DARKO

 

Natürlich wisse seine Mutter nichts. Gar nichts wisse seine Mutter. „Sie hält mich für verrückt. Sie versteht nicht, was hier wirklich vor sich geht.“

Ich habe Darko vor 10 Tagen im Artcamp kennen gelernt. In den ersten Nächten hielten wir unsere feuchten Schlafsäcke gegen das prasselnde Feuer während unsere Hintern auf den Strohballen kalt wurden. Abend für Abend reichten wir eine Flasche mit selbstgebranntem Rakija im Kreis und tranken lauwarmes Nektar-Bier aus Dosen, bis der Regen kam und uns das Lagerfeuer löschte.

Ich bin das erste Mal hier, im anderen Teil jenes Landes, das keiner kennt und vor dem man immer noch warnt – auch wenn ich nicht verstehe, wie die Menschen in Österreich nach 18 Jahren noch immer glauben können, hier sei Krieg.  

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„Fahr dort nicht hin!“, hat mich meine Mutter gewarnt, so wie sie mich auch voriges Jahr schon vor Sarajevo gewarnt hatte. Ich hatte ihr letztendlich einreden können, dass Sarajevo eine Stadt sei wie jede andere, wie Paris oder London, von mir aus eine kleinere, sagen wir Graz. Dass Banja Luka ebenfalls eine zivilisierte Stadt sein soll, das ließ sie sich jedoch nicht mehr einreden. Die Republika Srpska? – Vergiss es. 

Dass er froh sei, hier zu sein, sagt Darko, so wie er es jeden Tag vor sich her sagt, als sei es  sein Mantra. „Ich muss endlich ein wenig zur Ruhe kommen.“ Er habe seine Bekannte in Zagreb endlich erreicht, dorthin werde er fahren, gleich nach der Ausstellungseröffnung. 

Vorhin saßen wir in einem Kaffeehaus, in dem es schon wieder keinen domača kava gab. Das fällt mir hier auf – hier servieren sie Espresso und Cappuccino, aber keinen türkischen Kaffee. Das ist, als lehnten sie sich sogar in den Kaffeehäusern gegen alles, was es in der Föderation gibt, auf, dabei trinken sie ihn in ihren Wohnungen genauso wie man ihn in Sarajevo trinkt.  Bosanska kava, so sagt man in Sarajevo zu den Touristen, aber hier sagst du das lieber nicht. Noch weniger solltest du türkischen Kaffee bestellen, auch wenn Darko sagt „Was soll diese nationalistische Scheiße schon wieder, das ist türkischer Kaffee und aus basta.“ Als tschechischer Hund ist ihm egal, ob der Kaffee türkisch oder bosnisch oder serbisch sei, aber Marijana schüttelte den Kopf, „Nein, bestell am besten domača kava, damit bist du immer auf der sicheren Seite, Kaffee des Haues, den kannst du auf der ganzen Welt bestellen und man wird man dich überall dafür lieben, dass du die Machart des Hauses bevorzugst.“

Nur hier gibt es ihn nicht, den Hauskaffee, der Kellner sah mich verächtlich an, sein Kaffee komme aus der Maschine, klärte er mich auf.

„Vielleicht ist es besser, du steigst auf Espresso um, ist doch eh nicht so viel Unterschied, Hauptsache, er wirkt gegen Kälte und Müdigkeit“, lacht mich Darko aus.

Darkos Mutter ist Katholikin, sein Vater war orthodox, bis man ihm die Kalashnikov gegen den Kopf hielt und abdrückte, danach war er nichts mehr. „Jaja, schau nicht so, das hat es auch gegeben“, sagte er, als er mir davon erzählte, und sofort dachte ich, ich wüsste, was er meint, dass er mir wie all die anderen auch vorwirft,  als Österreicherin sei ich sowieso  gegen die Serben, Serbien muss sterbien, so hat es doch in unseren Schulbüchern immer geheißen. Er hörte sich meine gestammelten Rechtfertigungen an, dann erst klärte er mich auf: „Verdammt, krieg dich ein, ich gehör nicht zu den Scheiß Nationalisten, mir ist egal, was einer ist, außerdem bin ich aus Mostar und ein Mischlingsrüde der übelsten Sorte.“

Dass er das auch denen gesagt hätte, die wegen der Volkszählung an seine Tür geklopft hätten, um ihn zu fragen, welcher Nationalität er angehöre. Er hätte sagen können, er sei Serbe, genauso wie er sich als Kroate hätte eintragen lassen können. („Obwohl du in Mostar besser Kroate sagst, vielleicht ist deine Chance, einen Job zu bekommen, dann um 5 % höher“, kicherte er.) Stattdessen sagte er, er sei ein Hund aus Tschechien (weil tatsächlich ein Großonkel  in Tschechien gelandet sei, lange vor Titos sozialistischer föderativer Republik, eher irgendwann zwischen Österreich-ungarischer Monarchie und Jugoslawischem Königreich.)

„Weißt du, was das Lustigste an diesem verfluchten Krieg mit seinen beschissenen Nationalitäten war? Dass mein Vater, obwohl orthodoxer Serbe, als Katholik gestorben ist. So war das in Mostar, uns waren die Serben scheißegal, da gab es nur hier und dort und links waren die Katholiken und rechts die Muslime und in der Mitte die schöne, smaragdgrüne Neretva, auf die wir jetzt pissen, seitdem wir uns wieder auf die Brücke trauen.“

Aus Darkos Mund schießt ständig ein Kraftausdruck, ich bin seine „Fuck“s und „Shit“s schon so gewöhnt, dass ich langsam das Gefühl bekomme, sie gehören zu Bosnien, so wie die Wut zu Bosnien gehört, die Wut, die sich nicht gegen die Menschen sondern gegen die Wand richtet, die Mauer aus Propaganda und Korruption. 

Ob er nicht Angst hätte, nach Banja Luka zu fahren, war er von einem muslimischen Freund gefragt wurden. „Nein, verdammte Scheiße“, wiederhole Darko seine Antwort mir gegenüber, „warum soll ich Angst vor der Republika Srpska haben, hier kennt mich wenigstens keiner, hier lebe ich sicherer als daheim.“

Daheim, die zweigeteilte Stadt, noch immer, und daran wird sich nichts ändern. Nichts wird sich ändern, solange in den Zeitungen noch immer gelogen und Propaganda betrieben wird - die einen dementieren den Genozid an den Muslimen, die anderen dementieren die gefälschte Berichterstattung und die Morde an der serbisch-bosnischen Armee, und die Katholiken sind sowieso ganz unschuldig in die Föderation gedrängt worden und wollen nun Teile der Herzegowina abtrennen und zurück in die kroatische Heimat. 

