Pécs-Tagebuch, 27.3.2016, Teil I



Liebe F.,

heute habe ich von Dir geträumt - bzw. vom ganzen WJC. Ihr wart in Graz! Nein, nicht in der Synagoge, sondern in einem riesigen, vergoldeten Konzertsaal mit roten Samtsesseln. Mitten im Publikum saßen wir mit dicken, roten Ordnern, um uns vorzubereiten. Keine Ahnung, warum unsere Mappen rot waren, sie passten gut zu dem Samt. Du hast mich erbost angesehen. Ob das Gerücht stimme, dass ich mitsingen wolle. So eine Schnapsidee, ich hätte seit Jahren kein Konzert mehr gesungen! Du öffnetest deine Mappe, tatsächlich war mir gleich das erste Lied unbekannt. Lächerliche 4 neue Lieder, winkte R. ab, als du mich zu ihm schlepptest. Beweg die Lippen, das fällt niemandem auf!

Ich fragte mich, ob meine Tanten kommen würden, wenn es bloß vier neue Lieder gab. Warum ich mich dann tatsächlich gegen das Singen entschied? Ich hätte keinen einzigen Text mehr auswendig gekonnt.

Ihr kamt durch den Seiteneingang (roter Samtvorhang), gesungen habt ihr nicht. Stattdessen kam Emma Watson auf der Bühne, hinter einem Stehpult summte sie Nigunim. Anschließend nahm sie neben mir Platz. Was sie in Graz macht? Sie lebt dort, aber ja! Sie hat ihren alten Job als Lehrkraft wieder aufgenommen, so viel hätte sie mit den Harry-Potter-Filmen nun auch wieder nicht verdient, sie sei ja nur die Nebenrolle gewesen.

Ich folgte ihr nach. Katakomben unter dem Konzertsaal. Die Damen zogen sich gerade um, die Männer saßen bei Rotwein und Hendlhaxen an langen Heurigentischen. Emma zog mich zu R. Unser Chorleiter ist mit der Watson verheiratet! Warum die Watson den Schäferhund meines Ex an der Leine hatte, weiß ich allerdings nicht. Der Hund müsste mittlerweile tot sein, Züchtungen werden selten alt. Woher dann auch noch Sven aus dem Norden kam, der sich als Bruder der Watson ausgab, weiß ich noch weniger. Die meisten Menschen kämen ja aus Schweden, sagte die Watson und lachte schallend. Der Hund meines Ex gehörte Sven. Er (der Hund) tat mir leid, ich vertraue aalglatten, blonden Männern mit Föhnwelle nicht. P. und G. setzten sich zu uns an den Tisch und schnorrten Zigaretten, R. strich dem Hund übers Fell, die Watson sah mir in die Augen. Dass wir uns von nun an öfter in Graz treffen könnten, sagte sie. Gerne, sagte ich, aber es gäbe keine richtigen Kaffeehäuser in Graz.

Ich wache von meinem eigenen Lachen auf. Es ist 10 vor 5. Gut, denke ich, heute Nacht wurden ohnehin die Uhren gestellt. Gestern war ich unproduktiv, wieso nicht heute mit dem vorletzten Tagebucheintrag beginnen?

Du willst deinen Traum niederschreiben, fragst Du? Aber ja, liebe F. Was glaubst du denn, woher wir den ganzen Schwachsinn nehmen, den wir schreiben. Ein Schriftstellerleben ist ja per se ein recht langweiliges. Wir sitzen hinter unseren Schreibtischen und tun so, als hätten wir eine Ahnung vom Leben, dabei meiden wir die echte Welt nur zu gerne. Da wir diese aber brauchen, setzt sich jedes Körnchen Erlebtes in unseren Gehirnwindungen fest. Die Träume sind nichts anderes als ein Kaleidoskop, das mit wenigen, bunten Splittern auskommen muss. Mit unseren Romanen verhält es sich nicht anders.

