altes Belgrader Schuhhandwerk

(Besuch bei Vasa, dem alten Schuhmacher, am 31. 5. 2019)


Ich habe Snežana, die Schuhdesignerin, wiedergetroffen. Im Café Kokoschka, an einem jener Nachmittage, die es uns erlaubten, unter einem der Sonnenschirme Platz zu nehmen. Dort erzählte sie mir vom alten Vasa, dessen Hinterzimmer sie ein paar Jahre genutzt habe, von seiner besiegter Krankheit und seinem uneingeschränkten Lebenswillen. Vor allem aber erzählte sie von den Schuhe, die er unaufhörlich sammle und die sich ausbreiten wie das All. Dass sie eine Zeitlang geglaubt habe, es würde riechen, drei Monate lang zu sortieren, alles in Schachteln zu bannen und die Wände weiß zu bemalen, um Ordnung zu schaffen – wenn schon nicht für immer, so doch zumindest für die nächsten Jahre.

Heute, nur zwei Jahre nach ihrem Versuch, Platz zu schaffen, sehe es in Vasas Räumlichkeiten schlimmer wie denn je. Snežana seufzt und lächelt zugleich. Vasa ist und bleibt ein sammelnder Chaot, die ganze Arbeit sei umsonst gewesen.

Hast du Lust, Vasas Geschäft zu besuchen, fragt sie mich. Das könnte interessant für dich sein.


*


Eine Woche später, nach meiner Rückkehr aus Salzburg, nehmen wir das Linientaxi nach Belgrad.. Auf der anderen Seite der Donau steigen wir in den Sechzehnerund fahren zwei Stationen, dann wechseln die Linie. Bevor wir den Weg zu Vasas Geschäft nehmen, erklärt mir Snežana noch schnell den Weg zum Omnibus, der mich nach unserem Besuch zum Haus der Blumen bringen soll.


Ein kleines Geschäft, dahinter ein Raum. Ich stelle mir vor, wie eine etwas jüngere Ausgabe von Snežana hier sitzt, eingeklemmt zwischen all dem Leder. Vom Verkaufsraum dringt Lachen herüber. Vasa bekommt oft Besuch, von den verschiedensten Leuten, Snežana näht und jagt Gesprächsfetzen nach.

Manchmal ist Vasa hinterher zu mir gekommen und hat mich gefragt, ob ich alles gehört habe, erzählt sie mir. Du kannst dir gar nicht vorstellen, was ich da alles gehört habe, es sind ja hauptsächlich Männer gekommen. Alte und junge, viele Künstler waren darunter. Und natürlich hat keiner geahnt, dass hinten eine junge Frau sitzt.


Ich fotografiere. Gesten noch habe mir das sich unentwegt ausbreitende Chaos aus Schuhen nicht vorstellen können, jetzt habe ich ich es direkt vor Augen. Ich schreite den kleinen Raum ab und richte das Objektiv in alle Ecken. Die Schuhe sehen aus, als hätte man alle Altkleidercontainer der Stadt entleert und den Stoff aussortiert. Alles, was an Schuhen übrig blieb, einzeln oder in Paaren, hat man in diese beiden kleinen Räume geschlichtet.





Vasa empfängt mich mit einem neugierigen Lächeln. Ob ich Journalistin sei? Oder Fotografin? Erst letzte Woche sei ein Fotograf hier gewesen. Ob ich ihn kenne?

Nein, sagt Snežana, woher soll sie ihn kennen? Abermals höre ich sie meinen Namen sagen und anschließend das serbische Wort für Schriftstellerin.



Vasa nickt. Aha, aha, sagt er, seine schmalen Augen funkeln mich unentwegt an. Er kichert, winkt mich nach hinten, in seine Privaträumlichkeiten. Greift in die Lade, holt einen gelben Schokoriegel hervor und drückt ihn mir in die Hand. Dann kramt er weiter, seine Finger verschwinden tief in der Lade.

Er sucht nach einem Geschenk, erklärt Snežana.