„Und da soll sich der normale Bauer noch auskennen, der ist so aufgewühlt, dass er, statt sein Feld zu bestellen, lieber darüber nachdenkt, ob man dieses ganze Scheiß Bosnien nicht ganz auflösen soll, dabei kann es ihm doch egal sein, ob sein Feld in einer Föderation liegt oder in einer autonomen Herzegowina oder in der Republika Srpska. Solange keine Landwirtschaftsreform stattfindet, wird es ihm schlecht gehen, hier wie dort.“

Ich trinke Kaffee und schaue zu dem Fernseher, den sie hier an die Wand gehängt haben. Grüne Hügel, athletische Männer mit wehenden Fahnen, Guslaspieler und Frauen in serbischer Tracht. Was das sei, frage ich Darko und er dreht den Kopf, der Fernseher befindet sich in seinem Rücken. „Touristenwerbung“, sagt er, und ich frage mich, für welche Touristen die gemacht wird, ich habe das Gefühl, dass ich hier keine Touristen sehe, und sogar wenn  hier welche sind, dann schauen sie auf ihren Hotelzimmern wohl Satellitenfernsehen, abgesehen davon, dass man die, die schon da sind, sowieso nicht anlocken muss. Soll also heißen, denen, die das staatliche Fernsehen schauen, will man zeigen, wie schön das eigene Land ist? Ich kenne das von Österreich, die Kärntner Seen und die Salzburger Berge vor dem Spielfilm, nur dass bei uns ein Urlaub in Kärnten dreimal so viel kostet wie ein Strandurlaub in Griechenland, während die Leute hier nicht lange überlegen müssen, wohin sie fahren, allein schon das Busticket nach Belgrad kostet so viel wie das Essen in der Mensa für eine Woche. Und doch wollen sie alle weg von hier, alle, die ich hier kennen gelernt habe. Haben mich doof angeschaut, als ich ihnen sagte, wie schön es hier sei, dass ich mich in ihr Land verliebt hätte, in das Dort wie in das Hier. „Vielleicht findet man es tatsächlich schön, wenn man hier wieder raus kann,“, gab mir einer zur Antwort und ich biss mir auf die Zunge, wie müssen sich die jungen Studenten fühlen, wenn ich ihnen von ihrem Land vorschwärme, während sie hier Geld beschaffen müssen, um sich einen Job  kaufen zu können. Wie sollen sie sich fühlen, wenn nicht verarscht, wenn ich die schönen grünen Hügel ihres Landes besinge (wie in der Tourismuswerbung), sie aber als Terrorist ins Gefängnis kommen, weil sie es gewagt haben, ein Schild hochzuhalten, weil sie es gewagt haben, den Mund aufzutun und laut anzuschreien gegen die Politiker, die in ihren Räumlichkeiten sitzen, immer gut geschützt vor der Arbeitslosigkeit und auch vor dem Schnee, der letzten Winter drei Meter hoch in Mostar gelegen haben soll, sodass keiner mehr gewusst hat wohin damit und wovon die Heizkosten bezahlen.

„Ich muss endlich damit aufhören“, sagt Darko, „Schluss mit der Politik, ich mag nicht mehr meinen Kopf hinhalten für ein Land, in dem sich sowieso nichts ändern wird. Sollen sie sich doch vom Nationalismus verblenden lassen und die Schädel einschlagen, sollen sie zugrunde gehen an der Korruption. Ich will einfach nur meine Ruhe haben.“

Vor zwei Monaten wurde Darko vor seinem Wohnhaus aufgelauert. Er hatte seinen Mund wieder einmal zu weit aufgemacht. Nach unzähligen Briefen an die Parteiabgeordneten, nach Spruchbannern und Plakaten, die er an Hausmauern nagelte, um sich für mehr Freiheit und Menschenrechte einzusetzen, gibt Darko auf. „Kein Schwein hat mir geholfen, als ich dort im eigenen Blut lag, verstehst du? Den meisten ist es doch egal, was hier geschieht, die Alten sind einfach nur froh, dass der Krieg vorbei ist und die Jungen kennen nichts anderes als die Kloake, in der sie von Geburt an leben. Und alle trauern sie Tito hinterdrein, das könnt ihr nicht verstehen, für euch war der ein Scheiß Diktator, aber soll ich dir was sagen? Das sind die, die heute an der Macht sind, auch. Die vielgelobte Meinungsfreiheit haben wir heute noch immer nicht, nur dass wir unter Tito wenigstens noch Wohnungen hatten, und uns die Ausbildung unserer Kinder leisten und sogar auf Urlaub fahren konnten. Und zum Shoppen fuhren unsere Mütter nach Triest!“

Wir zahlen unsere Kaffee und machen uns auf die Suche nach einem Kiosk, denn Darko braucht neuen Tabak und ich habe Lust auf eine Schokolade. Und noch immer regnet es vom Himmel, wie aus Gießkannen schüttet es, und das nun schon seit vier Tagen. Ich komme aus meiner Regenhose nicht mehr heraus und bin froh, meine Bergschuhe, die ich für unsere Wanderung nach Zelenkovać mitgenommen hatte, kurz vor der Abreise noch mit Imprägnierspray eingesprüht zu haben. 

„Wie hältst du das nur aus, die ganze Zeit im Regen, und du schläfst tatsächlich noch immer im Zelt?“, schreibt meine Mutter per Mail, weil ich ihr verboten habe anzurufen, da die Republika Srpska nicht in der EU liegt und ich mir ihre besorgten Anrufe nicht leisten will. 

Aber was verlange ich von meiner Mutter, mache Dinge wird sie nie verstehen, dass es Regenkleidung gibt und dass ich jederzeit abreisen könnte, wenn ich wollte, dass mich hier niemand daran hindert, das nasse Zelt samt Schlafsack und feuchten Klamotten in den Kofferraum zu werfen und retour zu fahren. Und schon gar nicht wird sie jemals verstehen, was ich in diesem Land mache, warum ich nicht wie andere auch einen netten Urlaub in der Provence verbringe, oder – wenn es schon unbedingt sein muss, wenn ich schon diese Sprache lernen musste – dann doch wenigstens bitte ein Badeurlaub an der Kroatischen Küste oder eine Wandertour in Slowenien...

„Mach dir nichts draus“, sagt Darko. „Meine Mutter hält mich auch für geistesgestört. Als ich ihr erzählte, dass ich mir überlege, Mostar zu verlassen, hat sie gemeint: Ja, mach dir doch ein schönes Leben, aber komm mich wieder besuchen.“

Am vierzehnten Juni wurde Darko niedergeschlagen und gewarnt, dass er aufpassen solle, was er in Zukunft von sich gebe. „Überleg dir, ob du es nicht einmal woanders mit deiner Kunst versuchen willst“,  wurde ihm nahe gelegt.

Als ihn seine Mutter mit geschwollenem Gesicht in seinem Zimmer vorfand, fragte sie, ob er jemandem Geld schulde. Von seiner Paranoia will sie nichts hören. „Niemand bedroht dich, wer soll dich bedrohen?“

Vor ein paar Wochen hat sie schließlich einen befreundeten Arzt kontaktiert. Ihr Sohn leide unter Wahnvorstellungen und hätte sich selbst verletzt. 

