Stereotipi

Notiz zum 28.5.2018


Die echte Provokation liege ausschließlich auf der Straße. Um einer solchen Provokation, die ja unbedingt als Annäherung verstanden werden muss, zu begegnen, müsse man nach draußen treten, dorthin, wo man sich hinter den Büsche trifft, abseits des hellen Geschehens, denn sowohl in den Cafés als auch auf den Caféterrassen sei mit nichts Anderem als widerwärtiger Künstlichkeit zu rechnen. Nur hier, unter den Bäumen, auf dieser nassen Parkbank, auf der wir nun sitzen und rauchen und Bier aus Blechdosen ziehen, haben wir vielleicht eine kleine Chance auf ein bisschen Echtheit.

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Ich hatte D. nach seiner Meinung gefragt. Nachdem er seinen Kopf zur Tür des Lokals, in dem wir unsere öffentliche Diskussion abhielten, hereingesteckt hatte, hatte ich ihn nach seinen Erlebnissen in Wien fragen wollen, denn von den anderen waren nur laue Assoziationen à la "Sachertorte", "viel Bier" und "Mozart" gekommen. (Man bemerke, immerhin Bier und nicht Wein.)

Ich hatte mit Sehnsucht an unsere Diskussion in Banja Luka zurückgedacht, die in einer Art Schlacht der Kulturen gegipfelt hatte, als D. ansetzte, schließlich doch abwinkte und wieder nach draußen verschwand – nicht ohne zuvor das versammelte Publikum wissen zu lassen, dass man draußen auf mich warte . ("Mach du hier nur in Ruhe fertig.")


Sachertorte und Schnitzel, Biertrinker und Mozart also.

Ich biss mir auf die Zunge. Sagte nichts über die Gastarbeiter, die »Tschuschen« und »Kaisermörder«, wie sie bei uns vielerorts genannt wurden, bis es unserem heutigen Ex Vizekanzler einfiel, mit einer Brojanica durch die Gegend zu laufen, um auf Stimmenfang zu gehen. Denn seinen wir doch ehrlich: So groß ist diese Österreichisch-Serbische Freundschaft, von der alle hier so gern sprechen, doch wirklich nicht. Und dort, wo sie ganz offiziell existiert, finden sich oft genug die Falschen zusammen. Aus diesem Grund spricht der Serbische Ministerpräsident dieser Tage so gern vom westlichen Geheimdienst, der die Schuld an der Krise Österreichs trage.


Wenn man Glück hat, gehört man zu jenen, die nicht von 8 bis 17h an einem öden Arbeitsplatz hocken oder hinter einer Kassa stehen und sich am Abend erschöpft vor den Fernseher fläzen, sondern zu jenen, die Reisestipendien bekommen. Da hat man vielleicht weniger Geld, aber ein kleines Bisschen mehr vom Leben. Man lernt MusikerInnen kennen, Schriftstellerinnen, bildende KünstlerInnen, aber auch TechnikerInnen, SchuhmacherInnen, LeherInnen ... aus Pančevo, aus Belgrad, aus Mostar, aus Banja Luka, aus Sarajevo, aus Split. Dann trifft man sich in Wien, Graz, Split, Novi Sad, Pančevo oder Belgrad, spricht von der EU, in der es keinen guten Kajmak gebe, jammert ein bisschen über das eigene Land, das trotz allem an seinen nationalen Grenzen festhält, und zieht an der Zigarette.

Mitteleuropa, das wurde mir hier beigebracht, reiche bis Belgrad, nicht weiter. Manche sagen, es reiche gar nur bis Pančevo. Der Süden Serbiens sei eine andere Geschichte, den Süden könne man nicht mit Europa vergleichen.

Da schau her, denk ich mir, wenn ich mir so manche Aussage über die Südserben anhöre (unkultiviert, rückständig, faul, kriminell), habe ich das alles nicht schon in Graz, Wien und Klagenfurt gehört?

»Ich weiß nicht, mit dem Auto nach Belgrad?«, wurde ich vor meiner Abreise gefragt. »Und womit kommt man dann zurück?«

Pa da!, heißt es , das stimmt, aber nur wenn du nach Südserbien fährst! Man lacht.

Allein die Korruption, die gäbe es im ganzen Land, dagegen sei unser Ibiza Video nichts.

