Ex Teatar Fest - 2. Tag

Kreon mit Brusthaaren und Mundl- Leiberl (= weißes Ripp-Unterhemd), sein sensibler Sohn Haimon (ein Poet), Antigone und ihre bosnische Schwester Ismene (mit Kopftuch und Schafwollsocken), ein junger Feminist und serbischer Antikriegs-Aktivst, ein Priester im weißen Gewand, ein Soldat mit rotem Stern auf dem Helm und Virginia Wolf setzen sich an einen Tisch und diskutieren die Rolle der Frau. Der Poet bekommt von seinem Vater eine Menge Watschen, der Aktivist wechselt mit Virginia Wolf mehrmals die Plätze, der Soldat spricht über die westliche Propaganda und marschiert, Antigone diskutiert heftig mit der Schwester und beschwert sich beim Soldaten, der ständig in ihre Rede hustet .

Der Chor: Vielstimmige, alte mazedonische Lieder, welche von den SchauspielerInnen zwischen den Textfragmenten vorgetragen werden.

Jasmina hält sich die Ohren zu (sie hat Kopfweh, unser privates »gathering« gestern hat bis in die Morgenstunden gedauert).

Sie klärt mich auf: Jede/r der Schauspieler/innen spricht ihren/seinen seinem eigenen Dialekt. Ca. 50 Prozent des Textes wurden, wenn auch in den modernen Slang übersetzt, tatsächlich aus Sophokles´ Antigone genommen.

Am Ende stellen sich die SchauspielerInnen kurz vor: Montenegro, Kosovo, Bosnien, Serbien, Vojvodina.

Unsere Herkunft entschied nicht über die Rollen.

Kreons Sohn ist der einzige, der seinen Geburtsort nicht verrät. Er beendet das Stück mit einem einzigen Satz: Ich bin Dichter.


Antigona – projekat emancipacije Plavo pozorište, Beograd Scenario i režija: Nenad Čolić

Es ist das dritte Stück von insgesamt fünf, das wir gemeinsam besuchen. Jasmina hat für uns Gratis-Karten besorgt, wir treffen uns stets ein paar Minuten vor Beginn vor dem Jugendzentrum.

Als mir Freitagabend die Eintrittskarten in die Hand gedrückt wurden, habe ich kurz die Panik bekommen. Ich wollte mir eines der Stücke anschauen, aus Höflichkeit (immerhin bin ich hier Writer in Residence, dachte ich mir, ein bisschen Interesse für die heimische Szene solltest du schon zeigen.)

Wozu in fünf Theaterstücke gehen, wenn man ohnehin nichts von den Dialogen versteht?


Vor etwa 11 Jahren habe ich, gemeinsam mit ein paar SängerInnen des Wiener Jüdischen Chors Tschechow im kubanischen Exiltheater von Miami gesehen. Der Abend wurde zu einem der eindrucksvollsten Theatererlebnisse, an die ich mich erinnern kann.

Diese Erfahrung wiederholt sich hier.

Gut, das Papier-Dinner gestern hätte man eher als interaktive Lesung aus dem Kommunistischen Wörterbuch titulieren sollen. Wenn ich mir jedoch die Mimik manch älterer Damen im bourgeoisen Kostüm ansehe (denn wenn man nichts versteht, dann beobachtet man gern die anderen), so hat es mich doch verwundert, wie zufrieden sie dreingeschaut haben, als das Kommunistischen Manifest verlesen wurde. Wesentlich zufriedener als gestern, als der mächtige Kreon mit dem kleinen Goldkrönchen seinem sensiblen Sohn eine nach der anderen Nackenwatsche zukommen ließ.


Das zweite gestrige Stück mit dem Titel Octćjte (Bleiben) zeigte die junge Generation Ex-Jugoslawiens. Jene, die bleiben und jene, die weggehen. Jene, die Karriere machen (bzw. auf Instagram so tun als ob) und jene, die sich mit schlecht bezahlten Jobs über Wasser halten. Jene, die sich als moderne Westeuropäerinnen geben (Wozu soll ich zurück in den Balkan?) und jene, die sich in der neuen Heimat noch immer fremd fühlen.


Ostajte Nezavisna scena, Nezavisni univerzitet Banja Luka Reditelj: Ljiljana Čekić

An dieser Stelle muss ich mich nun dringend bei Jasmina Topić bedanken, die sich während der Stücke immer wieder zu mir hinüberbeugt, um für mich zu übersetzen.