder leicht Außergewöhnliche.)

Schließlich (es war ein warmer, sonniger Frühlingstag und ich saß gern auf der Parkbank) versuchte ich, meine Wahrnehmung zu überprüfen. Gehen die Frauen tatsächlich häufiger mit gesenktem Blick als die Männer?

Tatsächlich. Die jungen Frauen gingen schnell, sahen zu Boden. Junge Stundentinnen gingen in Gruppen, wehende Haare (in Ungarn tragen die meisten jungen Frauen ihre Haare lang, glatt und seidig wie aus einer Schampoowerbung). Die Frauen in meinem Alter waren rar, manche schleppten Einkaufstüten (Plastiksackerl, wie mein Wienerherz schreit), manche schoben Kinderwägen. Viele sahen auf ihr Handy. (Männer sehen seltener auf ihr Handy, wenn sie es beim Gehen benutzen, dann telefonieren sie eher). Die älteren Frauen gingen am Arm ihres Mannes oder an seiner Seite. Sie sahen beim Treppensteigen zu Boden, danach sahen sie gerade aus. Sie ließen ihre Blicke viel eher schweifen als die jüngeren. Vielleicht, weil sie wussten: Wenn sie stolpern, fängt sie einer auf.

Die Männer hingegen sahen sich um. Die jungen Männer gingen schneller. Wenn sie die Richtung änderten (um den Baum herum nach links), senkten sie kurz den Blick. Ältere Männer verschränken ihre Finger hinter dem Rücken und ließen den Blick schweifen. Sie nahmen den Raum mit ihren Blicken ein.

Ich musste an ein Seminar denken, dass ich als Pädagogin besucht hatte. Das gute alte Klischee stimmt also doch. Noch immer sind wir Frauen diejenigen, die ausweichen.

Beim Nachhausegehen versuchte ich, den Blick nicht zu senken. Da fiel mir zweierlei auf: Ich halte meinen Kopf nicht immer gesenkt, sondern erst in dem Moment, da ein zweiter Mensch in mein Blickfeld gerät. Weder will ich in fremde Intimsphären eindringen, noch möchte ich, dass ein anderer in meine dringt. Diesmal hielt ich stand und sah die mir Entgegenkommenden direkt an. Die Frauen bekamen es nicht mit, sie sahen zu Boden, in dem Moment, als sie mich sahen. Die Männer sahen mich irritiert an. Manche drehten sich nochmals um und lächelten. Einer rief mir etwas zu, aber ich verstand ihn nicht. Andere (vor allem Männer jenseits 70) wirkten irritiert und fragen sich vielleicht, ob sie etwas aus der Nase hängen haben.

Damit, meine Leser und Leserinnen, beschäftigt sich also eine Schreibende in Residence. Wir beobachten. Der Mensch ist unser wichtigstes Material. Synagogen, Moscheen, Rathäuser und Kirchen sind nur Kulissen. Welcher Leser, welche Leserin mag es schon, wenn man die Handlung einfriert und ausführlich die Geschichte einer gotischen Kathedrale beschreibt? Aber hier, hier hättet ihr es gerne. Von einem Reisetagebuch erwartet sich jeder, die Stadt kennen zu lernen. Die Stadt mit all ihren Häusern, Museen und Sehenswürdigkeiten.

Dabei habe ich Pécs selbst nicht kennen gelernt. Um eine Stadt kennen zu lernen, musst du die Sprache können. Zumindest ein wenig. Und sei es nur ihr Klang, den du verstehst. Um eine Stadt kennen zu lernen, musst du vor allem die Menschen kennen. Ich habe sie nur mit dem Handy konserviert. Stumme, leere Bilder. Die Interpretation bleibt jedem Betrachter selbst überlassen.