„Verstehst du jetzt, warum ich weggehe? Wenn nicht einmal mehr deine eigene Mutter an dich glaubt, wofür sollst du dann kämpfen?“

 

Gestern habe ich zwei Nachrichten bekommen. Eine von Marijana – der Katze, die Darko und ich zwischen den Mülltonnen gefunden hatten, ginge es gut, und ja, es regne noch immer, die ersten Häuser stünden bereits wieder unter Wasser, aber der Nachrichtensprecher habe gesagt, dass es ab morgen schöner werden solle. Die zweite Nachricht war von Darko. Er sei gut in Kroatien angekommen und habe sich schon eingelebt. Und er habe zwei Journalisten kennengelernt, einen aus Bihać und einen aus Sarajevo. „Ich kann mit ihnen reden wie mit dir“, las ich.

Ich klickte den Facebook-Messenger weg und zündete mir eine Zigarette an. Darko wird keine Ruhe geben. Und das ist gut so. 

Die Allwissende Datenmüllhalde

 

Lass die Jalousien runter, bevor du das Licht anmachst, sagte Oma, wenn ich beim hochgeklappten Tisch vor dem Fenster saß und Vokabel in mein Vokabelheft übertrug. Ich war elf, Oma war fünfzig Jahre älter. In den Winterferien wird es früher dunkel, da muss man sich gut verstecken. Niemand soll wissen, was hinter den Fensterscheiben geschieht.

 

Ich weiß, was du letzten Sommer getan hast. So lautete ein Filmtitel im Jahr 1997. Ein Jahr später wurde Google gegründet. Noch zur Jahrtausendwende haben wir mächtig über Big Brother geschimpft. Wer ist denn so dämlich und macht bei sowas mit?, fragte Max (Mustermann), als die privaten Nervenzusammenbrüche live in die Wohnzimmer übertragen wurden. Max hatte einen Röhrenfernseher und  Dolby Surround Boxen, verteilt auf vier Wohnzimmerecken.

Wer kein eigenes Leben hat (beziehungsweise nicht damit klarkommt), schaut sich das der anderen an. Das wird immer so sein und war immer schon so, sonst hätte Oma die Fensterläden und Jalousien nicht so dicht verschlossen, um sich die Spira anzuschauen. So ein Blödsinn, kam es dann aus ihrem Mund, das ist doch nicht mehr schön. Selber schuld, wer da mitmacht, sagten die einen, Sozialpornographie und schamlose Ausbeutung der Dummen, sagten die anderen. 

Während meiner Schulzeit  gingen mehrere Tabubrüche durch Österreich und setzten sich an die Familientische. Oma saß vor dem Fernseher, aß Mannerschnitten und trank Tee mit Rum. Sie tat es 1986, sie tat es 1996 und sie tat es auch noch 2016, knapp vor ihrem Tod. Spätestens als die österreichischen Bauern ihre Frauen via ATV suchten und der berühmte Baumeister sich mit dem x-ten Tierchen vor laufender Kamera zerstritt, gab sie es auf, mich zu bitten, blickdichte Vorhänge vor die Fenster meiner Wohnung zu hängen. Die Kameras am Schwedenplatz, ja, über die regten wir uns noch auf, ohne zu ahnen, dass an anderer Stelle längst alle Weichen gestellt waren. In unseren Wohnzimmern standen Laptops und Router. Musst nur auf Youtube gehen, hieß es, Hauptsache, die Breitbandverbindung passt. Gratis Filme, gratis Musik, gratis Hörbücher, und das alles inklusive Kommentarfunktion. Einem geklauten Gaul schaut man eben doch noch gern ins Maul. In den Schreibtischschubladen warteten die CD-Rohlinge, in den Herzen die Hoffnung auf die große Liebe. Im Netz bekommst du alles und alles kommt aus dem Netz, sogar die eigene Selbstdarstellung.  My Space, WordPress, Websingles, Facebook.

Ich weiß, was du tust und wie du tickst, gestand mir ein Informatik-Freak, der mich persönlich nie kennengelernt hat und außerhalb des Binärsystems nie kennenlernen wird. Ich weiß alles über dich, dein Leben ist eine prall gefüllte Keksdose und wird durch Glasfaserkabel gespült, um direkt im riesigen Bauch des NSA-Wals zu landen. 

Wer holt uns hier wieder raus?, fragt ein Bruchteil der Neuen Welt, dem das nicht mehr egal ist. Gott? Aber Gott weiß alles, sieht alles, hört alles, und beten hilft gar nichts.  Keiner entkommt der Allwissenden Datenmüllhalde des dritten Jahrtausends, da kannst du dich noch so sehr im Duck Duck Go verstecken oder verschlüsselte Nachrichten schicken. In der Kirche von TextSecure bist du sowieso immer schon ziemlich allein gesessen; kalt war es dort und einsam, dort hallte deine Stimme durch den leeren Raum, dort hörte dich keiner, sah dich keiner, vielleicht nicht einmal Gott, denn alle plauderten über WhatsApp.

Na und?, schmollte Max, dann wissen sie halt, welche Seiten ich aufrufe, welche Dinge ich über Amazon bestelle, welche Pornos ich sehe und welche Musik ich stehle (dafür interessiert sich die NSA ohnehin nicht). Sollen sie ruhig wissen, wen ich an- und wen ich entfreunde, mit wem ich chatte und worüber ich chatte. Ich habe nichts zu verbergen.

Trotzdem regt sich derselbe Max (Mustermann) drei Tage später auf seiner Facebook-Chronik über die fiesen Politiker auf, diese hinterhältigen Schurken, die die Terrorangriffe dazu benützen, um seine Privattelefonate aufzeichnen. Bei jeder heruntergeladenen App erlaubt Max Zugriffe auf all seine Kontakte, aber seine Telefonate (seine ureigensten persönlichen Alltagsgeschichten), die soll keiner mitschneiden, der Staat nicht, die Spira nicht und die NSA schon gar nicht. Auf Facebook spielt Max den Kritischen, dort hat er seine Selbstinszenierung fest im Griff (so glaubt er), dort ist er der Held (so glaubt er), dort zählt seine Meinung (das weiß er aufgrund der vielen Shares), dabei passt er seine Meinung bloß der eigenen Blase an (man will schließlich nicht allein gegen den Strom schwimmen). Max schimpft ein bisschen mehr, ein bisschen lauter, ein bisschen kreativer (wie er glaubt). Da schau her, wie oft er ein Daumen hoch bekommt, wenn er das System angreift und die Dummen, die das Falsche wählen, das Falsche glauben und das Falsche denken. 

Aber weiß Max noch, wer er selbst ist und wie er wirklich denkt? Oder wissen das nur die Allwissende Datenmüllhalde und das zottelige, blaue Keksmonster?

