Pécs-Tagebuch, 22. 3. 2016



Abermals ein neuer Tag in Pécs. Gestern Abend endlich etwas zu Ende gebracht, nach einem halben Jahr Lähmung. Heute am Morgen wieder Schreckensnachrichten. Die Welt dort draußen lebt also noch. Sie weint. Sie schreit. Sie ist in Panik. Vielleicht hatte diese alte bulgarische Wahrsagerin doch recht. In meiner Heimat schickt man Unterhosen und Socken an das Innenministerium, um Idomeni wird ein Zaun gebaut. Dazwischen Guten-Morgen-Küsse und Kaffee durch die Internetleitung, als sei nichts geschehen, als würde dieses Europa nicht gerade untergehen.

Zwischen Eilmeldungen über Bombenexplosionen noch immer die üblichen Katzenfotos. Wir kaufen Frühlingsblumen während am Brüsseler Flughafen abgetrennte Gliedmaßen weggeräumt werden. Am liebsten würde ich in den Wald ziehen. Diesen Vorschlag habe ich meiner Mutter bereits gemacht, als ich 9 war, sie hat mich ausgelacht.

Draußen heult die Polizeisirene. In Pécs klingt sie wie in New York, sagt Kelley, die mich am Wochenende besucht. Wir sitzen am Balkon, rauchen und sehen den jungen Männer dabei zu, wie sie ihre Puschi-Hunde zum Kacken auf die Wiese führen. Dass es hier viele junge Männer mit viel zu kleinen Hunden gibt, sagte ich. Endlich sehe ich auch den Dom und die Moschee von innen. Sitze in der Bankreihe, schließe die Augen und höre dem Chor zu. Katalin übersetzt die Predigt des Bischofs, er appelliert an die Gemeinde, die Herzen gegenüber jenen Menschen, die sich in Not befänden, nicht zu verschließen. Der Chor singt das Sanctus, der Text wird in blauen Buchstaben auf die gläserne Tafel projiziert. Während andere Bomben legen, essen wir Suppe mit violetten Frühlingsblumen und blinzeln in die Sonne. Immer schon war das Leben surreal. Immer schon gab es diese Gleichzeitigkeit von Normalität und Alptraum. Für manche wird der Alptraum zur Normalität. Meine Jungen fliehen vor den Bomben, jetzt reisen sie ihnen nach. Auf einem Bild weint M. vor einem Schlauchboot. Abends erzählt er mir von der Demo und der Neujahrsfeier, als gäbe es das weinende Kind nicht. Ich frage nicht nach.

Im Keller der Moschee wird ein Video gezeigt. Kelley ist fasziniert von den special effects der Sprengungen. Aus dem Glockenturm wird ein Minarett, aus dem Minarett wieder ein Glockenturm. Aus dem Kreuz ein Halbmond, aus dem Halbmond ein Kreuz. Im Moment steht das Kreuz im Mond. Ich frage mich, wie lange noch. Als wir vor der Moschee/ Stadtkirche stehen, begegnen wir jungen Menschen, die mit ihren Körpern Buchstaben formen: J-E-V. Die StudentInnen gehören verschiedenen Minderheiten an und treten gegen Diskriminierung auf. Unsere Gesprächspartnerin spricht Deutsch, ihre Großeltern waren Donauschwaben. Sie hatten damals Glück, sagt sie, sie wurden nicht nach Sibirien ins Arbeitslager geschickt. Die Geschichte ist eine permanente Wiederholung. Immer gibt es irgendwo eine unerwünschte Minderheit, die der Mehrheit ein Dorn im Auge ist. Die Angst schleicht als Gespenst durch die dunkeln Wälder der Dummheit. Noch legen sich junge Menschen auf die Stufen und strecken Arme und Beine von sich, für eine bessere, aufgeklärtere Welt, die gerade wieder dabei ist, verschluckt zu werden.

Wieso schreibst du nicht über Pécs? Du warst doch im Dom. Du warst in der Moschee, die ehemals eine Jesuitenkirche war und heute den Zisterziensern untersteht und hast ein hebräisches Lied für deine Freundin gesungen. Warum schreibst du nicht darüber?

In Deutschland unterstellen ein paar Verschwörungstheoretiker der Kanzlerin, durch Aufklärungsbroschüren bewusst die weiße Rasse ausrotten zu wollen. Wenn mich meine afghanischen Jungs nach der christlichen Religion fragen, beginne ich nicht mit dem neuen Testament sondern erzähle von Sarah und Hagar.

Und Gott?

Immer habe ich mir drei rauschebärtige Herren vorgestellt. Alle sehen sie gleich aus, nur die Kopfbedeckungen sind unterschiedliche. Vor ihnen liegt ein bunter Spielpan, rote, schwarze und gelbe Figuren darauf. Einer zieht eine Aktionskarte. Die Farben wechseln einander ab, einmal ist das Spielfeld mehrheitlich rot, dann wieder gelb, dann schwarz. Wir sind nicht mehr als die Plastikfiguren, die das Feld bevölkern. Unser Schicksal kann von einer einzigen Aktionskarte abhängen.


Die PécserInnen gehen mit den geweihten Palmkätzchen nach Hause, in meiner Facebook-Timeline nehmen die Ostereier zu. Ich küsse meine Freundin zum Abschied und winke ihr nach. In einer Woche werde ich wieder in den Zug steigen. Bis dahin sollte ich noch an meinem Roman arbeiten. Eine Woche ist nicht lang, denke ich. Der Newsfeed ist anderer Meinung, stündlich spuckt er eine Eilmeldung aus und quetscht sie zwischen Harmlosigkeiten.

Die Götter sitzen oben, trinken Nektar und machen Mittagspause. Das Spiel hat sich verselbständigt. Sie diskutieren. Ob sie die Welt nochmals fluten sollen? Gott 2 zuckt mit den Schultern. Wozu? Hat das letzte Mal auch nichts gebracht. Gott 1 wechselt den Kanal. Grüne Männchen mit Hörnchen drauf, zwischen ihnen furzt Louis de Funès. Die Götter lehnen sich in ihren Schaukelstühlen zurück und stellen fest, dass sie alt werden.