Earl Grey in Pančevo

Tagesnotiz, 11. Mai 2019


Sonntag. Es ist einer der wenigen schönen Sonnennachmittage, die ich hier erleben werde. D. und ich treffen einander am Fluss, wir haben es nicht, wie ursprünglich vorgehabt, auf den Flohmarkt geschafft, zu spät ist es letzte Nacht geworden, als wir das Geschirr abwuschen hatte draußen bereits die Dämmerung eingesetzt.

(Zwei Wochen später werde ich meine Kamera schnappen und Google zum Flohmarkt im Nordosten der Stadt folgen, werde mich über das viele Plastikzeug wundern, das noch hässlicher ist als das Angebot im Euroshop, werde D. darauf ansprechen und feststellen, dass ich am falschen Flohmarkt war.)

Das Wetter ermöglicht es mir, in der Wohnung zu sitzen und an meiner Collage zu arbeiten. Die Klimaanlage nutze ich zum Heizen, Kühlung braucht es hier keine.

Das Wetter wird mir noch viele Striche durch die Rechnung machen. Dass es den ganzen Mai hindurch regnen wird, vermuten wir an jenem Sonntag noch nicht, gerade einmal eine Woche und einen Tag bin ich nun in Pančevo. Ich hoffe auf die Eisheiligen, nach der Sophie, sage ich, wird das Wetter wieder besser. D., der die Sopherl (und auch den Pongratius und Bonifatius) nicht kennt, ist sich sogar sicher, dass es jetzt schön bliebt, er glaubt der Wettervorhersage nicht , der Mai ist in Pančevo immer heiß, sagt er, warum soll das dieses Jahr anders sein, eine Woche Regen, gut, anderthalb, die glaubt er mir auch noch, aber sicher nicht 2 oder 3 Wochen.


Wir treffen F., sie ist auf der Suche nach jemandem, der ihr das Boot repariert, irgendetwas stimmt mit der Steuerung nicht. Hier am Fluss kennt man F., sie ist die einzige weibliche Bootsbesitzerin. D. vertraut ihrem Schneid nicht, man wird dich übers Ohr hauen, sagt er, man wird dir zuviel Geld abknöpfen, lass mich das für dich regeln.

F. schüttelt den Kopf, seit dreißig Jahren lebt sie nun hier, sie wisse, wie man mit den Serben umgeht, auch mit den harten Männern. Mich haut keiner übers Ohr, glaub mir.

Da ihr Boot unbenutzbar ist, drücken wir die Klingel. Ein kleines Boot holt die Restaurantbesucher ab, bringt sie ans andere Ufer, wo sich die Terrasse des Lokals befindet. Als ich das kleine Boot betrete, fühle ich mich wie Sir Peter Ustinov in »Das Böse unter der Sonne«, skeptisch besteige ich das kleine Schiffernakel, klammere mich an und schaue ins Wasser.

Das Boot kannst du in Zukunft immer rufen, sagt F., dann musst du nicht über die Autobrücke gehen.


Boote am Tamiš


D. und F. trinken Bier, ich bekämpfe die Müdigkeit mit einem Häferl türkischen Kaffee. F.s Hund wälzt sich in Fischabfällen und wird von seiner Besitzerin mit angewidertem Gesicht in den Fluss getunkt. Der Hund stinkt, der Hund zittert. Sie müsse nach Hause, sagt F., der Hund verkühle sich sonst.

Zurück am stadtseitigen Ufer wird F. versprochen, dass ihr Boot bis zum nächsten Wochenende fertig sei. Sie sieht mich freudestrahlend an, lädt mich zu ihrem Sommerhaus ein.

Da musst du unbedingt mit, sagt D., auf Bela Stena ist es wunderschön. Außerdem rieche es in Francescas Haus so schön britisch.


D. war einst F.s Schüler, heute sind die beiden befreundet. Deswegen sein perfekter britischer Akzent, denke ich, er ist es gewohnt, sich für seine ehemalige Englischlehrerin zu bemühen.