Während meiner Schulzeit  gingen mehrere Tabubrüche durch Österreich und setzten sich an die Familientische. Oma saß vor dem Fernseher, aß Mannerschnitten und trank Tee mit Rum. Sie tat es 1986, sie tat es 1996 und sie tat es auch noch 2016, knapp vor ihrem Tod. Spätestens als die österreichischen Bauern ihre Frauen via ATV suchten und der berühmte Baumeister sich mit dem x-ten Tierchen vor laufender Kamera zerstritt, gab sie es auf, mich zu bitten, blickdichte Vorhänge vor die Fenster meiner Wohnung zu hängen. Die Kameras am Schwedenplatz, ja, über die regten wir uns noch auf, ohne zu ahnen, dass an anderer Stelle längst alle Weichen gestellt waren. In unseren Wohnzimmern standen Laptops und Router. Musst nur auf Youtube gehen, hieß es, Hauptsache, die Breitbandverbindung passt. Gratis Filme, gratis Musik, gratis Hörbücher, und das alles inklusive Kommentarfunktion. Einem geklauten Gaul schaut man eben doch noch gern ins Maul. In den Schreibtischschubladen warteten die CD-Rohlinge, in den Herzen die Hoffnung auf die große Liebe. Im Netz bekommst du alles und alles kommt aus dem Netz, sogar die eigene Selbstdarstellung.  My Space, WordPress, Websingles, Facebook.

Ich weiß, was du tust und wie du tickst, gestand mir ein Informatik-Freak, der mich persönlich nie kennengelernt hat und außerhalb des Binärsystems nie kennenlernen wird. Ich weiß alles über dich, dein Leben ist eine prall gefüllte Keksdose und wird durch Glasfaserkabel gespült, um direkt im riesigen Bauch des NSA-Wals zu landen. 

Wer holt uns hier wieder raus?, fragt ein Bruchteil der Neuen Welt, dem das nicht mehr egal ist. Gott? Aber Gott weiß alles, sieht alles, hört alles, und beten hilft gar nichts.  Keiner entkommt der Allwissenden Datenmüllhalde des dritten Jahrtausends, da kannst du dich noch so sehr im Duck Duck Go verstecken oder verschlüsselte Nachrichten schicken. In der Kirche von TextSecure bist du sowieso immer schon ziemlich allein gesessen; kalt war es dort und einsam, dort hallte deine Stimme durch den leeren Raum, dort hörte dich keiner, sah dich keiner, vielleicht nicht einmal Gott, denn alle plauderten über WhatsApp.

Na und?, schmollte Max, dann wissen sie halt, welche Seiten ich aufrufe, welche Dinge ich über Amazon bestelle, welche Pornos ich sehe und welche Musik ich stehle (dafür interessiert sich die NSA ohnehin nicht). Sollen sie ruhig wissen, wen ich an- und wen ich entfreunde, mit wem ich chatte und worüber ich chatte. Ich habe nichts zu verbergen.

Trotzdem regt sich derselbe Max (Mustermann) drei Tage später auf seiner Facebook-Chronik über die fiesen Politiker auf, diese hinterhältigen Schurken, die die Terrorangriffe dazu benützen, um seine Privattelefonate aufzeichnen. Bei jeder heruntergeladenen App erlaubt Max Zugriffe auf all seine Kontakte, aber seine Telefonate (seine ureigensten persönlichen Alltagsgeschichten), die soll keiner mitschneiden, der Staat nicht, die Spira nicht und die NSA schon gar nicht. Auf Facebook spielt Max den Kritischen, dort hat er seine Selbstinszenierung fest im Griff (so glaubt er), dort ist er der Held (so glaubt er), dort zählt seine Meinung (das weiß er aufgrund der vielen Shares), dabei passt er seine Meinung bloß der eigenen Blase an (man will schließlich nicht allein gegen den Strom schwimmen). Max schimpft ein bisschen mehr, ein bisschen lauter, ein bisschen kreativer (wie er glaubt). Da schau her, wie oft er ein Daumen hoch bekommt, wenn er das System angreift und die Dummen, die das Falsche wählen, das Falsche glauben und das Falsche denken. 

Aber weiß Max noch, wer er selbst ist und wie er wirklich denkt? Oder wissen das nur die Allwissende Datenmüllhalde und das zottelige, blaue Keksmonster?

zu lesen IN:

PÉCS-TAGEBUCH - TAG 1

 

Seitdem mich das "harp glissando" geweckt hat, stelle ich mir vor, wie es wäre, Futscher auf einen Kaffee zu treffen und über seinen ersten Satz zu sprechen. Ich döse vor mich hin, hinter meinem Rücken zieht die Landschaft vorbei. Muss an Glamoč denken, wie wir uns die Schuhe ausgezogen haben, um weiterzukommen.

Seine Nachrichten kommen als heller Ton über den Facebook Messenger. Ich schreibe, ich sei müde. Wünsche eine Gute Nacht und klappe das Buch von Antonio Fian auf. Dreieinhalb Wochen will ich noch einmal mein altes Leben führen. Mag nicht Teilzeit-Mutter sein, nicht Geliebte. Nicht einmal Freundin, Bekannte, und ja, vielleicht nicht einmal Autorin. Autorinnen schreiben nicht, Autorinnen kümmern sich um Honorarnoten, Steuern und SVA Beiträge, geben Zugverbindungen bekannt und streichen Lesestellen  an.

writer in residence 2016

Am Morgen ertrinken an den Grenzen Kinder. Vielleicht sollte ich meinen Facebook-Zugang sperren.  Vielleicht sollte ich den Router abdrehen. Vielleicht ist W-Lan in WiR-Wohnungen gar nicht so gut.… Wohin sollen wir fliehen, wir, die Übersättigten?

 

Was machst du dir Gedanken über einen einzigen Satz von gestern, wenn heute Kinder erschossen werden?, brüllt mich das Posting eines Bekannten an.  Und doch ist der Satz (harp glissando) mehr  in meinem Kopf als die erschossenen Kinder, mehr als die ertrunkenen oder niedergetrampelten, denn das Sterben ist zur Normalität geworden und die Liebe zu einer Unmöglichkeit. Warum sonst sprecht ihr von den Kindern?  Sterben mit den Zwanzigjährigen keine Hoffnungen? Und was ist mit den Vierzigjährigen? Habt ihr etwa Angst, öffentlich zuzugeben, euch mit euren vierzig an das Leben zu krallen? Euch einzugestehen, dass ihr gar nicht bereit wäret, zu tauschen – euer Leben gegen das eines fremden Vierjährigen?

 

Wir leben in Puppenwohnungen, Puppenhäusern, Puppenstädten. Lackiert in bunten Farben. Die Kinder werden in den Kellern vergewaltigt, oben drehen sich die Windräder und erzeugen Ökostrom. Wir wollen keinen Smog, wir wollen keine Toten, wir empören uns auf unseren Facebook-Seiten und sehen uns Sonntagabend den Tatort an.

