Die Pančevo City Crowd

Wie lernst du eigentlich so viele Leute in Pančevo kennen?, werde ich gefragt.

Nun, das ist ganz einfach. Kurz bevor ich nach Pančevo aufbrach, habe ich von Ada (einer Freundin in Graz, die ich durch meine Übersiedlung nach Kärnten selbst seit beinahe 3 Jahren nicht mehr gesehen habe) eine Nachricht via Messenger bekommen: »In Pančevo musst du dich unbedingt bei Jasmina melden. Sie ist selbst Autorin und war ganz aufgeregt, als ich ihr von dir erzählt habe.«

In Pančevo angekommen, war man dann tatsächlich ganz aufgeregt. Wie kommt es, dass wir AutorInnen von Pančevo nichts von diesem Residence-Programm hier wissen?

Ich bin also eine kleine Sensation. Das erste Mal kommt ein/e Autor/in aus Österreich für einen Monat lang nach Pančevo (nicht nach Belgrad!) - und das ganz offiziell. Allein schon dieser Umstand bescherte mir einen Besuch im hiesigen Kulturreferat und eine Einladung zu den maiski danske knjige.

Nun, durch Jasmina lernte ich Dejan kennen. Und Dejan stellte mich wiederum Francesca vor. Und während wir so zu dritt den Fluss entlang spazierten (an einem der insgesamt 3 sonnigen Tage, die ich hier erleben durfte), erblickte Dejan eine Bekannte: Snežana (eine Designerin, die wundervolle Schuhe in Handarbeit anfertigt).

Ein paar Tage später saß ich auch schon mit ihr im Café und hörte den Satz: Ich muss dich unbedingt mit Vaša, dem alten Schuhmacher, in dessen Hinterzimmer ich gearbeitet habe, bekanntmachen ...

So einfach ist das in Pančevo. Man wird zu einem gemeinsamen Musikabend eingeladen oder trinkt unter einem Baum ein Bier, am nächsten Tag bekommt man via Facebook 3 Einladungen.

In Belgrad war man derweil ein bisschen enttäuscht. Diese österreichische Autorin fuhr nicht oft genug über die Brücke – dabei gibt es in Belgrad so viele interessante Literaturveranstaltungen.

Ich muss zugeben: Nach vier Wochen bin ich ein bisschen erschöpft. Gleichzeitig denke mir: Wie fein wäre es, wenn man endlich dieses Beamen endlich erfinden könnte. Man ist zwar angeblich dran in der Quantenphysik, aber ob die Teleportation eines gesamten Menschen jemals möglich sein wird, ist doch sehr fraglich. Und sogar wenn: man stelle sich vor, diese Teilchen geraten am Weg durcheinander ..



Gestern, nach der Eröffnung des Theaterfestivals (auf der ich natürlich wieder neue Leute kennengelernt habe), haben wir uns in meiner Wohnung versammelt. Hinter den Fensterscheiben hat der Regen auf die Blechbretter getrommelt – wieder keine Bootsfahrt mit Francesca, wieder kein Bela Stena dieses Wochenende, dachte ich und teilte meine Gedanken mit.

Na und?, hieß es. So weit weg ist Graz nun auch wieder nicht. Setzt euch ins Auto, du und dein Freund, und kommt zu zweit nach Pančevo. Am besten schon im Juni, ab nächsten Mittwoch soll es nämlich wieder schön werden.

Klar, denke ich. Am Mittwoch um 5 Uhr morgens werde ich von einem Kombi abgeholt und zurück nach Graz gebracht. Am Donnerstag kommt unsere Lutz-Küche, ich werde also keinen weiteren Tag anhängen können.

Weißt du eigentlich noch, wann es zu regnen begonnen hat?, werde ich bei einem Telefonat nach Hause gefragt.

Klar weiß ich das. Es war am Tag meiner Abreise. Ich überlege mir, ob ich das in meinem Reisebericht an das Bundeskanzleramt, Sektion Literatur vermerken soll. Vielleicht sollte ich einfach um Subvention eines weiteren Monats ansuchen.

Ich denke an Jelka aus Banja Luka, die mir immer noch über Viber Nachrichten schickt. Ich denke an Jasna in Sarajevo, an Josip in Mostar, an Hana in Bihać. Daran, dass ich damals der festen Überzeugung gewesen bin, bald wiederzukommen. Seitdem sind vier Jahre vergangen.

Wenn man den Balkan verlässt, lässt man immer einen Haufen Freunde zurück.

In den vier Wochen, die ich hier war, war ich Teil der »Pančevo City Crowd«. Man nahm mich mit zu Lesungen, ins Theater, zum Fernschauen, zu einem Gläschen Wein oder auch zu ein paar Dosen Bier im Park. Danach traf man sich manchmal noch in meiner Wohnung, weil sie am zentralsten lag.

Dass ich die Sprache nicht verstehe, ist hier Nebensache.


Auch heute liegen auf meiner Küchenanrichte Theaterkarten. Gerade als ich die letzten Zeilen schreibe, erhalte ich eine Nachricht . Ob ich noch lebe (gestern wurde es wie immer spät), ob ich heute auch ganz sicher dabei sei, wenn es die Antigone im Theatersaal des Jugendzentrums spielen wird.


Gestern, als ich bei einer Art kommunistischen Zetteldinner wieder einmal kein einziges Wort verstanden habe (um ehrlich zu sein, erinnerte mich das, was ich im Saal sah, eher an an eine Lehrerfortbildung denn an ein Theaterstück), meinte Jasmina: Ist doch egal. Genieß den Wein, die Brötchen und Pančevo!


Und ja, ich freu mich auf die Antigone. Gestern, als sie nach dem experimentellen Theater (jenem vor dem Zettel-Menü-Stück) diskutiert haben, ob irgendjemand die Aussage verstanden habe, hab ich mir heimlich gedacht: Manchmal ist es schön, wenn man ganz offiziell sagen kann: Ich fand die Schauspieler exzellent, aber vom Inhalt hab ich nicht mal ein Viertel verstanden.


18:00 Atelje mladih Zagonetka revolucije Dah teatar, Beograd Reditelj: Dijana Milošević


Diskretni šarm marksizma Das Atrs, Amsterdam i TKH, Beograd Koncept, režija i dramaturgija: Bojan Đorđev

Foto © Ljiljana Jovanov