(Und plötzlich fällt mir der Mann aus dem Minibus ein, der mich nach unserer Reise dreimal in seine Stadt im Süden eingeladen hat – und wäre nicht ganz klar gewesen, was der Kerl im Sinn hat, dann hätte ich die Einladung dankend angenommen.)


Je länger ich hier bin, desto mehr Stereotypen fliegen mir zu,. Und immer ist es der weiter südlich gelegene Teil, wo der Balkan beginnt. Für die Salzburger beginnt er in Wien, für die Wiener in Graz, für die Klagenfurter in Slowenien, für die Leute Pančevo beginnt er in Belgrad, für Belgrader gar erst in Südserbien.


So langsam beginne ich mich zu langweilen. Die Suderei über den Kosovo, den man Serben weggenommen hat, der Hass auf die EU, das Bier als einzige Zukunftschance – auf der anderen Seite die Liebesbekundungen gegenüber Wien, als sei man hier mehr WienerIn als SerbIn, weswegen man die Bečka škola lebt, das Familienporzellan zeigt und die Vorfahren aus der Familiengeschichte auferstehen lässt. Wien, Wien, nur du allein, man lässt den Kaiser vor meinen Augen auftanzen – mit dessen Abgesandtem habe der Urgroßvater einst Karten gespielt) –, man tut es, um jenen, die mir den geerbten Sternorden zeigen, etwas entgegenzuhalten.


Natürlich, ich übertreibe maßlos. Ich präsentiere flache Abziehbilder, fleischlose Pappfiguren, weil ich das Bild des Sohnes auf dem Handy abziehe, die geschiedene Frau, die gescheiterte Beziehung der Eltern, das Rezitieren von Gedichten, das Schwenken des Weinglases, das Zischen der Bierdosen, die mazedonischen Lieder im Haus des Poeten, das Auffinden einer Hundeleine im Mistkübel, das Schnalzen mit derselben.


Stereotipi o granicama. So lautete der Titel unserer gestrigen Diskussion, für die ich eigens eine Multimedia-Collage gebastelt habe. Ich habe alle Klischees (und so manche Wahrheit) zusammengetragen: die schönen Gewänder der Damen zur Kaiserzeit, die Frontlinien zwischen Ö-Ungarn und dem Osmanischen Reich, die Torten, die deutschen Namen auf den Friedhöfen ... und schließlich auch die illegalen Sammeltaxis, die einen um wenig Geld über die Grenze nach Mittelserbien bringen (Beograd, Beograd!), die frontscheibnitza, den šlafrok, die šminka. Ich habe in der Konditorei scheußlichen Kolač gegessen, habe Hochzeitsmusik eingefangen, bin durch den Schlamm gewatet, habe dort, wo der Temesch in die Donau mündet, die nicht existierende »B O R D E R« gefilmt und moderne Lyrik aus Belgrad und Pančevo eingeflochten.


Und dann, in der Diskussion, fragt man mich, wie es mir in Pančevo so gefalle, ob ich die Leute hier möge, was ich so erlebt hätte in den letzten 3 Wochen – und schwenkt dann über, zu einem weniger gefährlichen Thema. Aber natürlich, so frech darf man nicht sein, als Gast in einem fremden Land. Ich halte mich also zurück, lasse das Bild »Serbien muss sterbien«, das ich für die Diskussion mitgenommen habe, stecken, und beantwortete artig die Fragen, die sich hauptsächlich um meine Schreiberei drehen.


Manchmal habe ich Lust, den Spieß umzudrehen. Das Publikum auszufragen. Sie sind Chirurgin? Tatsächlich? Wow! Seit wann? Schon als Kind? Und wie genau gehen Sie so einen Schnitt an? Schneiden Sie lieber von links nach rechts? Und wie ist das denn so als weiblicher Chirurg? Wenn man es zwar geschafft hat, im OP Saal stehen zu dürfen – denn das ist ja schon was, verstehen Sie mich nicht falsch, viele, die sich dorthin wünschen, schaffen es schließlich nie, also Hut ab!!! – , aber schielt man dann nicht doch weiter nach oben, will man dann nicht eine von denen sein, zu denen die Patienten kommen, wenn kein anderer mehr helfen kann – zu jenen Chirurgen , deren Handwerk von der öffentlichen Meinung zur Kunst erhoben wurde? Und hat es nur damit zu tun, dass Sie eine Frau sind, dass Sie nicht so wahrgenommen werden? (Oder liegt es doch an Ihrem mangelnden Können, dass Sie nicht zu den Großen zählen??)