 

In meinem Zimmer steht ein TV-Gerät.  Wissen Sie denn nicht, dass wir  Reizsüchtige sind, die ihre Türen nie ganz schließen, dass  uns nicht einmal  die leisesten Stöhn- und Streitlaute, die aus einem gekippten Fenstern dringen, entgehen, dass wir zu tippen aufhören, nur um alles ganz genau mitzubekommen?

Sogar die Roaming-Gebühren wurden gesenkt; 6 Cent kostet die Brücke nach Südösterreich. Ich  beschließe, sie nur in den Abendstunden zu öffnen.

 

Wie damit umgehen, frage ich mich – ich, die ich immer nur für mich da war, die ich mich in der Einsamkeit und Melancholie gewiegt habe wie in einem Schaukelstuhl,  die Vorhänge vor die Fenster gezogen …

 

Puppenhaus.  Du lebst in einem Puppenzimmer. Du hast ein Bett, deckst dich mit zwei Decken zu. Am Abend lehnst du dich gegen die Rückenlehne und versteckst dich in einer fremden Welt zwischen Papierseiten. Wanderst durch Leben, die nicht dein Leben sind, lebst Gefühle, die nicht deine Gefühle sind.

 

Zuerst kamen sie und zerrten an den Gardinen. Drängten gegen Türen und Fensterläden. (Siehst du, Oma, was bringen schon Fensterläden, wenn die Welt vor deinem Haus steht?) Durch alle Öffnungen krochen sie, faulig war ihr Atem, abgerissen standen sie vor mir, zeigten auf ihre Beulen und Schürfwunden, hielten mir ihre Zahnlücken entgegen.

 

Puppenhaus. Puppenzimmer. Bunte Katzen aus Ton und Holz auf dem Buchregal. Um dich herum stehen sie mit Feder und Tinte und kratzen dir ihr Leben unter die Haut. 

 

Der Kaffee geht über, die Herdplatte zischt. „Wie geht es dir, Mama?“

Später dann das harp glissando. Meine Sehnsucht ist dehnbarer geworden, seitdem ich hier bin.

Billigcontent-Blues

 

„Mit fünfundvierzig beginnt man zu verwesen“, sagt mein Mann. „Innerlich und auch äußerlich. Ich spüre es seit einiger Zeit ganz genau.“

Ich sehe ihm ins Gesicht. Seine Augen sind geschlossen, aber ich weiß, dass er schon länger wach ist. Ich habe ihn vor einer halben Stunde seufzen gehört. Mein Mann seufzt immer, wenn er aufwacht. 

„Immer dasselbe, langweilige Ritual“, sagt er. „Aufstehen, Kaffeemaschine einschalten, Zähne putzen, Käsebrot essen, aufs Klo gehen, duschen, anziehen und in die Schuhe schlüpfen.“

„Ich schlüpfe nicht in die Schuhe“, sage ich. 

 

Oft sitze ich bis zur Mittagszeit im Morgenmantel. Manchmal öffne ich das Fenster und setze mich auf das Fensterbrett. Davor öffne ich die unterste Lade meines Schreibtisches und greife ganz nach hinten. Mein Mann wird es ahnen. Er muss es riechen, wenn er nach Hause kommt. Ich habe unsere Vereinbarung gebrochen. Wenn ich allein zu Hause bin, lang bevor mein Mann nach Hause kommt, rauche ich heimlich aus dem Fenster. 

zu lesen und zu hören auf der

StoryApp 

Unter unserem Fenster stehen die elektrischen Flottenfahrzeuge der Post. Wenn ich auf dem Fensterbrett sitze, stehen die Männer unter meinem Fenster, rauchen, reden und lachen. Ich sehe zu ihnen hinunter, und manchmal sehen sie zu mir hinauf. Dann habe ich das Gefühl, zu ihnen zu gehören. Doch dann fällt mein Blick wieder auf meinen Morgenmantel, auf den roten Frottee, und ich stelle mir vor, was sie von mir denken. Arbeitslose Schlampe, sitzt da ungewaschen im Fenster und glotzt zu uns herunter.

 

Die Postangestellten beginnen um fünf. Um fünf Uhr morgens schlafen mein Mann und ich noch. Anfangs, als wir noch ganz neu in der Wohnung waren, sind wir von den hellen Lichtern aufgewacht. Vom Rumpeln, wenn der LKW beladen wird. Heute verschlafen wir das Einschalten der Flutlichter ebenso wie das Verladen der Werbeprospekte. Wenn die Streetscooter um halb Acht surren, steigt mein Mann in seine Schuhe. Es ist der Moment, auf den ich warte. Sobald mein Mann die Wohnung verlassen hat, setze ich mich im Nachthemd und Bademantel auf das Klobrett. Ich lese bunte Zeitschriften und bleibe eine halbe Stunde sitzen. Danach wasche ich mir die Hände, setze mich an den PC, schalte den Router ein und checke die Aufträge.

 

Nicht klicken, wenn du nicht kreativ bist!

Ich klicke dennoch. Es ist halb elf. Für besonders kreative Werbetexte bezahlt Herbert aus Salzburg ganze 1,2 Cent. 

Ich klicke weiter. 

 

Gestern habe ich 80 Euro verdient.

„Das ist mehr, als andere an einem Tag verdienen“, sagt mein Mann. 

Er hat recht, andere schlichten Supermarktregale ein. Die verdienen in einem Monat, was ich in zwei Wochen verdienen könnte. Zehn Tage Sklavenarbeit für ein Unternehmen, das für die Transkription einer Audiominute 50 Cent bezahlt, bringen mir 800 Euro brutto. In  zwanzig Tagen wären das 1600 Euro. Gleich viel also, wie ich früher als Halbtageskraft in der Kanzlei verdient habe. Warum also rege ich mich auf? Ich könnte mir täglich die Kopfhörer in die Ohren stöpseln, ich müsste nicht einmal meinen Morgenmantel ablegen. Vorausgesetzt, es gibt genug Aufträge. Heinz aus Deutschwagram war zufrieden, ich liefere flott und zuverlässig. Alle sechs Interviews hatte ich an nur einem Tag abgetippt. 160 Audiominuten, das sind 80 Euro brutto und elf Stunden Arbeit. Elf Stunden sinnloses Blabla, elf Stunden Hintergrundgeräusche. Geschirrklappern, Kindergeschrei, Hubschrauber, Sirenen.

„Es gibt keinen perfekten Job“, sagt mein Mann. Und dass er auch gerne zu Hause bleiben würde. Mein Mann verdient 80 Euro in drei Stunden. Netto. Mein Mann ist nicht reich. Andere in unserer Gasse fahren PKWs, deren Erhaltung 1.200 Euro im Monat kosten. 

„Die gehören alle aus dem Auto herausgezerrt“, sagt mein Mann. Und dass das Geld gespendet werden müsste. Das Geld, das die anderen in ihre PKWs stecken. Mein Mann liest auf dem Klo das Journal des ÖAMTC. Mein Mann bildet sich. Er weiß immer ganz genau, was welches Auto kostet und wie hoch der monatliche Verbrauch ist. Dabei hat mein Mann nicht einmal einen Führerschein. 

