Annuschka Blume

von Marjana Gaponenko

Residenz, 2010

Das Buch ist Eigentum der Stadtbibliothek Graz


Über dieses Buch bin ich fast ein bisserl gestolpert. Eigentlich wollte ich ja ein anders Buch in unserer On Air-Lesebühne 7shoG vom 26. April. vorstellen, das Problem war jedoch: Es gefiel mir einfach nicht.

Also hab ich in mein Büchereisackerl, das ich gerade abgeholt hatte, geschaut. Von den vier Büchern war dann ganz schnell klar, welches in die Sendung schlüpfen muss.

Annuschka Blume ist ein zauberhaftes Buch. Unheimlich pathetisch, aber so richtig schön-pathetisch. Vor allem aber hat es diese spezielle Mischung aus Sentimentalität, Melancholie, Witz und Märchen, die ich nur aus der slawischen Literatur kenne.




Und jetzt schnell zum Inhalt:

Piotr Michailowitsch ist Journalist, ein echter Neugieriger, ein Weltenbummler und Philosoph – und der Meinung, dass es sich die Menschen viel zu leicht machen, wenn sie etwa sagen, der Himmel sei blau und die Sonne in der Wüste gelb. Als Piotr behauptet, dass es keinen Unterschied gäbe zwischen den Bergen und der Steppe, schickt man ihn kurzerhand in die Alpen. Und eben dort beginnt er einen leidenschaftlichen (und total altmodisch anmutenden, herzzerreißenden) Briefwechsel mit Anna Konstantinowna, obwohl er – anders als wir – anfangs nicht sicher sein kann, ob ihm seine Angebetete (die man sich natürlich als das hübscheste Mädchen vorstellt) zurückschreiben wird.

Nun, sie tut es .

Anna Konstantinowna, so erfahren wir, ist jedoch nicht besonders hübsch. Und sie ist auch nicht mehr jung. Die ukrainische Lehrerin arbeitet in einem Dorf, wo sie ihre Schüler*innen lehrt, dass die Grammatik nicht so wichtig sei. "Kühe haben nichts dagegen, wenn man Milch mit ie schreibt", ist Anna überzeugt. Die alles besser Wissenden, die stets mit trockenen, überprüfbaren Fakten daherkommen, mag sie gar nicht. "Sieh zu, dass du Fehler machst, Kleine", rät sie ihren Schüler*innen und warnt: " Bloß keine falschen Tatsachen, Freundchen, sonst bleibst du sitzen!"

Ach ja. Und Anna schreibt Briefe. Nicht nur an Piotr, sondern auch an ihre Schülerin Katja, die sehnsüchtig auf eine Nachricht ihres im Bergwerk verunglückten Vaters wartet, den sie aber auf hoher See glauben will.


Und da sind wir nun mitten drin in einem magisch-skurril-theologisch-philosophischem Briefwechsel. Während Piotr in den Bergen Stuten begegnet und Anna vom Bergwerk, in dem sie zusätzlich arbeitet, und von ihrer Nachbarin erzählt, muss Piotr schon wieder weiterreisen. Für die Reportage reichen die Alpen nicht, man schickt ihn weiter, eine Wüste soll es diesmal sein. "Denk nach", befiehlt der Chef, "Und noch was, wie immer. Wenn es nicht einschlägt, Kopf ade."

Also setzt sich Piotr mit seinem Weltatlas hin und sucht nach "einer Wüste mit Mythologie" ...

Kurz und gut, der Ukrainer, landet in Irak, wo er, unter einer Burka versteckt, dem Geheimnis von Gilgamesch nachgeht. In seinen Briefen erzählt er Anna jedoch nicht nur von seinen Erlebnissen vor Ort, sondern auch von seinem blinden Vater. Und Anna wiederum erzählt von der Mutter, nach der sie ihr namenloses Pferd benannt hat. Aber nicht nur, bei Weitem nicht!

Marjana Gaponko lässt ihre beiden Protagonisten vom Hundertsten ins Trauendste kommen, und immer schwingt da dieser spezielle Hauch von Magie mit. Die Autorin scheut sich dabei nicht, sich an die große Frage des Seins heranzutasten und Mythen und geschichtliche Ereignisse einfach mal so, ganz nebenbei zu erwähnen. Das ist mutig und dieser Mut zahlt sich aus. Vor allem aber ist es die unheimlich poetische Sprache der Autorin, die dieses Buch zu einem ganz besonderen Schatz im Regal unserer Grazer Stadtbibliothek macht!



Marjana Gaponenko wurde 1981 in Odessa geboren und studierte dort Germanistik. Nach Stationen in Krakau und Dublin lebt sie heute in Mainz und Wien. Sie schreibt seit ihrem sechzehnten Lebensjahr auf Deutsch, weitere Romane von ihr sind «Wer ist Martha?» (2012) und «Das letzte Rennen» (2016) und "Der Dorfgescheite" (2018). Sie wurde mit dem Adelbert-von-Chamisso-Preis, dem österreichischen Literaturpreis Alpha und dem Martha-Saalfeld-Förderpreis ausgezeichnet.


Kleiner Hinweis am Rande: Sehen sie sich bitte auch unbedingt "Der Dorfgescheite" an – ich habe dieses Buch vor etwa zweieinhalb Jahren gelesen und unheimlich genossen!


 

Titel: Annuschka Blume

Autorin: Marjana Gaponenko

Verlag: Residenz

Publikationsjahr: 2010

ISBN: 9783701715442

Seiten: 256


 

zum Hören


* Im cba-Archiv der On Air Lesebühne "7shoG" des Grazer Autorinnen und Autorenkollektivs wird es demnächst eine von mir eingelesene Hörprobe geben. Und nicht nur das: Astor Piazzolla und Kurt Schwitters sind auch dabei. Wer nicht auf den Eintrag im Archiv warten kann, der*die möge am Di, 26. April 2022 um 18.00 oder am Do, 12. Mai um 15.00 Radio Helsinki aufdrehen – in Graz auf 92.6 oder im Livestream auf http://helsinki.at/livestream.