Bei einer Tasse Kaffee nehme ich das Kinderspielzeug und lege mich auf die Couch. Setze mich auf den Stuhl daneben und paffe eine Pfeife.

- Aha, aha, wie interessant. Sehen Sie, da haben wir es! Der Wiener Jüdische Chor hat also tatsächlich in Graz gesungen, während Sie hier in Pécs waren?

- Ja, antwortete ich meinem 2. Ich. V. hat mir ein sms geschrieben, ob ich mit ihr zum Konzert gehen wolle, aber ich war ja hier.

- Wer ist V?, fragt das (Über?-)Ich.

Also erzähle ich von V., die einmal im Chor gesungen hat und ebenfalls nach Graz gezogen ist.

- Da haben Sie Ihre Emma Watson!, ruft das (Über?-)Ich, hält seinen Kugelschreiber in die Höhe und pafft begeistert ein paar Rauchwolken in die Luft. Ich finde, dass die Watson und V. so gut wie nichts gemein haben und erinnere daran, dass man hier drinnen eigentlich nicht rauchen darf. Mein zweites Ich, das eindeutig nicht mein Über-Ich sein kann (sonst würde es auf den Balkon gehen), ignoriert mich.

- Sie wünschen Sich also wieder auf die Bühne?

- Aber nein, sage ich. Muss wohl daran liegen, das ich neulich per Facebook-Kommentar von T. gefragt wurde, wann ich denn wieder zum Singen käme.

- Aber Sie haben in der Pfarrkirche Jerusalem of Gold gesungen, sieht mich Ich 2 ob meiner Lüge (wie es mir unterstellt) strafend an. Ich sehe und höre alles!

Ich winde mich. K. habe mich gebeten, also hätte ich gesungen, ja. In der Kirche sei ja niemand gewesen außer K., ihren beiden Freunden und mir.

- Aber warum ausgerechnet ein jüdisches Lied in einer Zisterzienserkirche, die noch dazu einmal eine Moschee gewesen ist? Haben Sie denn gar keinen Respekt vor den Religionen?

Ich 2, aha, das katholische Über-Ich also, denke ich. Heute feiert es seine Auferstehung und pafft mir die Bude voll.

Mir sei eben kein anderes Lied eingefallen, rechtfertige ich mich und singe: Yerushalayim shel zahav!

- Schluss jetzt, wettert mein katholisches Über-Ich, Sie können ja gar nicht mehr singen! Und den Text beherrschen Sie auch nicht, ich habe Ihnen in der Kirche zugehört. Ist ja jetzt mein Haus, nicht wahr? Die erste halbe Strophe haben Sie noch zusammengebracht und dann zweimal den Refrain singen müssen, eine erbärmliche Vorstellung war das!

- K. hat es gefallen, maule ich. Aber, sag mal, Gott - denn das bist du ja wohl, wenn die innerstädtische Pfarrkirche dein Haus ist. Was hatte der schwarze Hund meines Exfreundes neben der Watson zu suchen?

Da Gott auf alles eine Antwort weiß, rollt er die Zeit vor mir auf. Und tatsächlich, da taucht er auf, der pelzige Gefährte. Außerdem hast du gestern Abend am Balkon dumme Vergleiche angestellt, grinst Gott. Deswegen der Schäferhund, siehst du?

Ich stehe von der Couch auf, werfe das paffende katholische Über-Ich aus der Wohnung (dieser elende Besserwisser!) und versprühe Rosenduft. In Pécs wachen die Leute langsam auf. Vielleicht aber gehen sie auch erst schlafen (die jungen Männer mit den Puschi-Hunden). Die Hausfrauen sehe ich hier nie. Seit gestern rieche ich sie allerdings, das ganze Haus ist eine große, feuchte Wolke aus Geselchtem. Laut neuer Zeitrechnung ist es jetzt 7 vor 7. Zu spät, um wieder schlafen zu gehen.

(Foto © WJC)