 

Ich stelle mich unter die Dusche und wasche mich. Vorhin habe ich vier Aufträge angenommen. Eine Produktbeschreibung, zwei Landingpages, ein Blogartikel über veganen Käseersatz. Insgesamt werden sie mir zweiundsechzig Euro einbringen. Abgabetermin in vierundzwanzig Stunden. Mein Mann wird sich wieder aufregen, dass ich bis spät in die Nacht vor dem PC sitze. „Kannst du dir deine Zeit nicht besser einteilen?“, wird er fragen.

Ich könnte. Ich könnte mich sofort, in der Sekunde hinsetzen. In sechs bis sieben Stunden wäre ich fertig. Danach könnte ich die Texte bis zum nächsten Morgen liegen lassen, sie dann noch einmal überarbeiten und abschicken. 

„Bei dem Preis musst du gar nichts überarbeiten“, sagt mein Mann. „Billigcontent ist und bleibt Billigcontent.“ 

Ich bin eine Content-Schlampe. Ich verkaufe mich für drei Cent pro Wort.

 

Heinz aus Deutschwagram schreibt, er könne mir statt 50 auch 60 Cent pro Audiominute zahlen. Ich lehne ab. Heinz wird wütend, andere seien dankbar für die Aufträge. Andere tippen die Interviews in Echtzeit ab, da seien 60 Cent gutes Geld. Verarsch wen anderen, schreibe ich zurück und weiß, dass ich nie wieder einen Auftrag von Heinz bekommen werde. Kaum ist die E-Mail weg, bereue ich es. Ich hätte mit einem einzigen Auftraggeber in 20 Tagen 1600 Euro brutto verdienen können. 

„Was bist du auch immer so vorlaut?“, wird mein Mann wieder sagen, wenn er nach Hause kommt und ich ihm von Heinz aus Deutschwagram erzähle, der mir ganze 10 Cent mehr anbieten wollte,.

 

„Warum bewirbst du dich nicht wieder?“, fragte Sybille, als wir uns vorige Woche im Café am Bahnhof trafen. Sybille und ich waren einmal Kolleginnen. Vor langer Zeit. Vor ewiger Zeit, als ich noch einen 13. und 14. Gehalt hatte. Als ich noch täglich in die Schuhe schlüpfte. Als ich noch keine fünfundvierzig Jahre alt war. 

 

„Ich war gleich dagegen, dass du kündigst“, sagte Mutter. „Mit über vierzig kündigt man nicht. Du hattest doch einen guten Job! Immer dein verdammter Stolz. Das hast du jetzt davon.“

 

Mit fünfundvierzig beginnst du zu verwesen. Morgens riechst du aus dem Mund, du merkst es, wenn du dir die Hände wie eine Schüssel vor die Nase hältst und ausatmest. Am Morgen riecht man die Verwesung am schlimmsten. Ich rieche sie nicht nur bei mir, auch bei meinem Mann rieche ich sie. In letzter Zeit klagt er öfters über Magenschmerzen. Er hat Angst davor, zum Arzt zu gehen. Ab fünfundvierzig steigt die Wahrscheinlichkeit, dass es etwas Schlimmes ist. 

 

Mein Mann ist Lehrer. Seit sein Bart mehr graue als dunkle Stellen hat, sind die Schüler ruhiger geworden. Er sei jetzt eine Respektsperson, meint er. „Das musst du einmal schaffen, als Religionslehrer eine Respektsperson zu sein!“ Mein Mann lacht, aber ich sehe ihm an, dass ihm sein grauer Bart nicht gefällt. Er nimmt jetzt öfters den Rasierer zur Hand. Danach steht er minutenlang vor dem Spiegel und hebt die weißen Kopfhaare in die Höhe. Ich stelle mir vor, wie er in zehn Jahren aussehen wird. Mein Mann hatte immer dichtes, dunkles Haar. Ich sehe ihn noch immer gerne an, sogar wenn wir streiten. Alle anderen vor ihm habe ich verlassen, weil ich sie nicht mehr anschauen konnte. Nicht mehr anschauen und nicht mehr riechen. 

 

„Wieso muffeln wir so?“, fragte mein Mann neulich, als er die Wäsche sortierte. Die Wäsche ist seine Sache. Das Wäschewaschen hat er sich nicht nehmen lassen, als wir vor sechs Jahren zusammenzogen. Mein Mann macht die Küche sauber, räumt den Geschirrspüler ein und saugt die Böden. Er könne das besser als ich, meint er. Mir überlässt er das Kochen. Kochen habe er nie gekonnt. 

Mein Mann ist ein untypischer Mann. Mein Mann sieht gut aus, wäscht die Wäsche, erledigt den Abwasch und ist dennoch mit mir zusammen, und das, obwohl ich um elf Uhr noch immer im Bademantel auf dem Fensterbrett sitze und heimlich rauche.

„Alle zehn Finger kannst du dir abschlecken“, sagt Sybille.

 

Ich logge mich in mein Bankkonto ein. Die Werbeagentur hat mir das 500 Euro-Paket überwiesen. Bis jetzt habe ich Texte im Wert von 300 Euro geliefert. Die haben Vertrauen in mich, denke ich.  Und was, wenn ich morgen sterbe? Oder wenn ich aufhöre? Ich könnte mich einfach weigern, neue Texte zu schreiben. 500 Euro, das sind in etwa 60 Stunden Arbeit. 

 

Ich setze mich auf den Drehsessel und gehe auf den Link der ORF TVthek. Nachrichtensendungen, Diskussionsrunden und Politikjournale. Mein Mann weiß nichts von meiner täglichen Sucht. Dagegen ist das Nikotin harmlos. Ich sehe Erdbebenopfer und eine zerbombte Stadt im Nahen Osten. In Vorarlberg hat einer mit dem Messer zugestochen. Der Attentäter war weiß und trug ein Motörhead-T-Shirt, heißt es. Die neuen Wahlkarten sind auch schon wieder schadhaft. Irgendetwas stimmt nicht bei dem Klebstoff. Man könnte sie aufmachen und die Wahlzettel austauschen, heißt es. 

Ich trinke Kaffee. Der Mann vom Ministerium hat eine dicke Knollnase mit tiefen Kratern. In den Kratern stecken schwarze Punkte. Dass man den auch besser hätte schminken können, denke ich. „Wird diese Wahl also auch wiederholt werden müssen?“, fragt der Moderator. Der Mann mit den schwarzen Punkten sieht verzweifelt in die Kamera und stottert.

 

„Warum haben Sie eigentlich keine Kinder?“, fragte der Notar, in dessen Büro ich arbeiten wollte. Ich saß ihm gegenüber, klassische Vorstellungsgespräch-Situation. 

