Pécs-Tagebuch, 22./23.3.


Feinstaub und Blütenpollen sind eine wunderbare Mischung. Vor allem, wenn einem der Cortisonspray am Asphalt zerbricht. Gott sei Dank gibt es noch die kleinen Pulverchen von Bayer. Es lebe die Pharmaindustrie!

Aber du schwärmst doch so für den Polski Fiat!, raunt ein Bekannter in meinem Innenohr, da darfst du dich über den Feinstaub nicht beschweren! In Ungarn wird nicht einmal Müll getrennt. Obwohl ich mich sowieso schon die längste Zeit frage, welchen Sinn es macht, zuerst Unmengen an Plastik zu produzieren, nur um diese dann in einem Extrakübel zu entsorgen. Auch wird der Mensch seine industrielle Revolution nicht vergessen. Es wird nicht reichen, die Schaufensterbeleuchtung für einen Tag abzudrehen. Es reicht auch nicht, einen autofreien Tag einzuführen. Und schon gar nichts bringt es, jeden Tag 2 Plastikflaschen in den Plastikmüll zu werfen.

In Graz gibt es jetzt eine Greißlerei, in der man grammweise einkaufen kann. Eine schöne Idee, Hofer und Billa werden dennoch in Plastik eingeschweißte Lebensmittel verkaufen. Die Fabriken werden weiterhin ihre Chemie in die Flüsse leiten und schwarze Rauchschwaden produzieren, der Stromverbrauch wird weiterhin ansteigen, die Kühe werden in Massentierhaltungen furzen und die Menschen werden sich an ihre Lungenprobleme gewöhnen und Medikamente schlucken, die wiederum die Pharmaindustrie noch reicher machen.

Als ich nach Hause komme, werfe ich ein weißes Pulver ein, hole mir Klopapier und wünsche mich auf die Alm oberhalb der Laubbaumgrenze. Immerhin, das Hochhaus habe ich gesehen. 25 Stockwerke und seit 27 Jahren unbewohnbar. Möchte gerne wissen, was dem Architekten passiert ist. Hat man ihn nach Sibirien geschickt? Noch steht das tote Haus in der Gegend herum, der ö. Writer in Residence wird es im März 2017 vielleicht nicht mehr sehen. Jahrelang haben sie das Trumm nicht abgerissen (zu teuer!), jetzt stehen Kräne und klettern Männer in Overalls auf den Balkonen herum.

Auf der Online Seite des Standard finde ich Fians Nachrichten aus einem toten Hochhaus. So eines gäbe es nicht, sagt die Reiseführerin, hätte es nie gegeben (so ein Schwachsinn, ein leer stehendes Hochhaus in Pécs!) - nur Fian hört Stimmen flüstern. Ich höre ein Hämmern. Nachdem ich Fians Tagebuch gelesen habe, verstehe ich, warum die Passanten so seltsam geschaut haben, als ich hochblickte und meine Handykamera zückte. Sie blickten ebenfalls hoch, sahen drein, als blickten sie ins Leere, sahen daraufhin fragend auf mich und gingen weiter. Vielleicht ist das Hochhaus tatsächlich ein Gerücht, das sich unter uns Pécs-Schreibern verbreitet, vielleicht sehen wir immer nur Dinge, die uns von unseren Vorgängern einredet werden. Aber K.M. hat es doch auch gesehen, wispert mein Verstand und gibt mir eine Kopfnuss. K.M., entgegne ich, ist einer von uns. Er ist kein echter Pécser mehr - immerhin wurde er ins Österreichische (!!) übersetzt und er fährt im Urlaub nach Murau. Welcher echte Pécser fährt nach Murau?


Tags darauf dann nach Villány. Die Fässer sind aus Plastik. Der Rotwein gewinnt seine Farbe durch die Schale, so auch der Rosé. Die Männer, die die Weine bewerten (was darf aufs Etikett), haben keine Ahnung vom Weinbau, dafür haben sie studiert. Als ob man Geschmack studieren könnte. Das ist wie mit der Germanistik.

Wieso war ich als Kind nie in einem Weinkeller? Der Urgroßvater, der saß davor, Holzbank, Holztisch, Glaserl und grüne Flasche. Die Onkel und Tanten alle im Heurigenbetrieb. Die mit Kraut gefüllten Paprika und das Himbeerkracherl Teil meiner Kindheit. Die Schweinderl, die es anfangs noch gab, dann, später den neuen Wachhund, der hing nicht mehr an der Kette. Den Maisschober. Aber nie, nie ging ich in den Weinkeller. Den Hauswein stellte man mir hin, der schmeckte mir nicht. Mit der Mutter stritt ich, ob Himbeer- oder Zitronenkracherl.

Wir sitzen um den Tisch, löffeln Hühnersuppe (aus Deutschland importiertes Bresse-Huhn, aus logistischen Gründen). Grünes und Kräuter aus dem Garten, mit Zitrone, Kernöl und selbst gepresstem Walnussöl. Salzflocken aus England, die kannst du so in den Mund stecken.

Hárslevelü, Rosé, Portugieser, Cabernet, Merlot ... Dazu Linseneintopf - die Kolbass färben Gemüse und Suppe rot. Ich lasse die Augen schweifen, der Raum ist ein Gemälde. Horst Hummel erzählt von seiner Familie - Donauschwaben, die nach Graz flüchteten (und sich dort kennen lernten). Weiter ging es nach Reutlingen. Warum? Weil Reutlingen die Donauschwaben "übernahm". In einem "Flüchtlingsghetto" dann das Gymnasium. Wir hatten alle einen interessanten Background, sagt Hummel. Und dass der Uhrturm in Vaters Aschenbecher stand.

Ich muss an eine Kollegin denken, die einen Roman über Gottschee schreibt. Migrationsbewegungen sind nichts Neues.

Von der Donau kommen wir zum Verdauungstrakt – von diesem auf die unzähligen Tierchen, die für das Gleichgewicht unserer Darmflora und in Folge für unser seelisches Wohlbefinden sorgen. Fremde DNA ist also verantwortlich für unsere Gesundheit, sagt Hummel. Schlucken die Nationalisten öfters Antibiotika als andere? Desinfizieren sie ihre Küchen mit Danchlor? Sprühen sie täglich Febreze? Dass man einmal überprüfen sollte, ob die Angst vor Bakterien in nationalistischen Kreisen höher ist. Die patriotische Hausfrau putzt die fremden Fußspuren weg, Schuhe bitte an der Tür ausziehen! Gekocht wird, was dem Mann vertraut ist, denn was Fremdes kommt ihm nicht in den Magen - danach wird die Küche wieder auf Hochglanz poliert, damit sich nichts einnistet in den Fugen.

Das Tannin setzt sich in meinen Nebenhöhlen ab. Tannin und Histamin sind meine natürlichen Feinde. Zum Morgenkaffee also wieder ein weißes Pulver. Mein Körper ist mir schon die längste Zeit zu fremdenfeindlich. Vielleicht aber ist es auch umgekehrt, immerhin machen mir heimisches Obst und Pollen mehr Probleme als Passionsfrüchte, Orangen und Orchideen. Vielleicht aber wurde in den 80ern einfach zu viel geputzt.


Der Wein von Horst Hummel ist übrigens ein Gedicht. Oder nein: Er ist wie gute Prosa. Und nach Villány zu fahren hat noch nie geschadet. Nebst Wein lässt sich dort im Sommer übrigens auch viel Kultur genießen. Und einen Radweg habe ich auch gesehen.