Die stummen Schreie

von Elisabeth Combres

Boje, 2010


Das Tutsi-Mädchen Emma ist erst vier, als Männer in ihr Haus eindringen und ihre Mutter ermorden.

Kurz vor der Tat, während die Männer noch mit ihren Knüppeln gegen die Haustür schlagen, fleht die Mutter ihre kleine Tochter an: »Versteck dich da. Schließ die Augen, halt dir die Ohren zu, rühr dich nicht (…)«


Lange bleibt Emma in dem stillen Haus neben ihrer toten Mutter. Dann schafft sie es, nach draußen zu gehen und sich dem Flüchtlingsstrom anzuschließen. Emma schläft im Gebüsch, am Straßenrand, trinkt aus Pfützen. Geht immer weiter, bis sie eines Tages an die Tür einer alten Frau klopft, die sie trotz der Gefahr, die ihr dadurch droht ( sie selbst ist Hutu) in ihr Haus aufnimmt.


2003. In Ruanda ist wieder Frieden eingekehrt. Die Gefängnisse sind übervoll mit Kriegsverbrechern, aber auch Unschuldigen. Die Justiz kommt nicht nach, ordentliche Prozesse können kaum noch gewährleistet werden. Aus diesem Grund wird wieder auf die traditionellen Garcaca-Gerichte (Dorfversammlungen) zurückgegriffen.


Emma ist mittlerweile dreizehn, sie lebt noch immer bei der alten Bäuerin, die sie liebevoll »Mukecuru« (Großmutter) nennt. Emma verkauft Obst auf dem Markt, denn Mukecuru möchte, dass das Mädchen einmal zur Schule gehen kann. Auf dem Markt treibt sich auch ein Junge mit knöchernen Beulen auf dem Kopf herum. Ndoli ist Tutsi, wie Emma. Als Siebenjähriger verriet er unter Folter das Versteck der Aufständischen, denen auch seine Eltern angehörten.

Emma freundet sich mit dem Jungen an, obwohl sie Mukecuru davor warnt.

Elisabeth Combres beschreibt auf knapp 120 Seiten das Trauma zweier Überlebender des Genozids an den Tutis im Jahr 1994. Obwohl es sich nur um ein dünnes Buch handelt, gelingt es der Autorin in ihrer knappen, präzisen Sprache, nicht nur die geschichtlichen Hintergründe einzufangen, sondern vor allem aufzuzeigen, welche Spuren der Massenmord hinterlassen hat – nicht nur bei den Opfern selbst, sondern auch bei jenen, die sich nicht an den Morden beteiligt haben, die die alte Hutu-Frau, bei der Emma wohnt, und der man nun mit Misstrauen begegnet.


Ermutigt durch einen Mann, der selbst Überlebender der Verfolgungen ist und den Jugendlichen bei der Aufarbeitung ihres Traumas hilft, beginnt Emma, über das Erlebte zu sprechen und sich den eigenen Gespenstern zu stellen. Sie trägt sich schließlich in das Register der Überlebenden ein – denn nur so erhält sie die für die Opfer vorgesehene finanzielle Unterstützung – und besucht ihr Elternhaus.

Combres entlässt die jugendlichen Leser:innen mit einem Epilog, der – und das ist gerade in der Jugendliteratur so wichtig! – ein Weiterleben zeigt. Emma ist nun Lehrerin, sie wohnt in ihrem ehemaligen Elternhaus. Und auch Ndoli geht es besser, denn er hat begriffen, dass er den Tod seiner Eltern und Geschwister ohnehin nicht hätte verhindern können.


Gerade in Zeiten, in denen flüchtende Menschen unser Land erreichen, in einer Zeit, in der zwischen »weißen« und »schwarzen« Flüchtlingen unterschieden wird, kann dieses Buch helfen, das Verständnis für Flüchtende aus dem afrikanischen Raum zu fördern. Denn anders als bei Dokumentationen, in denen uns die Menschen nicht wirklich nahe kommen, schlüpft man in der Literatur in die Charaktere selbst – und so nimmt man ein Stück von Emma und Ndoli in sich auf.

"Die stummen Schreie" ist daher ein Buch, das ich als Lektüre unbedingt empfehle – allerdings rate ich Eltern, die Geschichte selbst zu lesen, um danach für eine Diskussion zur Verfügung zu stehen, denn es werden Fragen kommen, mit denen Jugendliche nicht allein gelassen werden sollten.

Buch = Eigentum der Stadtbibliothek Graz


Elisabeth Combes wurde 1967 in der Nähe von Marseilles geboren. In ihren Romanen setzt sie sich vor allem mit Kriegen und ihren Auswirkungen auseinander.

Das Buch wurde mit dem Prix de licéens allemands ausgezeichnet.


 

Autorin: Elisabeth Combres

Übersetzung: Aus dem Französischen von Bernadette Ott.

Verlag: Boje

Publikationsjahr: 2010

ISBN: 973-414-82119-2

Seiten: 128