„Und wieso haben Sie Kinder?“, fragte ich ihn. „Schauen Sie denn keine Nachrichten?“

Obwohl es hieß, ich hätte die besten Bewerbungsunterlagen geschickt, bekam den Job eine andere. Eine, die nett lächeln kann, eine, die ihren Chef nicht verunsichert. Eine, die keine zynischen Bemerkungen rauswürgt. Ich passe nicht an einen Empfang, da hat der Notar schon recht. Besser, er nimmt die mit dem netten Lächeln. Bei so einer fühlen sich die Klienten wohl. So eine weiß immer etwas Nettes zu sagen. Die macht sich keine Gedanken über den Verrottungsprozess der Gesellschaft und ihren eigenen Verwesungsgeruch.  So eine lebt in einer Feng-Shui Wohnung, mit netten Bildern von Steinen und Wasserquellen.

 

Am späten Nachmittag sitzt mein Mann auf dem Klo und rechnet nach. Als er in die Küche kommt, hält er mir das ÖAMTC-Journal unter die Nase. „Eine Bombe sollte man unter diese Kübel werfen“, sagt er. „Oder man nimmt ein Messer und ritzt den Lack auf.“ 

Ich schäle Kartoffeln und Karotten. Mein Mann setzt sich an den Küchentisch und erzählt mir von Schülern, die ihre Joints vor ihm verstecken, wenn er im Park an ihnen vorbeigeht. „Dabei finde ich Joints gar nicht so schlimm“, sagt er. „Die, die Joints rauchen, sind meist harmlos.“

 

Ich sehe zu ihm hinüber. Die Narbe ist fast nicht mehr sichtbar. Die Narbe knapp unter dem Haaransatz, die nur ich kenne. Zehn Monate hat es gebraucht, bis er sich wieder auf die Straße getraut hat. Sie sind zu dritt gewesen. Drei Neunzehnjährige. „Wir wissen ganz genau, dass du das Arschloch warst“, sagten sie. 

Mein Mann trug die Haare schulterlang. Immer schon. Das kommt in einem Sportgymnasium nicht gut an. Vor allem nicht, wenn du obendrein noch Religionslehrer bist. Die Kerle waren Eishockey-Spieler. Damals noch halbe Kinder, heute sind zwei von ihnen in der Nationalmannschaft. Dass sie ihren ehemaligen Lehrer verprügelt haben, interessierte keinen im Verein. Dort, wo wir früher wohnten,  gelten noch andere Regeln. Da ist einer mit langen Haaren selber schuld. Schwuchtel. Perversling. Wer gibt schon eine schlechte Note in Religion? Noch dazu, wenn er weiß, dass die Schüler brutal sind und die Eltern stinkreich, mit Einfluss in der Gemeinde?

Passanten haben den Überfall beobachtet. Sie sind gekommen, als alles vorbei war. Keiner will zwischen Fäuste geraten. Schon gar nicht, wenn sie den Söhnen reicher Hotelbesitzer gehören. 

 

Mein Mann wurde genäht. Drei Monate später kam der Zusammenbruch. Mein Mann landete in der Psychiatrie, mein Chef legte mir nahe, auf Urlaub zu gehen. Einer der Hotelbesitzer war sein Klient. Unsere Kanzlei auf der einen Seite, mein Mann auf der anderen, das ging nicht. Ich schimpfte meinen Chef ein feiges Arsch und reichte die Kündigung ein.

 

Der Vater des Jungen fuhr in einem schicken BMW vor. Mein Mann und ich kamen mit dem Bus. Der Vater des Jungen überreichte meinem Mann ein dickes Kuvert. Man könne sich noch immer außergerichtlich einigen. Mein Mann schüttelte den Kopf und betrat das Gebäude.

 

Wir wechselten den Wohnort. Mein Mann bekam eine neue Stelle. Das war Glück. Dass er es dennoch schaffte, wieder in einer Klasse zu stehen. Ich hätte das nicht gekonnt.

 

Mein Handy piepst. 

„Einer deiner Liebhaber?“, fragt mein Mann, wie er es immer tut, seitdem ich den Benachrichtigungston für eigehende E-Mails eingeschaltet habe. 

Ich leere Öl in die Pfanne und schneide die Zwiebel klein. Dann greife ich zu meinem Handy. Heinz aus Deutschwagram bittet mich, noch drei letzte Audiodateien zu übernehmen. Er brauche sie bis übermorgen, er zahle mir ausnahmsweise 70 Cent. 

Das Öl in der Pfanne beginnt zu brutzeln. Ich lasse die geschnittenen Zwiebel vom Brett rutschen und greife nach dem Kochlöffel. 

„Pass auf, dass der Rauchmelder nicht wieder angeht“, sagt mein Mann und faltet das ÖAMTC-Journal zusammen.

Der Heimkehrer 

 

Dass das nicht möglich sei, dass er doch nicht einfach so zurückkommen könne, so mir nichts, dir nichts, nach so vielen Jahren, wie ein von der Gefangenschaft Heimgekehrter. Und überhaupt, jetzt, wo sie doch gerade alles verkauft habe, das Haus und die Felder.

Die Großmutter schüttelte den Kopf, immer wieder, nein-nein-nein, von links nach rechts und wieder zurück, nein-nein-nein, biss mit dem Unterkiefer fest auf den Oberkiefer, nein-nein-nein und nochmals nein, er solle wieder dorthin zurück, wo er hergekommen sei, sie könne ihn hier nicht mehr brauchen. Und außerdem ziehe sie bald nach Graz, das Haus sei bereits verkauft, alle Papiere unterschrieben, der Kaufvertrag und auch der Auftrag für die Umzugsfirma, morgen käme man die Kartons abholen, viel seien es ohnehin nicht. „Wozu das alte Klumpert mitnehmen?“

Da habe der Großvater mit der Faust auf den Tisch geschlagen.

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So erzählt sie es mir, jetzt, da sie weiß, dass der Krebs sie bald auffressen wird, dass nichts übrig bleiben wird von ihr. Mit der Großmutter geht es zu Ende, das sagt sie selbst: „Mit mir is bald aus, aus und vorbei.“

Aber das müsse sie mir noch erzählen, wie der Großvater damals plötzlich im Türrahmen gestanden sei, als wolle er wieder einziehen bei ihr, als seien keine sechs Jahre vergangen. Mit den schweren Arbeitsstiefeln sei er in die Stube gepoltert und habe sich auf die Eckbank gesetzt, gefragt, was es zu essen gäbe. Da habe sie ihm gesagt, dass sie ihn nicht mehr zurück wolle, und dass sie nach Graz ziehen würde. Die Faust des Großvaters habe ein pumperndes Geräusch gemacht, als sie auf dem Tisch aufschlug. Da habe sie sich dann schon ein wenig gefürchtet, sagt die Großmutter. Obwohl, eines müsse sie ihm lassen, geschlagen habe er sie nie, nur den Buben habe er geschlagen, grün und blau verdroschen habe er ihn, und sie sei daneben gestanden, habe zugeschaut, für ihn, habe ihm ihre Kraft geschickt. „Mental, verstehst du?“ Nur einmal war sie dazwischen gegangen, das war, als sie gewusst hat: Wenn ich jetzt nicht eingreif´, dann haut er mir den Buben tot.