Heute treffen sich die beiden auf ein (oder mehrere) Bier, sitzen einander gegenüber, ziehen an ihren Zigaretten, scherzen. Letzten Sommer half der ehemalige Schüler seiner Lehrerin bei den Renovierungsarbeiten. Jetzt reden beide vom Ferienbeginn, F. hat länger frei als D., sie ist Leiterin eine englischsprachigen Privatschule.


Wir schlendern den Fluss entlang. Treffen zuerst auf G. (Die schönste Frau der Stadt, sagt D.) dann auf Snežana, eine Schuhdesignerin. D. kennt sie von früher, komm mit, sagt er zu ihr, wir gehen zu F. Tee trinken werden (weil der Hund und der Gast aus Österreich frieren). Snežana schaut verwundert, sie kennt F. nicht, dennoch schließt sie sich an.

Er hätte mich fragen können, flüstert F. mir zu, ich habe nichts gegen einen weiteren Gast, aber er hätte mich fragen können.




Auch in F.s Wohnung riecht es britisch. Die weiße Holzverkleidung an der Küchenwand erinnert mich an den Sprachurlaub von vor beinahe 30 Jahren, irgendwo in Hastings, bin ich gewesen, dort, wo das Meer selbst im Hochsommer zu kalt zum Baden war.

Wir sitzen um den Küchentisch und trinken Tee mit Milch (eine Sitte, die Snežana neu ist), D. trinkt Wein. F. rümpft die Nase, als sie sein Glas nimmt. Ich koste ebenfalls. Erinnert an Uhudler, sage ich, und wenn es Uhudler sein soll, ist er gar nicht so schlecht.

Da die Häuser hier aussehen wie im Südburgenland, warum sollen sie nicht auch denselben Wein machen. (Wenn ich D. sage, dass sein Wein nach amerikanischer Traube schmeckt, wird er sich allerdings nicht freuen, D. mag den Westen nicht besonders, und Amerika schon gar nicht.)


Wir bewundern Snežana Schuhe, D. quasselt zu viel, wie immer, wenn er Wein trinkt und unter Frauen ist. Francesca drückt mir ein Taschenbuch in die Hand. Nicht besonders gut geschrieben, meint sie, aber das Thema sei interessant.




Hinter F.s Scheiben geht die Sonne unter. Ich stehe mit der Kamera auf ihrem Balkon, lasse mir von dem Küchentisch erzählen, den F. vor ein paar Jahren erstanden hat, und der nicht durch die Tür gepasst hat, sodass sie und D. ihn über das Dach und den Balkon durchs große Küchenfester hieven mussten.

F.s Balkon schaut in die andere Richtung als jener von D. Hier sieht man keine »B O R D E R«, nur die Schlote der Fabriken kann ich erahnen. In der Nacht wird man vielleicht die Flamme sehen.



Ich trinke eine zweite Tasse Earl Grey, danach begleiten wir Snežana nach Hause, sie und ich tauschen unsere Facebook Kontakte aus. D. und ich spazieren zurück in die Stadt, wie immer begleitet er mich bis vor die Haustür. Erst wenn ich sicher oben angekommen bin (er wird es am Licht erkennen), wird er sich umdrehen und Richtung Post gehen, wo sein Freund (der Dichter, der kein Dichter sein will) auf ihn wartet. Ich kenne ihn nur aus Erzählungen, weiß von seinen Heften, in die er Gedichte schreibt, die klingen wie von Charles Bukowski, weiß vom Rosmarin auf seinem Balkon (dessen Zweige mir D. gern mitbringt, wenn er von seinem Freund kommt), weiß von den Musikabenden, zu denen ich bereits eingeladen wurde (es wird noch ein bisschen dauern, bis ich mitkommen werde.)


Zu Hause angekommen rauche ich eine letzte Zigarette, stelle mich unter die heiße Dusche und lege mich unter die drei Bettdecken. Beginne den Roman zu lesen und finde ihn von der ersten Zeile an spannend. Nicht gut geschrieben, sagte F., wie eine Rechtfertigung klang es.

Ich krieche nochmals aus dem Bett, um Wasser aufzusetzen. Hole das Glas mit dem Nescafé aus dem Küchenkasten und beschließe, mir eine Packung Earl Grey zuzulegen. Zumindest die nächsten Tage soll es wieder regnerisch und kalt sein.