Belgrad bei Regen


Tagesnotiz – 9.5.2019

Und wieder empfängt mich die Stadt mit Regen.

S. führt mich in die alten serbischen Restaurants und Kaffeehäuser, die Stadt erscheint mir hier wie ein Klischee von Wien.

An den Hauswänden draußen Photos alter deutscher Schulklassen, irgendwo in Dorćol, auf dem Weg zur Universität. S. macht sich Sorgen, es regnet und ich werde während der Vorlesung, die sie besucht, 40 Minuten alleine sein, das verträgt sich nicht mit ihrer Verantwortung als Gastgeberin. Ich beruhige sie, 40 Minuten seien nicht lang, sage ich, auch sei der Regen kein Hindernis, im Regen könne man schöne Fotos machen, außerdem müsse ich mir ein wenig die Füße vertreten zwischen dem einen und dem anderen Kaffee, ich würde sie dann abholen.

Ich ziehe die Pelerine aus meinem Rucksack und verschwinde unter der violetten Plastikhaut. S. bietet mir ihren Knirps an, den habe sie aus Wien, sagt sie, ich schüttle den Kopf - mit Schirmen könne man den Fotoapparat nicht halten. Später dann, als sie in der Vorlesung sitzt und der Himmel sich über die Knez Mihailova ergießt, bereue ich es, den Knirps nicht genommen zu haben. Das Wasser rinnt mir vom Plastik auf die Jeans, meine Füße stehen im Wasser.

Wieder zu Hause sage ich zwei schwarzen Riesenschaben Guten Tag, geleite sie nach draußen, schlüpfe aus den nassen Schuhen und stelle fest, dass ich trotz der dicken Frotteesocken knallrote Füße habe.

Gweichte Füß, würd die Tante Mizzi sagen, so wie sie von der Kirche immer mit den gweichten Eiern in Rot und Violett gekommen ist.( Als Kind habe ich mich gefragt, warum die gweichten Eier hart sind, jedes Mal war das eine Enttäuschung.)

Ich rufe über den Messenger nach Österreich an und rubble mir die Farbe von der Haut. H. erzählt vom Klo in unserer neuen Wohnung, das rinnt, sagt er, vielleicht gehört die Dichtung erneuert, und dass man dann das ganze Klo wird auseinandernehmen müssen. In Graz regne es ebenfalls, fährt er fort, aber die Heizung spende Wärme, anders als in unserer alten Wohnung, wo sie die Hausheizung sogar bei Minusgraden gedrosselt haben. Ich lege auf und

schicke S. ein Foto von meinen gweichten Zehen, sie lacht mittels zweier sich wiederholender Großbuchstaben. Wir schreiben noch eine Weile über den Messenger, ich setze mich auf den Balkon und rauche und bereue, wieder damit angefangen zu haben.

Draußen lassen junge Männer ihre Rufe durch die Gassen springen, ich folge ihnen mit meinem linken Ohr bis sie um die Ecke biegen. Dann schließe ich die Balkontür, stelle mich unter die Dusche und schlüpfe mit blassrosa Füßen unter drei Decken.