„Damals war das noch so“, sagt die Großmutter, als müsse sie sich noch alles geschwind von der Seele reden, „damals hat es geheißen: Wenn du dein Kind nicht züchtigst, verkommt seine Seele.“ Verkommen ist er dann trotzdem, der Bub, und seine Seele dazu, ein Säufer ist er geworden, wie der Großvater, hat seine Frau geschlagen. Das wenigstens habe der Großvater nie getan, sagt die Großmutter, die Hand habe er nie gegen sie erhoben, seine Taktik sei gewesen: Ignorieren und aufstehen. Dazu habe es nicht einmal einen Streit gebraucht, da habe ein schiefer Blick ausgereicht. Deswegen habe sie auch keine Angst gehabt, als sie das mit dem „alten Klumpert“ gesagt habe, ein bisschen vielleicht, das schon, als er mit der Faust auf den Tisch geschlagen habe, aber hauptsächlich habe sie sich gewundert, dass er nicht  aufgestanden und in sein Wirtshaus gegangen sei, so wie er es immer getan habe, vor seinem Verschwinden.

 

Zwei Weltkriege habe der Großvater überlebt, den ersten noch als Kind, den zweiten dann am Getreidefeld, aus beiden sei er unverwundet herausgekommen. Anders als der Vater der Großmuter, den habe es schon im ersten Krieg erwischt, dabei sei er so ein fescher Mann gewesen. Als hätte man auf die Feschen weniger geschossen, als sei erst das Auslöschen von etwas so Schönem wie dem Urgroßvater das eigentliche Verbrechen gewesen. 

Dass der Urgroßvater in den Tod gegangen ist für Kaiser, Gott und Vaterland, das hat hinterher keinen mehr interessiert, schon gar nicht in einem Dorf wie Unzmarkt, dorthin war der Kaiser nie gekommen, maximal der Weizen für seine Kaisersemmeln kam vielleicht von dort, aber sogar das ist unwahrscheinlich. Der Weizen für die Kaiserliche Armee hingegen sei tatsächlich aus Unzmarkt gewesen, erzählt die Großmutter, und auch die Henderln und die Schweinderln für die Offiziersverpflegung. „Die einfachen Soldaten sollen ja nur schimmliges Gemüse bekommen haben“, sagt sie, dabei kann sie das gar nicht wissen, denn der Urgroßvater ist ja nie zurückgekommen aus dem Krieg, und sie selbst hatte immer genug frisches Gemüse als Kind, in Unzmarkt.

Was denn überhaupt der Kaiser und der Urgroßvater mit dem Großvater zu tun hätten, frage ich.

„Na, weil er doch zwei Kriege überlebt hat, dein Großvater“, sagt die Großmutter und schließt die Augen. Sie liegt auf einem der gepolsterten Gartenbetten und hat eine Decke auf den Knien, es ist noch frisch, nur die Sonne scheint schon warm auf uns herunter.

In der Küche sei sie gestanden, sagt sie, am Herd, und es sei genauso ein Tag gewesen wie heute, am Anfang vom Frühling, man habe schon die ersten Krokusse gesehen. Sie habe den ganzen Tag alles, was sie behalten wollte, in Kisten verstaut und der Nachbar habe ihr geholfen, das Gerümpel wegzuführen, damit sie das Haus ordentlich übergeben konnte, nicht mit dem ganzen alten Klumpert darin. Und dann, gerade als sie sich eine Erdäpfelsuppe habe kochen wollen, sei die Tür aufgesprungen und der Großvater sei im Zimmer gestanden, als sei nichts geschehen, als hätte er sich nicht sechs Jahren zuvor das Genick gebrochen bei seiner Arbeit im Kohlebergwerk. 

Dass der Großvater nicht so gewesen sei, als ihn kennen gelernt habe, sagt die Großmutter. Dass er ein netter, sanfter Mann gewesen sei, nur dann, in der Ehe, sei er plötzlich derb geworden, sei nach der Arbeit saufen gegangen und ihr beim Heimkommen an die Wäsche mit seinen schwarzen, schwieligen Händen. Und sie jedes Mal schwanger, zuerst mit dem Onkel Erich, dann mit dem Onkel Jürgen und dann mit der Silvia. 

Der Jürgen ist dann mit dem Motorrad verunglückt, sechs Jahre nachdem der Großvater den Arbeitsunfall hatte, und der Erich ist nach Wien, hat am Bau begonnen und genauso gesoffen wie der Großvater, hat geheiratet und ein Kind bekommen, jetzt ist er wieder geschieden und darf sein Kind nicht mehr sehen. Nur aus der Silvia ist etwas geworden, die hat studiert und geheiratet und mit siebenundzwanzig hat sie dann ein Kind bekommen.

„Der Walter ist ein guter Mann“, sagt die Großmutter, „der hat die Silvia und dich gern. Und wie fleißig er war, beim Hausbau damals.“

Dass das gar nicht so leicht gewesen sei, nach Graz zu ziehen, nachdem ihr der Großvater im Traum erschienen sei. Als hätte sie ihm die Heimat genommen, als müsse sein Geist jetzt im Haus fremder Leute wohnen. „Glaubst du, er spukt jetzt dort herum?“, fragt die Großmutter und zieht sich die Decke über den Oberkörper, lacht dabei. 

Ich stelle mir ihre kaputten Hirnsynapsen vor, und dass sie jetzt verrückt wird, dass ihr das zu wünschen sei, denn der Arzt hat gesagt, dass die nächsten Wochen schlimm werden.

 

Die Großmutter wohnt im ersten Stock im Haus meiner Eltern. Als Kind kam ich zu ihr zum Puppenspielen, und im Sommer brachte sie mir das Federballspiel bei. Meine Großmutter war immer eine Großmutter ohne Großvater, die im Garten saß und Kreuzworträtsel löste, sich in dumme Liebesgeschichten vertiefte und manchmal Tischtücher mit Stickereien verzierte. Nur im Schlafzimmer sah man den verunglückten Großvater, vor einem gelben Traktor, mir gefiel er immer besser als der Urgroßvater mit seinem Franz-Joseph-Schnurrbart. Wenn ich als Kind vor dem Foto stehen blieb, dachte ich immer arme Großmutter, und stellte mir den Tag vor, an dem man an ihre Tür geklopft und ihr mitgeteilt hatte, dass ihr Mann verunglückt sei. 

Ob sie denn nicht wenigstens am Anfang in den Großvater verliebt gewesen sei, frage ich die Großmutter. 

„Ach Kindchen“, sagt sie, „was hab ich denn mit meinen siebzehn schon von der Liebe gewusst? Er hat halt gut ausg´schaut, und so viele hat´s während dem Krieg nicht geben, in die man sich hätt´ verlieben können.“

MARGARITA KINSTNER (Margarita Puntigam-Kinstner)