Ich wette, es gibt weniger herausragende Herzchirurginnen als herausragende Schriftstellerinnen (zu denen ich mich im Übrigen nicht zähle). Dennoch. Wäre ich Chirurgin, würde ich Blinddärme und Mandeln herausoperieren.

Und jetzt soll ich via Mikrophon davon berichten, wie ich begonnen habe, eben jene Blinddärme und Mandeln zu entfernen? Wie sich die erste, zweite, dritte ... vierzigste OP angefühlt hat?

Was wollen Sie hören? Die Wahrheit? Ich werde Sie Ihnen verraten. Manchmal stirbt der Patient. Eigentlich sterben sogar viele meiner Patienten. Einige von ihnen schneide ich mühsam auf und flicke sie dann nicht mehr zusammen, andere wiederum rühre ich gar nicht erst an, obwohl sie sich stöhnend und flehend auf meinen OP Tisch legen. Vielleicht weil ich Angst vor der Herausforderung habe. Viel eher aber glaube ich, dass es an meiner eigenen Trägheit liegt.


Aber hoppla. Wollten wir nicht über Klischees zu Genzen sprechen? Wieso stecken wir jetzt mitten in einem Gespräch über die Schreiberei?

Wie wurde aus dem "Stereotipi o granicama" ein Abend über "Stereotipi o ženama u književnosti"?


Ich stottere ins Mikrophon und gebe Schwachsinn von mir. D. hat recht, dass er draußen wartet, unter den Bäumen, dort, wo die Natur die Kunst besiegt, wo der Asphalt aufbricht und man sich getrost auf eine nasse Bank setzen und aus mitgebrachten Bierdosen trinken darf. Dort wird er mir vom verfluchte Wien erzählen, wo man zum Mc Donald´s gehen muss, um nach dem Weg zu fragen, weil einem die Österreicher ausweichen, wenn man ihnen mit einer Bierflasche entgegenkommt, um sie nach dem Weg zum verfluchten Chelsea zu fragen. (Jebo ga!) Er wird mir von der Hundescheiße erzählen, in der man aufwacht, wenn man nicht das Glück hat, beim WUK zu landen, denn nur dort, so D., habe man kein Problem damit gehabt, dass er aussah wie ein Fremder, eine Bierdose in der Hand hielt und seinen fucking excellent British accent aus den Wangentaschen zog.


Ich hätte das gern in der Diskussion gehabt. Drinnen, als sie alle wie die Murmeltierchen an den Tischen saßen. D. hätte sie vielleicht wachrütteln können. Außerdem ist er Autor aus Pančevo, der als Writer in residence in meiner Geburtsstadt geladen war . Das verbindet uns. Zumal er einer derjenigen ist, die nicht vom österr. Kaiser und der Wiener Kultiviertheit schwärmen, an die ich nämlich so gar nicht glaube. Außerdem mag ich die Orden auf D.s Jacke. Die sind vom seinem Großvater. Der war damals ein großer Partisan. Oder so ähnlich.


Wir haben uns unter diesem Baum getroffen. Sind im Hinterhof meiner Wohnung gelandet - jenem Hinterhof mit den Graffiti-Wänden, auf ich von meinen vorhangberüschten Fenstern aus sehen kann. Wenn ich mich hätte zweiteilen können, hätte ich mich gern mit einer Tasse Earl Grey hinter dieses Fenster gestellt und auf meine anderes, Bier trinkendes Ich unter den Bäumen geschaut.


Die guten Gespräche scheuen das Rampenlicht. Auch nicht im schummrigen Licht eines alternativen Cafés, das sich als abgefuckten Beisl ausgibt, wird man sie finden. Das alles sind nur Seifenblasen. Und so haben wir unter den Bäumen über uns selbst gesprochen, immer und immer wieder, haben so getan, als würden wir Antworten von den anderen einholen und uns doch nur aufs Neue mit uns selbst konfrontiert.



Ankündigung des Events im Štab Pogon am 28.5.


Hinterhof meines Appartements