Lange Nacht der Museen: Das barocke Belgrad von 1717 bis 1739

Belgrad, am 18. 5. 2019 (Teil II)


Mit Bora Ćosić im Rucksack machen wir uns auf den Weg zur Ausstellung Barockes Belgrad, wo wir V. treffen wollen. Sofija ist aufgeregt, seit Wochen freut sie sich auf die Lange Nacht der Museen, und auf diese Ausstellung ganz besonders. Man wisse so wenig über diese Zeit, sagt sie, als sie zum dicken Austellungskatalog greift. Leider gibt es diesen nur in serbischer Sprache, da die Druckerei, trotz rechtzeitig erfolgten Auftrags, nicht mit der englischen Ausgabe fertig geworden sei.



Das ist so typisch für mein Land, ärgert sie sich Sofija. Dass sie es nicht mal schaffen, bis zur Eröffnung einen englischsprachigen Katalog im Haus zu haben.


Ich lese die Tafeln. In den zwei Jahrzehnten nach der Eroberung Belgrads durch die kaiserlichen Truppen im Jahr 1717 (Prinz Eugen, der edle Ritter, rattert es durch meinen Kopf), verwandelte sich die orientalische Stadt in eine moderne, europäische. Menschen aus ganz Europa siedelten sich in Belgrad an, Händler, Handwerker, Kriegsveteranen. Sie zogen in die von den Türken zurückgelassenen Häuser, aus Moscheen wurden Kirchen, Straßen wurden befestigt, neue Gebäude wuchsen aus dem Boden. Belgrad hatte nun einen deutschen und einen serbischen Teil.


Bald prägen die neuen, barocken Fassaden das Stadtbild: Kasernen, Krankenhäuser, Apotheken, Klöster, Schulen. Stadtmauern wurden errichtet, vier breite Hauptstraßen führten durch die Stadt.  Die Belgrader Festung wurde im barocken Stil modernisiert und erweitert, sie diente als Hauptfestung gegen die Osmanen. Ich lese den Namen Vauban und bewundere das Miniaturmodell in der Mitte des Raumes.




Belgrad muss ausgesehen haben wie eine riesige Baustelle. Und dann, noch während die Stadt aus dem Boden wächst, wird sie wieder zerstört. 1739 die Rückeroberung durch das Osmanische Reich. Die vorgenommenen Arbeiten an der Festung werden gesprengt, sie sollen unbrauchbar sein, wenn die Türken die Stadt übernehmen. Die Bewohner packen ihre Sachen und ziehen nach Norden, die barocken Fassaden verschwinden, die Stadt erhält ihr orientalisches Aussehen zurück. Nur wenige Spuren dieser Zeit sind bis heute im Stadtbild erhalten geblieben.



Ich wandere durch den Raum, lese die Informationstafeln. Betrachte alte Haarkämme, Apothekerutensilien. Essgeschirr, Krüge, Medaillen und Münzen. Illustrationen von Grenadieren, Dragonern, und Handwerkern. Abbildungen von Ikonen. Der Katalog wäre eine schöne Ergänzung zur Ausstellung, denke ich, die ich gern mehr wissen würde über das Leben damals, über die Ausgrabungen und die Verschiebungen der Kulturen.


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Wir treten ins Freie und nehmen eine Dose Tonic Water entgegen. Setzen uns aufs Mäuerchen und warten auf V. Danach wollen wir gemeinsam weiterwandern, Sofijas Freundin abholen, etwas trinken gehen und dann zur Moschee aufbrechen.

(So zumindest haben wir es vor.)