Ich bekomme ein Paar Miniatur-Opanke in die Hand gedrückt. Die habe er selbst gemacht, übersetzt Snežana.

Vasa und ich lächellen einander an, ich binde mir die Schuhe ins Knopfloch meiner Jacke und bedanke mich.


Der alte Schuster holt einen in Leder eingefassten Spiegel, sein Hochzeitsgeschenk an seine Frau. Zum Aufschnüren, erklärt er, man soll nicht alle Tage in einen so besonderen Spiegel schauen.




Wollt ihr nicht hinüberkommen, in meine Wohnung, wir können einen Rakija gemeinsam trinken, schlägt er vor, doch Snežana lehnt ab, sie wird es mir später verraten. Wenn wir ihm gefolgt wären, hätten wir den Tag vergessen können.

Wir beide haben etwas vor, Snežana muss zu einer Besprechung, ich möchte mir Titos Grab und das Museum mit den Geschenken ansehen, wenn ich mir sonst schon nichts angeschaut habe in Belgrad, in keiner einzigen Galerie, keiner einzigen Kirche war.


Vasa zeigt mir alte Fotos und kramt Zeitungsartikeln hervor. Früher sei er viel herumgekommen, erzählt er. Snežana, die alles schon einmal (oder auch hundertmal) gehört hat, beginnt mit dem Übersetzen, bevor Vasa seine Sätze fertig gesprochen hat.

Du kannst ja Englisch!, ruft er , warum hast du denn vor den Kunden immer so getan, als könntest du die Sprache nicht?




Er zeigt mir ein Bild des größten Schuhs (Größe 58), den er je angefertigt habe. Und die Diplomaten, die seien auch alle bei ihm ein und ausgegangen. Auch die österreichische Botschaft ist nicht weit, sagt er.

Geht ihr in Österreich noch zum Schuster? Lasst ihr eure Schuhe noch richten?


Weißt du, sagt Snežana, Vasa hatte viele Berufe.

Schuhputzer, Journalist. Geheimdienstler. Ein bewegtes Leben. Vasa nickt, aber ja. Ein bewegtes Leben. Und viele Frauen!

Heute ist er Vorsitzender irgendeines Ritterordens.




Vor der Scheibe steht eine Kundin, sie ist auf der Suche nach einer Tasche. Als Vasa sie hereinruft, wehrt sie ab, tut eilig. Vasas Laden ist ein schwarzes Loch, wen es hier herein verschlägt, dem verschlingt es die Zeit.


Auch Snežana und ich verabschieden uns. Vasa und ich drücken einander die Hände. Komm wieder, sagt Vasa, in zwanzig Jahren, dann bin ich 108. Er grinst. Dann wird er ernst, sieht mich an, sagt etwas zu Snežana, kann es nicht erwarten, dass sie den Satz für mich übersetzt.

If you ever meet a man, don't let him rule over you.




Ich verlasse das Geschäft, Snežana erklärt mir noch einmal den Weg zum Omnibus. Die Straße etwa sieben Minuten hinunter, dann an der großen Straße nach links.

Ich löse die Schuhe vom Knopfloch meiner Jacke und binde sie an meine Tasche. Dann verstaue ich meine Kamera im Rucksack und spanne den Regenschirm auf. Für das Haus der Blumen bleiben mir noch zwei Stunden Zeit.


*


Als ich keine vier Stunden nach Verlassen von Vasas Geschäft auf einem der Sessel im Jugendzentrum Platz nehme und die SchauspielerInnen Kartons voll alter Schuhe auf die Bühne leeren, beginne ich zu kichern. Zücke mein Handy, nehme ein schnelles Foto auf und schreibe an Snežana. Ob Vasa diese Schuhe gespendet hat?



Heißer Tipp:

Snežana Krejić ist Schuhdesignerin. Sie erfüllt jeden noch so persönlichen Geschmack, je ausgefallener der Wunsch, desto lieber ist ihr ein Auftrag.

Ihre Website findet man hier: http://www.krejic.com



( Fotos © Snežana Krejić)