Pécs-Tagebuch, 25.3.2016



Sie entschuldigt sich für ihr miserables Deutsch ohne einen einzigen grammatikalischen Fehler zu machen. Ihr Zopf eine Mischung aus aschblond und mausgrau, mit strahlenden Augen japst sie, vor ein paar Monaten Oma geworden zu sein. Sie ringt nach dem Genetiv: Das Kind meines Sohnes. Jeder Satz wohl überlegt, im Zeitlupentempo ausgesprochen. Immer wieder erklärt sie mir die Bedeutung der Beschriftungen auf den Regalen, obwohl sie in meiner Sprache verfasst sind. Sie ist stolz darauf, hier zu arbeiten, Wissenschaftlerin sei sie halt keine, sagt sie. Ich zucke mit den Achseln, ich auch nicht, sage ich. Das dürfen Sie auch gar nicht sein, empört sie sich. Ihre Aufgabe ist es doch, zu leben! Das sei nicht vielen gegeben, die Begabung zur Schriftstellerei. Was würden denn die Menschen ohne die Autoren machen, sagt sie und ahnt nichts von meinen düsteren Gedanken.

Wie es mir gehe, hier in Pécs, fragt sie. Ob ich zum Arbeiten komme. Es rutscht mir raus. Oh ja, es lebt sich gut hinterm Zaun, hier kann ich mich ohne schlechtes Gewissen dem Schreiben widmen. Die Frau nickt zustimmend mit dem Kopf. Das sei schon gut, dass Zäune hochgezogen werden. Ihre Politiker, sagt sie, sind jetzt auch endlich vernünftig geworden.

Sie führt mich um die Regale herum, dass ich anderer Meinung bin, interessiert sie nicht. Stolz zeigt sie auf die Bücher und Zeitschriften. Zum Abschied wünscht sie mir ein schönes Osterfest. Als ich sage, dass ich Ostern normalerweise nicht feiere, mir jedoch überlege, der Prozession beizuwohnen, sieht mich betroffen an. Sie warte bereits auf ihren Mann, jetzt ginge es hoch auf den Kalvarienberg. Jedes Jahr gehe es am Karfreitag rauf auf den Kalvarienberg. Ich überlege kurz und beschließe, dass ich nach Hause will. Am Weg noch die Fahrkarte kaufen, es ist ohnehin schon später als geplant.

Ich verlasse das Gebäude und gehe zurück durch die Stadt. Kaufe ein, gerade noch rechtzeitig fällt mir ein, dass die Supermärkte auch Montag geschlossen haben werden. Ich verschiebe den Ticketkauf auf morgen. Im Appartement koche ich Huhn in Paprikasauce mit Fisolen und Wurzelgemüse. Zum Essen die Nachrichten von gestern. In der ZIB zeigen sie Bilder vom Papst, der am Gründonnerstag die Füße der Flüchtlinge wusch. Ich frage mich, ob die Frau es gesehen hat. Was sie wohl davon hält. Jesus war unerwünscht. In einem Stall geboren, schließlich gefoltert und gekreuzigt. Wir sind süchtig nach Bildern des Leids. Immer habe ich mich gefragt, warum im Herrgottswinkel kein Bild der Auferstehung hängt.

Ich schalte zu den Nachrichten des heutigen Tages. In den Philippinen lassen sich wieder ein paar ans Kreuz nageln. Ich muss an H.s Witz denken. Vielleicht ist der Papst gar kein guter Katholik, denke ich. Aber Jesus hätte wohl seine Freude mit ihm.