"postmodern Shakespeare with monsters"


Tagesnotiz – 3.5.-7.5.2019

Ich habe zuviel Geld fürs Taxi gezahlt und mir seine simCard für Touristen andrehen lassen. Schreibe ich dir, fünf Stunden nach Ankunft. Du hast jetzt den Messenger, ich habe ihn dir installiert, auf meinem alten Handy. Mein neues Handy klingelt öfters als mein altes, hier kommuniziert man über Viber, eine billige Internet SimCard hätte also ausgereicht.

Du schickst mir Fotos, das Wohnzimmerfenster unserer neuen Wohnung ist verwittert, der Rahmen so morsch, dass man es wird austauschen müssen. Tags darauf, irgendwo zwischen Park, Bus und österr. Botschaft schreibe ich an die Hausverwaltung, dann stülpe ich mir die Regenpelerine über den Kopf, damit das Objektiv meines Fotoapparats nicht nass wird.

Mein Freund ist ebenfalls Fotograf, sagt S., als ich meine Kamera auspacke. Ich sage, dass das auch nicht passe, eine Canon allein reiche nicht aus, um gute Fotos zu machen.

Wir sitzen in Moskau, das aussieht wie Wien. Rote Samtsessel und Monarchie – ich schicke S. das erste Kapitel meines ersten Romans.

Am Abend dann setze ich mich auf ein Sofa und schaue eine Sendung, von der ich zwar schon oft gehört habe, die ich jedoch nicht kenne. Pathetic!, jammert D., um mir zu beweisen, dass er keiner von denen ist, die sowas normalerweise schauen. Aber es habe was von Shakespeare. Postmodern Shakespeare with monsters, sagt er, sein Englisch ist ein bisschen too overexegerated. D. kommentiert jedes Szene, die anderen lesen genervt die Untertitel, denn vom Originalton ist nichts mehr zu hören. »Sch«, zischt man rund um mich und heizt D. damit erst recht an.

Wir rauchen und trinken Bier, und als wir wieder fahren, ist D. enttäuscht.

Mein Handy klingelt, als wir im Auto sitzen. Alle paar Sekunden ein Ton, man schickt mir via Viber und Facebook-Messenger Kuss-Smileys, Rosen und Herzchen, ich versuche, dementsprechend zu antworten. Manchmal komme ich nicht nach, ich bin zu langsam, finde die Buchstaben und Emoticons nicht schnell genug.

*

Auf dem Couchtisch liegt das Buch, das ich bis übermorgen rezensieren soll. Von oben bläst warme Luft des Ventilators auf meine nassen Haare. Das habe ich mir von D. abgeschaut, hier dreht man den Ventilator auf volle Hitze, weil die Fernwärme im Mai keine Wärme liefert. In meinem Fall sind es 30 Grad, die auf mich herabströmen.

Nachdem die Techniker das W-Lan in Gang gebracht haben, setze mich an den Laptop und frage mich, ob ich in Serbien mit dem Rauchen beginnen und danach wieder aufhören soll (so richtig, mit eigener Zigarettenpackung. Ich werde das später entscheiden, am Weg zur evangelischen Kirche, wohin man mich gestern zu einer Lesung eingeladen hat, die ich nicht verstehen werde.)

Nach fünf Stunden Arbeit kommt hinter den Scheiben die Sonne zwischen den Wolkenschlieren hervor. Übermorgen wird sie wieder hinter dicken Regenwolken verschwinden, und auch jetzt ist es zu spät, um ein paar Strahlen abzubekommen. Ich checke die Wettervorhersage, etwas, das ich zu Hause nie tue.

Vreme Pančevo tippe ich in das Google Suchfeld.

Die Sonne macht mir ein schlechtes Gewissen, ich sollte raus, was tun, die Fremde erobern, heute Abend wird man mich danach fragen, aber da liegt das Buch auf dem Tisch. Man wird mir in meiner Funktion als Autorin nicht vorwerfen, wenn ich sage: Ich habe ein Literaturmagazin gesetzt, geschrieben und gelesen.

Davor werde ich in die warmen Socken schlüpfen, eine Tasse Nescafé (natürlich, ich hätte mir auch eine Džesva kaufen, gleich gegenüber gibt es welche, aber manchmal braucht es einen Stilbruch).

Mein Messenger blinkt. Eine weitere Autorin, die ich heute kennenlerne, fragt, wann und wo wir uns treffen. Ich denke an das Buch auf dem Couchtisch und ahne, dass ich es auf morgen verschieben werde.