Pécs-Tagebuch, 27.3. 2016, Teil II



Zur innerstädtischen Pfarrkirche, um zu schauen, was sich am Ostersonntag tut. Rechtzeitig fällt mir der Schriftsteller wieder ein. Ob er heute auch in der Király utca steht? Tatsächlich. Als er in meine Richtung sieht, senke ich den Kopf. Ein Mann nähert sich dem Tisch, geschwind biege ich um die Ecke.

Manchmal wünsche ich mir einen Tarnumhang. Ich wechsle dreimal die Gehsteigseite, um großräumig auszuweichen.

Ilija Trojanow schreibt in der Zeit vom richtigen Spazierengehen. Dies müsse ohne Ziel stattfinden, im richtigen Tempo, man solle aufmerksam sein, nicht plaudern. Demnach bin ich die perfekte Spaziergängerin. Vielleicht aber leidet Trojanow unter der selben Krankheit wie ich und macht nun einen Kult daraus, gibt Seminare. Zurück zur ziellosen Langsamkeit. Vielleicht sollte ich auch Spaziergehseminare geben. Das Problem dabei ist bloß: In dem Moment, in dem du den Seminarteilnehmern erklären musst, dass sie gefälligst nicht alles durch ihre Objektive sehen und vor allem einmal den Mund halten sollen, gehst du selbst nicht mehr richtig.

Vor den Toren der Kirche Menschen. Orgelklänge dringen nach draußen. Ich gehe weiter zur Synagoge. Spähe kurz hinein, wieder habe ich keine Lust, hineinzugehen.

Nach einer kurzen Runde wieder nach Hause. Draußen ist es noch immer bedeckt und kühl, nachmittags soll es schöner werden. Ich koche das Mittagessen und schicke Bilder vom Osterhasen an die Jungs. Ob sie Eier gesucht hätten? A. schreibt, das Fest sei schon am Freitag gewesen. Vorige Woche habe ich ihm den Karfreitag und den Ostersonntag via Messenger erklärt - in deutscher Sprache. Ich wiederhole meine Ausführungen auf Englisch, erzähle von der Kreuzigung und der Auferstehung und ihrer Bedeutung für das Christentum. Wow, schreibt A., das sei schön. Er habe seine Schokolade schon am Freitag bekommen und geglaubt, Ostern sei vorbei.

Meine Mutter erzählte mir, bei einer Befragung österreichischer Jungendlicher hätte ein sehr hoher Prozentsatz nicht gewusst, was zu Ostern gefeiert wird. Sogar bei Weihnachten waren sich einige nicht sicher.

A. ist Schiit und möchte alles über die Geschichte und die Kultur seines neuen Landes wissen. Ich höre die Stimme einer Gesprächspartnerin von neulich: Aber das ist dein Junge, die meisten sind nicht so. Woher sie das wissen wolle, fragte ich.

In Österreich kursieren neuerdings Schlagworte wie „Werteschulung“ und „christliches Abendland“. Ich sitze allein in meinem Pécser Appartement und halte mich nicht an die Tradition des Familienfestes. Eine Bekannte aus Banja Luka schickt mir Ostergrüße, sie selbst feiert als Orthodoxe erst Anfang Mai. Meine Familie ist nicht gläubig, wir alle sind aus der Kirche ausgetreten. Dabei mag ich diesen Jesus. Meine Jungs mögen ihn auch, M. liebt den kitschigen Christusfilm in persischer Sprache.

Wenn von christlichen Werten gesprochen wird, sollten sich die Redner daran erinnern, wie diese eigentlich aussehen. Ich denke an die Bergpredigt. Noch immer stecken 11.600 Menschen in Idomeni fest. Heute wäre Jesus Linksaktivist.